Über einestages

1553-2013

Gerichte mit Geschichte Die Entzauberung der Mampf-Mythen


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…sondern aus Japan. Dort wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts runde Kekse gebacken und so geformt, dass man kleine Spruchbänder in sie hineinstecken konnte. Ein japanischer Gastronom brachte die Orakelkekse nach Kalifornien und begeisterte mit seinem speziellen Teegebäck bald ganz Amerika. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor wurden die Japaner eingesperrt - und die Chinesen übernahmen die Glückskeksproduktion.


Glückskeksfabrik in den USA, 1955

Wie veränderte Pearl Harbor die Geschichte der Glückskekse? Wer aß den ersten Dürum Döner? Und warum speist man in Nobelhotels so gerne Sellerie? Um Rezepte ranken sich oft wilde Legenden: einestages erzählt die Geschichte berühmter Gerichte - und deckt kulinarischen Unsinn auf. Von Fabienne Hurst


Drei Milliarden Glückskekse werden jedes Jahr gebacken, mit weisen Sprüchen gefüllt, verpackt und in Chinarestaurants von Berlin bis Buenos Aires zum Nachtisch serviert. Sie helfen in Deutschland bei Neujahrsvorsätzen, schmecken in Indien nach Butteraroma und in Brasilien sagen sie angeblich die Lottozahlen vorher. In einem Land kennt jedoch kaum jemand die traditionellen Plätzchen: in China. Dort verteilt man nach dem Essen höchstens Papierservietten in Umschlägen.

Der Glückskeks, wie wir ihn heute kennen, wurde nämlich in Japan erfunden. Die japanische Historikerin Yasuko Nakamachi fand heraus, dass man dort bereits 1878 mit einer Art Waffeleisen hohle Kekse herstellte und mit Spruchbändern füllte. Diese boten Verkäufer in der Nähe der sogenannten Shinto-Schreine an, den traditionellen religiösen Stätten im ganzen Land.

Bald fand der Keks seinen Weg über den Pazifik: Um die Jahrhundertwende eröffnete der japanische Einwanderer Makoto Hagiwara in San Francisco ein Teehaus. Weil der Laden gut lief, überlegte er sich eine Spezialität für seine Gäste: mit Sprüchen gefüllte Glücksbringer aus Keksteig. Hagiwara kam mit dem Backen gar nicht hinterher. Die Leute liebten die süßen Stückchen. Asiatische Bäckereien begannen mit der Keksproduktion in ganz Kalifornien.

Wie Pearl Harbor den Glückskeks chinesisch machte

Doch dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm der Tag des Angriffs der japanischen Armee auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor. Das Ereignis veränderte Amerika - und die Geschichte der Glückskekse. Am 19. Februar 1942 unterzeichnete Präsident Roosevelt die "Executive Order 9066", die den Weg für die Ernennung bestimmter Gebiete zu Militärzonen freimachte. Über hunderttausend Japaner und japanischstämmige Amerikaner wurden daraufhin vertrieben und eingesperrt. Japanische Bäckereien mussten schließen, die Glückskeksproduktion übernahmen nun Chinesen. Die eifrigen Geschäftsleute trieben die Kommerzialisierung des Gebäcks schnell voran. Ende der fünfziger Jahre brachten sie es auf 250 Millionen Stück im Jahr. Viele reklamieren deshalb die Erfindung für sich: "Der Glückskeks ist ein Stück amerikanisch-chinesische Kultur", sagte Derreck Wong, Sprecher einer der größten Glückskeksfabriken der Welt, 2008 einer Reporterin der "New York Times."


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Um den wahren Ursprung zu beweisen forschte Historikerin Nakamachi sechs Jahre lang, wälzte unzählige Rezept- und Geschichtsbücher, reiste nach Kalifornien - bis ihr alte Bilder mit Glückskeksen in die Hände fielen, die das wirkliche Ursprungsland bewiesen. Aber warum verwenden Wissenschaftler so viel Zeit und Aufwand auf die Erforschung von Essen?

Soziologen und Kulturwissenschaftler sehen in Gebäck, Gerichten und Getränken historisch wertvolle Quellen, in denen sich allerlei Informationen über ihre Entstehungszeit ablesen lassen. "Man beugt sich über den Kartentisch, um mehr über Napoleons Scheitern zu erfahren", sagt Lothar Kolmer von der Universität Salzburg. "Dabei sollte man sich lieber mal seinen Esstisch vornehmen." Kolmer ist Professor für mittelalterliche Geschichte und Gründer des Zentrums für Gastrosophie in Salzburg. Seit fünf Jahren erforscht er mit einem interdisziplinären Team lange verschollene Rezepte, referiert über die Kulturgeschichte der Ernährung und betrachtet die Entstehung von Gerichten auf wissenschaftlicher Ebene.

einestages hat sich in der Rezeptforschung umgesehen und ist auf eine ganze Reihe skurriler Entstehungsgeschichten gestoßen. Klicken Sie sich durch die Fotogalerie und erfahren Sie, wer berühmte Gerichte wirklich erfunden hat.


Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Jürgen Reinwarth am 13. Februar 2013, 20:20
>Auch wenn die Currywurst in Berlin erfunden worden sollte - die dortige schmeckt scheiße.

Abgesehen vom Deutsch: Über Geschmack lässt sich trefflich streiten...

Reinhard Kupke am 13. Februar 2013, 14:05
Natürlich existiert die Bismarck-Eiche als längliche Torte mit
dreieckigem Querschnitt noch.
In der DDR wurde sie scherzhafterweise gern Pieck-Pappel genannt. Pieck war...


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