| Teuflisch: Als "SS-18 Satan" war im Sprachgebrauch der Nato die sowjetische Interkontinentalrakete R-36M bekannt. Diese Flugkörper mit einer Reichweite von mehr als 11.000 Kilometern waren unter anderem in der ukrainischen Basis Perwomajsk stationiert. Das Bild zeigt die Abdeckplatte des Schwazpulver-Gasgenerators auf dem Raketensilo. Der Generator setzte das Innere des Silos unter Druck und sorgte so dafür, dass die Rakete vor dem Abschuss nach oben gedrückt wurde. |
Vier Jahrzehnte lang lebte die Welt in Angst vor einem Atomkrieg. USA und UdSSR lieferten sich ein Wettrüsten mit Nuklearsprengköpfen und Langstreckenraketen. Ein Fotograf hat sich nun einstige Armeebasen genauer angeschaut und festgestellt: Ost und West waren sich ähnlicher, als sie dachten. Von Christoph Sydow
Perwomajsk ist eine verschlafene Provinzstadt in der heutigen Ukraine, idyllisch windet sich ein Fluss durch den 70.000-Einwohner-Ort. Zu den wenigen Besonderheiten der Stadt gehörte während der Sowjetzeit eine Wetterstation, die sich etwa 30 Kilometer nördlich von Perwomajsk befand. Eine Besonderheit war sie deshalb, weil dort nicht nur Temperaturen und Niederschläge gemessen wurden: In erster Linie war die Station Tarnung für eine Atomraketenbasis der Roten Armee.
Die Anlage mit dem Decknamen "Taimen" war eine von sechs großen Atomwaffenbasen auf dem Gebiet der Sowjetunion. Die Flugkörper, die hier stationiert wurden, waren unter anderem auf die Bundesrepublik gerichtet. Wegen seiner militärischen Bedeutung war der Komplex extrem aufwendig abgeriegelt. Mehrere Mauern, Schlagbäume und Drähte umgaben das Gelände, unter anderem sicherte ein 3000 Volt starker Elektrozaun das Sperrgebiet.
Mehr als 10.000 Kilometer von Perwomajsk entfernt, mitten in der Wüste von Arizona, bot sich ein fast identisches Bild: Wenige Kilometer außerhalb der Kleinstadt Green Valley unterhielt die US-Armee drei Jahrzehnte lang eine Abschussbasis für Interkontinentalraketen vom Typ Titan II. Diese Sprengkörper sollten im Kriegsfall auf die Sowjetunion gefeuert werden.
Der Kalte Krieg endete, ohne dass die Atomraketen zum Einsatz kamen. Seither haben die USA und die Nachfolgestaaten der Sowjetunion ihre Arsenale deutlich reduziert. Aus vielen Atomraketensilos von einst sind inzwischen Museen geworden. Der britische Fotograf Justin Barton hat in den vergangenen Jahren ehemalige Raketenbasen auf beiden Seiten des einstigen Eisernen Vorhangs besucht und fotografiert. Nie zuvor hat jemand die Details in den unterirdischen Anlagen so genau eingefangen. Seine Bilder hat er in der Fotoserie "Der Atomkrieg in Nahaufnahme" veröffentlicht.
40 Tage konnten die Soldaten im Bunker überleben
"Wir alle haben Kindheitserinnerungen, die geprägt sind von der Angst vor einem Atomkrieg", sagt der Fotograf. "Ich wollte zeigen, dass die Orte, von denen dieser Nuklearkrieg ausgegangen wäre, ganz gewöhnlich aussahen, dass dort ganz normale Menschen ihrer Arbeit nachgingen." Ganz bewusst vermeidet Barton eine klare Haltung gegenüber Atomwaffen: "Der Betrachter meiner Bilder muss sich nicht entscheiden, ob er Nuklearwaffen für den Erhalt des Friedens für unerlässlich hält, oder ob er sie als existentielle Gefahr für unseren Planeten betrachtet. Er soll sich nur bewusst machen, mit welchem Aufwand die Hochrüstung betrieben wurde."
Mit seiner 8x10 Zoll-Großformatkamera kletterte Barton in die Steuerungszentralen der Raketensilos. Diese liegen zum Teil 50 Meter unter der Erde. In der Tiefe sollten die Soldaten einen zu erwartenden Gegenschlag der anderen Seite überleben. Bis zu 40 Tage konnte die Besatzung in den unterirdischen Bunkern ausharren - versorgt mit Trockennahrung und hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt.
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