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2005

Alexanderplatz in Berlin

Das Narbengesicht


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Harald Hauswald
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Spiel, Spaß und Sport: Der Alexanderplatz ist für Berlin-Touristen eher enttäuschend, statt weltstädtischem Flair gibt es Punks und Baustellenlärm. Die Anwohner lieben den "Alex" trotzdem.

Aus: Harald Hauswald: "Alexanderplatz. Fotografische und literarische Erinnerungen". Jaron Verlag, Berlin 2007, 127 Seiten, 14,90 Euro. Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

Fernsehturm und Weltzeituhr: Auf dem Berliner Alex spielte einst der Osten Westen - jetzt ist er das östlichste und ehrlichste Gesicht der Hauptstadt. Der Fotograf Harald Hauswald hat den Wandel der Berliner Mitte liebevoll dokumentiert. Von Markus Deggerich und Peter Wensierski


Der Turm, der Kraft gibt

Vier Jahrzehnte später wohnt sie immer noch gerne hier und will mit niemanden in der Stadt tauschen: "Der Potsdamer Platz steht für Engstirnigkeit, Kälte und Geld", sagt Habraneck. "Der Alexanderplatz steht für das Leben. Hier kann ich in die Weite schauen, meine Augen werden nicht begrenzt durch kühle Gebäude und enge Straßenschluchten."
Eine Nachbarin pflichtet ihr bei: "Und dann ist hier der Turm! Der Turm hat etwas ewig weibliches, er verleiht uns etwas Kraft. Man kann sich an ihm aufrichten."

Wachsam und wehrhaft beobachten sie auch die kleinsten Veränderungen auf dem Alex, ihrem Stolz aus vergangener Zeit.

"Modernisierungort der DDR", nannte der einstige Senatsbaudirektor Hans Stimmann den Platz. In der Tat konzentrierten sich die sozialistischen Stadtplaner unter Führung von Herrmann Henselmann auf den von den Bomben der Alliierten in Schutt und Asche gelegten Platz. Die neu angelegten überbreiten Strassen wurden zum Aufmarsch-Areal für die 1. Mai-Paraden und verbanden ihn mit dem Arbeiterboulevard der Stalin-Allee.

Der Platz selbst war "mit seiner ausdrucksstarken Silhouette", so ein VEB Tourist-Reiseführer "der städtebauliche Mittelpunkt der Hauptstadt der DDR". Dank des emblematischen Fernsehturms - Ulbrichts Protzkeule - und der Weltzeituhr wurde er zum Treffpunkt der ostdeutschen Nation, den jeder Provinzler der Republik sehen wollte. Hier konnte man im Centrum, dem ersten modernen Warenhaus des Arbeiter und Bauern-Staates, einkaufen oder konnte sich im nahegelegenen Palast der Republik die Extravaganz eines Milk Shakes leisten. Und wer hier wohnte, der war was. Auf dem Alex spielte der Osten Westen. Jetzt ist es der ostigste Platz der Hauptstadt.

Plattenbau, Typ P2 mit Sonderbreite

Wann immer ein Fernsehteam zur Gaudi des Zuschauers das Klischee vom geschmacklos gekleideten und meckernden Ost-Berliner vorführen will, sucht und findet es auf dem Alex schnell massenhaft Prototypen, die sich willig vor der Kamera um Kopf und Kragen reden.

Den Bau der Alexanderplatz-Edel-Platte, "Typ P 2 mit Sonderbreite", hatte das Ost-Berliner Wohnungsbaukombinat nur seinen besten Brigaden anvertraut, unter Leitung der "Taktstrasse Kurt Bromberg".

Bromberg, Kurt, Held der Arbeit, kam bis vor kurzem ab und an nach seinem "Objekt" sehen. Nirgendwo sonst in der Berliner Innenstadt gibt es soviel DDR auf so wenigen Quadratmetern. In den Wohnungen mit Blick auf den Platz lebten verdiente Journalisten, wie der stellvertrende Chefredakteur des Zentralorgans der DDR-CDU "Neue Zeit", Professoren der Humboldt-Universität, einige Schriftsteller, ADN-Reporter und Mitarbeiter der Komischen Oper. Dazu einige Krankenschwestern und Kraftfahrer. Überlebt haben auch die Bowlingbahn und die Volkssolidarität. Ein Clubraum mit dem Charme des ausrangierten Mobiliars des Sozialismus dient im sechsten Stock als öffentlicher Treff der Mietergemeinschaft. Hier erschienen Markus Wolf, Ex-Geheimdienstchef, Thomas Flierl, Ex-Kultursenator und Agitatoren der Linkspartei zu Gastvorträgen.

Volkssolidarität im Fashion Store

Marco Manozzi, als Italiener einer der wenigen zugezogenen Westler hat das Clubleben mit seinen beruflichen Kenntnissen ebenfalls bereichert. Gewöhnlich arbeitet er daran, Stars und Sternchen im Film- und Showgeschäft gut aussehen zu lassen. Im Club am Alexanderplatz ließ sich die letzte DDR-Elite von Marco zeigen, wie man besser aussieht, steht, geht und selbstbewusster guckt. "Iss vielleicht jut bei Bewerbungen", hofft eine Teilnehmerin. Die verschworene Hausgemeinschaftsgruppe will eben nicht nur den Platz, sondern auch sich "auf Vordermann bringen".

Früher gab es Beziehungen der Mieter zu den Geschäften, kleine Vorteile, ja sogar Rabatte. Warum nicht auch in Zeiten der globalisierten Kettenläden, die in Parterre eingezogen sind? Die Gemeinschaft hat ein kleines Informationsnetz aufgebaut, kein Sonderangebot entgeht ihr. Die Frauen der Volkssolidarität sprachen kürzlich in einem "Fashion store" vor und fragten mal nach, ob sie nicht auch Mode für über 50-Jährige stärker ins Programm nehmen könnten.

Am Tisch mit den drei rautenförmigen Platzdeckchen, genau mittig drappiert, erklärt Frau Habraneck die Idee der DDR für den Alexanderplatz: "Ein Platz, auf dem die Menschen sich begegnen und aufhalten können." Was sich dort jetzt noch begegnet und aufhält findet unter den Augen der Alexianer in der Rathauspassage keine Gnade. Das Bewohner-Kollektiv befindet sich im Abwehrkampf gegen die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus, Merkantilismus und Jugendwahn.

Sieg der Alteingeseessenen über die "Platzmanager"

Dabei gibt es Fronten, an denen die Hausgemeinschaft den Kampf bereits verloren hat: überdimensionierte Parkhäuser, die ihnen die Sicht gen Osten versperren, stehen größtenteils sinnlos leer, wurden aber gebaut. Der Investor "Wal-Mart" hatte sie verlangt, sprang dann aber kurzfristig doch ab. Auch das Vorrücken des alten "Centrum"-Warenhauses als "Kaufhof" konnte niemand aufhalten. "Sehr ärgerlich" findet eine Bewohnerin der Rathauspassage, dass "der Brunnen der Völkerfreundschaft" dadurch arg bedrängt wird "und der Platzcharakter fast verschwunden ist".

Der Kampf an anderen Fronten war erfolgreicher.
So berichten die Veteranen der Mietergemeinschaft vom Feindobjekt Basketballkörbe, die die Platzmanager für Jugendliche am Fuße des Fernsehturmes installierten. "Die Folge war doch nur, dass man da nicht mehr vom Alex zu uns in die Wohnungen laufen konnte, ohne einen Ball abzubekommen." In diesem Fall siegten die Alteingesessenen der Edel-Platte über die Neuerer vom "Platzmanagement" des Bezirksamtes Mitte. Trotzig postierten sie sich am Tatort und führten Strichlisten: "Wir konnten nachweisen, dass 94 Passanten pro Stunde durch die Ball dribbelnden Jugendlichen gestört wurden." Die Körbe sind nun weg, dem benachbarten Beach-Volleyball-Feld wünschen die Kämpfer von der Ostfront das gleiche Schicksal.

Aber die Jugend der Welt trifft sich beharrlich weiter am Alex, bevorzugt abends oder am Wochenende - auch ohne Ball. Täglich grüßen die Punks aus Prenzlauer Berg oder Pankow und nutzen den Brunnen der Völkerfreundschaft als Kontakttresen. Das Transitpublikum garantiert erhöhte Schnorrumsätze, die graue Kulisse das artgerechte Wohlfühl-Ambiente für Anspruchslose.

Wohnzimmer Alexanderplatz

"Das ist unser Wohnzimmer", sagt der 23-jährige Punk mit dem Künsternamen Jeronimo. Er hat an anderen lukrativen Umsteigeplätzen wie Bahnhof Zoo, Friedrichstraße oder Ostkreuz gearbeitet. Aber dort sind die Einnahmen geringer oder man wird ohnehin sofort verjagt. Am Alex genießen die Punks Bestandsschutz. "Wer sich an die Regeln hält, soll seinen Ort haben auf dem Alex", sagt Platzmanager Rupert Prossinagg.

Das gilt auch für die Knuddels. Die besetzen bevorzugt Freitagabends den Alex und lassen die Wodka- und Bierflaschen kreisen. Für ein paar Stunden kommt es zur friedlich schnatternden Rudelbildung mit bis zu 150 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren hauptsächlich aus Ostberlin. Man kennt sich aus einem Internetchat und trifft sich hier unregelmäßig im realen Leben zum "Baggern, Saufen und Quatschen", wie es der 15-jährige Mark Konzer aus Hellersdorf nennt. Der Alex ist ihnen egal. Er liegt halt verkehrsgünstig, für jeden leicht zu erreichen. Das Bier ist auch billig.

Zurück bleibt in der Regel ein Scherbenhaufen, wenn die Knuddels gegen Mitternacht in die Clubs oder nach Hause weiterziehen. "Aber die sind im Grunde ganz harmlos", diagnostziert Platzmanager Prossinagg. Er hat mal für einen Abend einen Stand aufgebaut, an dem die Knuddels ihre Bierflaschen gegen Multivitamincocktails tauschen konnten. Aber die Mission wurde umgehend wegen überschaubaren Erfolgs beendet. Jetzt beschränkt man sich aufs Machbare und hat bei der Stadtreinigung einen großen Glascontainer extra beantragt.

Wilkommene Kulisse für inszenierte Ost-Tristesse

Es ist diese Mischung aus Ost-Kult, Größenwahn, Verfall, häßlicher Kühle und den peinlichen Platz-Protagonisten, die den Alex wiederum zum weltweiten Star macht - auf anderer Ebene.

Egal ob in Hollywood-Erfolgen wie "Flightplan" mit Jodie Foster, der "Bourne-Verschwörung" mit Matt Damon oder einem der ungezählten Sozialdramen des deutschen Films: Der Alex ist immer dann besonders willkommene Kulisse, wenn es darum geht, einen schummrigen, ungewissen, unheimlichen und tristen Eindruck abzubilden: Ein trauriger Filmheld mit konstant guten Besetzungschancen in der Rolle des Verlierers.

Mitfühlende Verbündete und Fans hat der misshandelte Platz jedoch in den Bewohnern der Rathauspassagen. Im Jahre 2009 will man den 40. Jahrestag des Wohnhauses am Alex feiern. Dafür wird schon jetzt eifrig die Haus- und Lebensgeschichte der Bewohner dokumentiert: Ein Fotowettbewerb aus Privatalben unter dem Motto "Und wie der Alex lebt".

Leider hat es mit einem Raum für die Bewohner, Projekttitel: "Mal dies mal das", bisher noch nicht geklappt. Ein Ladenlokal zum Nulltarif fand die Wohnungsbaugesellschaft nicht zeitgemäß. Nun findet "mal dies, mal das" im Clubraum statt. Von dort haben sie einen feinen Blick auf die verrottenden Architekturdenkmäler ihres untergegangenen Staates und geben sich kämpferisch.

Habraneck: "Den Palast der Republik reißen sie ab. Aber wir werden für immer am Alex bleiben."

Der Text ist eine überarbeitete Fassung eines Beitrags aus Harald Hauswalds Buch "Alexanderplatz".


Zum Weiterlesen:


Harald Hauswald: "Alexanderplatz. Fotografische und literarische Erinnerungen". Jaron Verlag, Berlin 2007, 127 Seiten, 14,90 Euro.
Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


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insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Harald Hauswald am 24. Oktober 2008, 15:11
Harald Hauswald
24.10.2008
Der Text des Bildes 23 ist nicht falsch. Die U-2 fuhr schon immer unter dem Alex durch und die U-5 von ihm ab.

Carsten Kuinke am 22. Oktober 2008, 12:29
Der Text des Bildes 23 ist Falsch. Es ist genau umgekehrt. Die U-Bahnlinien waren Linien des Westteil der Stadt die durch den Osten fuhren. Hier im Osten waren die U-Bahnhöfe...


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