| "Joint Interrogation Center Fort Hunt" in Virginia. In dem geheimen Verhörlager bei Washington wurden von Sommer 1942 bis 1945 mehr als 3000 deutsche Kriegsgefangene verhört und in den Zellen heimlich belauscht. Über jeden von ihnen fertigte der US-Nachrichtendienst ein Dossier an: Insgesamt blieben aus Fort Hunt 102.000 Seiten Aktenmaterial erhalten. |
Sie plauschten über Bier und Massenmord: Mit erschreckender Offenheit sprachen Soldaten von SS und Wehrmacht im Gefangenenlager Fort Hunt untereinander über ihre Gräueltaten - und die US-Geheimdienste hörten mit. Die Protokolle geben Auskunft über das Denken von Mitläufern und wütenden Nazi-Kriegern. Von Felix Römer
"Da waren doch Erschießungen am laufenden Band." Als der 22-jährige Fritz Swoboda zu erzählen beginnt, erscheinen die Szenen des 26. Juni 1942 vor seinem Auge: Die SS-Kaserne im Prager Stadtteil Rusin, neben ihm seine zwölf SS-Grenadiere mit ihren Gewehren, vor ihm an der Mauer immer gleich sechs tschechische Zivilisten, dann immer wieder sein tödliches Kommando "Hoch, legt an, Feuer", anschließend seine Gnadenschüsse mit der Pistole. Die SS nimmt blutige Rache für das Attentat an Obergruppenführer Reinhard Heydrich vom 27. Mai 1942. Hunderte Tschechen fallen den Massenerschießungen zum Opfer - an denen der junge SS-Oberscharführer mit beteiligt ist.
Sein Gesprächspartner, Oberleutnant Werner Konrad, lauscht gebannt, als Swoboda ungerührt beschreibt, wie leicht ihm das Morden fiel: "Zuerst hat man gesagt, prima, besser wie Dienst machen, aber nach ein paar Tagen hätte man lieber wieder Dienst gemacht. Das ging auf die Nerven, und dann wurde man stur, dann war es egal."
Es ist der 1. Dezember 1944, 18.30 Uhr: Als Fritz Swoboda redet, betätigt der U.S. Corporal Lawrence H. Schuette im Nebengebäude sofort die Aufnahmetaste. Swoboda ist mittlerweile Kriegsgefangener der U.S. Army und befindet sich in einer der geheimsten Einrichtungen des Zweiten Weltkriegs: dem Verhörlager Fort Hunt vor den Toren Washingtons. Hier vernehmen und belauschen die US-Nachrichtendienste bis Kriegsende mehrere tausend deutsche Soldaten, unter ihnen auch Persönlichkeiten wie der spätere Schriftsteller Alfred Andersch.
Wie aus Zivilisten Krieger wurden
Fort Hunt ist seit Sommer 1942 in Betrieb - eingerichtet nach dem Vorbild und unter Anleitung der Briten. Hierzu reist im Juni 1941 eigens eine Delegation des britischen Nachrichtendienstes nach D.C. Die Funktionsweise der Verhörlager zu erklären, fällt dabei dem 33-jährigen Commander Ian Fleming zu: Der spätere Schöpfer von James Bond trägt auf diese Weise dazu bei, dass Fort Hunt entsteht - und damit eine der größten und aussagekräftigsten Dokumentensammlungen über Hitlers Soldaten überhaupt.
Fort Hunt produziert insgesamt rund 102.000 Seiten an Vernehmungsberichten und Abhörprotokollen von mehr als 3000 Wehrmachtsangehörigen, die Akten sind für Nachfahren mittlerweile online zugänglich. Weil die Soldaten in den Abhörprotokollen so offen wie nie sprechen, sind sie historisch von größtem Wert - das haben jüngst schon die Untersuchungen über die britischen Abhörakten gezeigt.
Die Akten aus Fort Hunt haben jedoch noch eine zusätzliche Dimension. Anders als die Londoner Unterlagen geben sie detailliert Auskunft über die Identität der abgehörten Deutschen: über ihre soziale Herkunft, ihre Militärlaufbahn, ihre Lebensgeschichte. Sie offenbaren, wie das Denken der Soldaten mit ihren Biografien zusammenhing - und wie aus Zivilisten Krieger wurden.
"Etwas Großartiges"
So ist das auch in Fritz Swobodas Fall: Seine Vorgeschichte ist geprägt von der jahrelangen Sozialisation in SS und Krieg. Er wächst in Brünn und Wien auf, absolviert die Volksschule und eine Lehre als Gärtner. 1939 leistet er den Reichsarbeitsdienst und tritt anschließend als 17-Jähriger der Waffen-SS bei. Mit der berüchtigten Division "Das Reich" kämpft er auf dem Balkan und an der Ostfront, später auch im Westen. Erschießungen von Zivilisten, Partisanen, Kommissaren und Gefangenen kennt er längst, als er 1942 in Prag mitschießt.
Auch die Indoktrination zeigt Wirkung, seine Wahrnehmungen sind beherrscht von der NS-Ideologie: Er versteht sich als Weltanschauungskrieger, und auch bei den Exekutionen in Prag hat er "in keinem Fall" das Gefühl, "vollkommen unschuldige Menschen vor mir zu haben", sondern "gerecht verurteilte Menschen" - von denen ihm viele obendrein als "Schwächlinge" erscheinen. Gewiss waren ideologische Überzeugungen keine Voraussetzung, um im deutschen Vernichtungskrieg zum Täter zu werden. Doch Unterführer wie Swoboda spielten bei den Gewalttaten als treibende Kräfte häufig eine zentrale Rolle.

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