| Schlafsaal: Nach Angaben des Zeitzeugen Tom Wodzinsky, der sich nach Veröffentlichung der Bilder bei den Rempfers meldete, sind auf diesem Foto die Unterkünfte zu sehen, wie sie von Offizieren der niederen Ränge und normalen Soldaten in Block E, F, G, H und K des Offiziersgefangenenlagers Murnau bewohnt wurden. |
Theater hinter Stacheldraht: In Oberbayern waren im Zweiten Weltkrieg polnische Offiziere inhaftiert - und verbrachten ihre Tage mit lesen, schwimmen, lernen. So wollte Hitler-Deutschland den Eindruck erwecken, es hielte sich ans Völkerrecht. Ein Bilderfund dokumentiert das vermeintliche Idyll. Von Solveig Grothe
Die polnischen Häftlinge haben sich verkleidet. Sie tragen phantasievolle Uniformen mit prunkvoll-filigranen Orden, Schnauzbart und Kneifer. Andere haben sich in wallende Frauenkleider gezwängt, die Wimpern getuscht, die Haare stecken unter einer blonden Perücke. Sie lachen und tanzen auf einer Bühne. Vor ihnen im Orchestergraben sitzen Mitgefangene, Männer mit Violinen, Flöten und Trompeten, konzentriert und gut gelaunt in ihr Spiel vertieft.
Es sind Szenen aus dem Lageralltag im nationalsozialistischen Deutschland. Sie zeigen eine Haftanstalt in Murnau, Oberbayern, während des Zweiten Weltkrieges.
Die Bilder wollen nicht recht passen in die Vorstellung von Lagern der Nazis, die unweigerlich an Zwangsarbeit und Vernichtung denken lassen. Und tatsächlich klangen die Berichte von Theater spielenden Gefangenen, von Bibliotheken, Ausstellungen, Sportveranstaltungen und akademischen Vorlesungen hinter Stacheldraht und Gefängnismauern unglaubwürdig. Selbst dann noch, als der Krieg längst aus war, die Gefangenen in ihre Heimat zurückgekehrt waren und die Erzählungen über das angeblich so reiche Kulturleben im Lager aus ihrem eigenen Mund kamen.
In Deutschland weiß man noch immer wenig über die Lebensumstände kriegsgefangener Polen in den sogenannten Oflags, den deutschen Gefangenenlagern für Offiziere. Die Sprachbarriere ist ein Grund dafür. Memoiren ehemaliger polnischer Häftlinge erschienen in den vergangenen Jahren meist nur auf Polnisch. Mit Fotografien ist das anders. Und dennoch hat es mehr als zehn Jahre gedauert, bevor eine größere Öffentlichkeit im oberbayerischen Murnau von dem Fund eines ungewöhnlichen Bilderkonvoluts im Süden Frankreichs erfuhr. Erstaunlich umfänglich dokumentiert es jene Vorgänge, die sich während und kurz nach Ende der Nazi-Herrschaft im Oflag VII-A, wie das Offizierslager unweit des Staffelsees am Fuße der Alpen offiziell hieß, ereignet haben.
Eine Holzkiste im Müll
In einer Winternacht des Jahres 1999 war der damals 19-jährige Olivier Rempfer aus der südostfranzösischen Kleinstadt Cagnes-sur-Mer gerade auf dem Heimweg von einem Abend mit Freunden, als sein Blick auf eine Holzkiste fiel. Die Box lag auf einem Müllcontainer in einer Straße des Nachbarortes Saint-Laurent-du-Var. Er öffnete sie neugierig und entdeckte darin eine Menge in Papier eingerollter zylinderförmiger Gegenstände.
Erst zu Hause wickelte er sie aus und stellte fest, dass es sich um Rollfilme handelte, schwarzweiß, 35-mm-Kleinbild. Er hielt die Filmstreifen gegen das Licht - und sah Uniformen, Baracken, Wachtürme und verkleidete Männer auf einer Bühne. Zunächst glaubte er, die Fotos seien während der Dreharbeiten zu einem Kriegsfilm entstanden, die Menschen darauf Schauspieler. Olivier legte die Schachtel beiseite und vergaß sie, bis sie Jahre später seinem Vater, einem Fotografen, in die Hände fiel.
Alain Rempfer wusste nicht, was auf den Negativen zu sehen war - bis er sich im Jahr 2003 einen Filmscanner kaufte und schließlich Zeit fand, sich genauer mit den rund 300 Aufnahmen zu beschäftigen. "Ich erkannte schnell", erzählt der heute 64-Jährige, "dass es sich um echte historische Fotos handelte, aufgenommen während des Krieges in einem Gefangenenlager. Auf dem Rand der Filme stand die Marke 'Voigtländer', ich kannte den Namen zwar nicht von Filmen, wusste aber, dass Voigtländer ein deutscher Kamerahersteller war."
"Die jungen Männer schauten uns an"
Rempfer suchte nach einem Anhaltspunkt dafür, wo die Bilder entstanden sein könnten. An der Heckklappe eines Lkw, auf dessen Ladefläche mehrere Männer saßen, waren in weißer Schrift "PW CAMP MURNAU" und die Buchstaben PL zu lesen. Rempfer fand heraus, dass es im deutschen Murnau von 1939 bis 1945 ein Kriegsgefangenenlager gab, in dem polnische Offiziere festgehalten wurden.
Vater und Sohn sahen sich die Bilder genauer an - und waren fasziniert: "All diese jungen Männer schauten uns durch die Kamera direkt an, während sie in diesem Lager lebten", so Alain Rempfer, "und wir wissen nicht, wie sie heißen, wie ihr Alltag im Camp war, wissen nichts über ihre Hoffnungen, ihre Gefühle." Seltsam sei das gewesen, als fehle der Ton, als hätte man einen Stummfilm vor sich.
"Oliver und ich überlegten, ob wir die Bilder einem Museum oder einer Bibliothek geben sollten. Aber wir waren nicht sicher, ob sie dann nicht wieder für Jahre vergessen würden." Eine Website, so fanden sie, sei der beste Weg, um sie Menschen in aller Welt zu zeigen. Jenen, die daran interessiert sein könnten, und vor allem den Angehörigen ehemaliger Häftlinge, die Informationen suchten oder jemanden auf den Bildern erkannten.
"Ein übersehenes Kapitel der Zeitgeschichte"
Und tatsächlich meldeten sich viele Familien ehemaliger polnischer Kriegsgefangener, die heute in den USA, Australien, Kanada oder England leben. "Einige von ihnen haben auf den Bildern ihren Vater, Großvater oder Onkel erkannt", sagt Alain Rempfer. Die ehemaligen Häftlinge seien nach ihrer Befreiung sehr diskret bezüglich ihrer Jahre in Gefangenschaft gewesen, hätten die Erinnerungen für sich behalten. Erst jetzt würden ihre Familien entdecken, wie das Leben während dieser schwierigen Zeit gewesen sei.
Den Fotografen zu finden, sagt Rempfer, hätten sie allerdings nie versucht. "Diese Aufgabe erschien uns zu schwierig. Wir dachten, am ehesten würde die Website dabei helfen - aber bis heute war das noch nicht der Fall."
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