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Heilige zur Kasse gebeten: Im Jahr 2003 forderte die GEZ von einer "Frau Walburga ST" im Münsterland die Entrichtung von Rundfunkgebühren und bedrohte die vermeintliche Schwarzseherin mit 1000 Euro Bußgeld. Was die Eintreiber nicht wussten: Bei der Dame handelte es sich nicht um eine notorische Kleinkriminelle, sondern um die Heilige Walburga - die Schutzpatronin einer katholischen Kirchengemeinde.
Der zuständige Pfarrer antwortete im Namen der seit mehr als 1000 Jahren verstorbenen Heiligen, wie die "Welt" damals zitierte: "Ich - um 710 geboren, da es noch keine Radio- und Fernsehgeräte gab - kann ja verstehen, dass man in Zeiten knapper Kassen jedem Hinweis nachgehen muss, wo noch was zu holen ist. Aber dass Sie dabei nicht einmal vor der Kirche und den Heiligen Halt machen, stimmt mich doch ein bisschen traurig." Doch die GEZ gab nicht auf: 2004 schrieb sie "Frau Walburga" erneut an - und forderte 1242,82 Euro für den Betrieb eines alten Videogeräts im örtlichen Pfarrheim. |
Sie trickste, mahnte und machte sogar Hausbesuche. Vom Volksmund GEZtapo und Gebühren-Stasi geschimpft, ist die Gebühreneinzugszentrale die wohl bestgehasste Institution Deutschlands. Im Januar ändert sich ihr Name - ihre sonderbarsten Maßnahmen werden trotzdem nicht in Vergessenheit geraten. Von Solveig Grothe und Katja Iken
Punkt acht Uhr klingelt es. "Guten Abend", sagt der freundliche Herr vor der Wohnungstür, "störe ich Sie gerade bei der 'Tagesschau'?" "Ja", antwortet der Wohnungsinhaber, woraufhin sich der Besucher an der Tür als Mitarbeiter der GEZ zu erkennen gibt und triumphierend ein Anmeldeformular hervorholt. "Dann füllen Sie das bitte aus!" Erwischt! Der Datenkrake hat erneut zugeschlagen. Wieder ein Illegaler weniger.
Die Fangfrage mit der "Tagesschau" ist legendär. Sie kursiert im Netz, in unzähligen Geschichten und Foreneinträgen über die "perfiden Methoden" der Behörde mit dem offiziellen Titel Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland (GEZ). Man mag sich fragen, ob auf diese Art tatsächlich jemals jemand überführt wurde. Egal. Solche Tricks kann sich nur die GEZ ausgedacht haben.
Der Kassenwart des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist die wahrscheinlich bestgehasste Institution der Bundesrepublik, milieuübergreifend verteufelt, umgibt sie die Aura eines skrupellosen Geheimdiensts. Als "Gebühren-Stasi" wird sie beschimpft, manchmal gar als "GEZtapo" verteufelt. Verhör- und Einschüchterungspraktiken werden ihren Mitarbeitern nachgesagt, nachrichtendienstliches Schnüffeln mit Spähern und Spionen, die verborgene Empfangsgeräte aufspüren und ihre Besitzer zum Geständnis zwingen.
Am 1. Januar soll die Schnüffelei ein Ende haben - dann ist jeder dran. Dann wird abgerechnet, und zwar pro Wohnung, egal ob mit oder ohne Fernseher. Der Absender der Rechnung wird sich dann freundlich-harmlos "Beitragsservice" nennen. Doch es bleibt fraglich, ob sich die GEZ mit dem neuen Namen auch vom alten Image trennen kann. Denn der schlechte Ruf ist über Jahrzehnte hart erarbeitet.
Schmeicheln, loben, drohen
Im Auftrag von ARD, ZDF und Deutschlandfunk hatte die Organisation mit Sitz in Köln in den siebziger Jahren den Job des Geldeintreibers übernommen - und damit zugleich die Rolle des Prellbocks. Denn das Problem der mangelnden Zahlungsbereitschaft war so alt wie der Rundfunk selbst. Die undankbare Aufgabe oblag zuvor der Post, der es bereits seit den zwanziger Jahren offenbar nur unter Androhung von Gefängnisstrafen gelungen war, Radiohörer zur Entrichtung der monatlichen Zwei-Mark-Gebühr zu motivieren.
Warum sie diese überhaupt bezahlen sollten, war vielen Radiobesitzern wohl auch drei Jahrzehnte später nicht klar. Wie sonst ließe sich erklären, dass 1952 der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR), damals die größte Sendeanstalt der Republik, einen Dichterwettstreit auslobte - für ein Loblied auf die Gebühr. Die Hörer reimten sich so einiges zusammen: "Zahl die kleine Funkgebühr, hör die große Welt dafür", "Sei ein Rundfunkkavalier und genieße mit Gebühr" oder auch "Vater, Mutter, Oma strahlt, unser Rundfunk ist bezahlt". Die Sprüche wurden im Radio gesendet und großflächig plakatiert.
Dem Erfolg der Eigenwerbung offenbar misstrauend, baute der Sender parallel eine Scham und Angst verbreitende Drohkulisse auf: Er kündigte den Einsatz sogenannter Wellendetektive an. Die "hochempfindlichen Spezialgeräte", wie es in einer Pressemitteilung des NWDR hieß, seien bereits im Krieg erprobt worden. Ein Mann könne die Apparatur "bequem und unauffällig in der Hand tragen" und damit leicht jede Treppe ersteigen. Der Bayerische Rundfunk brauchte eine solche "Geheimwaffe" nicht, er setzte auf das polizeimäßige Auftreten seiner Ermittler.
Geld ohne Gegenleistung
Der Ärger ging jedoch erst richtig los, als 1953 auch noch die Fernsehgebühr fällig wurde: fünf Mark pro Monat, zusätzlich zu den zwei Mark fürs Radio - selbst dann, wenn man letzteres gar nicht besaß. Konnte man Geld für etwas verlangen, wofür man gar keine Gegenleistung bekam? Man konnte. Staatssekretär Friedrich Gladenbeck vom Bundespostministerium hatte einen griffigen Vergleich parat: Rundfunk- und Fernsehgebühren seien wie ein Angelschein. "Der Inhaber erwirbt das Recht zu angeln, nicht aber den Anspruch, dass er tatsächlich Fische fängt."
Auf einen guten Fang hofften hingegen die Kassierer der Gebühren. Denn obwohl es 1955 tatsächlich noch viele Haushalte ohne Fernseher gab, verlangten Briefträger in Essen kategorisch sieben Mark an jeder Haustür. Erst als die Nur-Radio-Besitzer protestierten, taten die Kassierer überrascht: "Ach, Sie haben kein Fernsehgerät?", dann entschuldigten sie sich und gaben sich mit zwei Mark zufrieden. Der Job des Gebühreneintreibers hatte seine Unschuld verloren.
Für den flächendeckend schlechten Ruf sorgten allerdings nicht nur einzelne schwarze Schafe. Auch in den folgenden Jahrzehnten gelang es offenbar weder Post noch Sendern, das System der Finanzierung plausibel zu machen: Jede geplante Gebührenerhöhung löste einen Aufschrei aus - so etwa Mitte der sechziger Jahre der zusätzliche Obolus fürs Farbfernsehen. "Keinesfalls wäre es richtig", so schrieb etwa ein Leser 1966 im "Hamburger Abendblatt", "Fernsehempfänger mit erhöhten Gebühren zu belasten, wenn sie mit ihren Geräten nur Schwarzweiß-Sendungen empfangen können." Viele Zuschauer seien "geneigt und teils gezwungen, auf Fernsehen zu verzichten", sollte die Gebühr erhöht werden. Sie wurde: 1970 das erste Mal, und danach in deutlich kürzeren Abständen.
Satire oder Realität?
Jede Steigerung machte Fernseh-Deutschland wütender. Ändern konnte daran auch die 1976 eingeführte Gebühreneinzugszentrale nichts. Im Gegenteil: Die GEZ brüskierte ihre potentiellen Kunden mit einem Werbespot, der allen Noch-Nicht-Registrierten unterstellte, sie seien zu dämlich, ein Anmeldeformular auszufüllen.
Werbespots gab es im Laufe der Jahre noch so einige, und wenn sie die Zuschauer nicht gerade beleidigten, wurden sie ihm besten Falle missverstanden. Etwa von "Mokka", der/die sich in einem Forum daran erinnerte, im Kino eine "Werbung gegen Rassismus" gesehen zu haben: "Ein Weißer sagte 'Ich seh' schwarz!' und von der anderen Seite kam ein Schwarzer und sagte 'Ich weiß'" - "Sicher, dass das eine Werbung gegen Rassismus war???!", antwortete ein anderer Forumsnutzer. "Mir ist eher so, dass da die schreckliche GEZ dahintersteckte (…) ein beschis.sener Konzern (…)" Nachhaltiger kann Imagewerbung kaum in die Hose gehen.
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