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1928

80 Jahre Micky

Der Schatten der Maus


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Eindeutige Stellung: In den Disney-Comics erröteten Micky und Freundin Minnie schon bei einem Küsschen auf die Wange. Die sogenannten Tijuana Bibles zeigten die sonst stets keuschen Mäuse aber auch in eindeutigen Positionen.

Der netteste Nager der Welt kann auch anders: Micky Maus, das Symbol schlechthin für harmlose Humorigkeit, hat eine dunkle Seite. Was Schöpfer Walt Disney der Welt vorenthielt, haben Künstler, Pornografen, Terroristen zum Thema gemacht.


Das Wahrzeichen der Fröhlichkeit besteht aus drei schwarzen Kreisen; sie bilden einen stilisierten Mäusekopf mit zwei runden Ohren - Micky Maus. Seit dem ersten Auftritt des possierlichen Tierchens vor 80 Jahren ist Walt Disneys berühmteste Schöpfung das Markenzeichen schlechthin für klinisch saubere Jedermann-Unterhaltung und längst eine unsterbliche Ikone der globalen Popkultur, auf Augenhöhe mit Marilyn Monroe und Coca-Cola.

Micky Maus - das ist gute Laune total. Scheinbar mühelos wandelt der dauergrinsende Nager mit den dürren Beinchen durch eine Welt des Slapstick und der massenkompatiblen Humorigkeit, quietschvergnügt und immer obenauf. Kann so jemand Fehler haben, vielleicht sogar Feinde? Aber klar. Disneys Micky Maus war immer mehr als ein Identifikationsobjekt für Kindsköpfe - das Saubermaus-Image des neunmalklugen Nagetiers lud regelrecht dazu ein, sich daran auch zu reiben. Mit dem Aufstieg Amerikas wurde die harmlose Strichmaus im 20. Jahrhundert so auch zur Projektionsfläche für Spott, Verachtung, Hass.

Bei Diktatoren und Extremisten allemal. "Hinaus mit dem Ungeziefer!", hetzte schon 1931, kurz nach Erscheinen des ersten Micky-Films, das NSDAP-Blatt "Die Diktatur" gegen die bei Deutschlands Jugend beliebten Maus-Anstecker. "Herunter mit der Micky Maus, steckt Hakenkreuze auf!" Und noch heute fordern Politiker zum Kulturkampf gegen Disneys Phantasieprodukt auf: Alle Nagetiere seien "Soldaten des Satans", ließ kürzlich Sheich Mohammed Munadschid, ehemaliger saudischer Botschafter in Washington, in einem TV-Interview wissen: "Das gilt für lebende Mäuse genauso wie für die berühmte Comic-Maus."

Die Maus am Kreuz

Über solche kategoriale Verwirrung mag man lächelnd hinweggehen; die Vereinnahmung von Micky Maus ausgerechnet durch radikale Islamisten ist weniger lustig. 2007 erschien im Kinderprogramm des Islamistensenders Hamas-TV auf einmal der Micky-Klon Farfour. Die mannshohe Stoffmaus mit der Piepsstimme erklärte den jüngsten TV-Zuschauern in einer wöchentlichen Show, dass sie mit der Waffe in der Hand für die Weltherrschaft des Islam kämpfen müssten. Nach weltweiten Protesten wurde Farfours Fernsehshow abgesetzt; die Serienautoren ließen die Riesenmaus sterben - mit einem Propaganda-Knall: Farfour, so ließ die Moderatorin zu guter Letzt die Kinder vor den Bildschirmen wissen, sei von israelischen "Kindermördern" totgeschlagen worden, die der Maus ihr Land wegnehmen wollten.

Aber auch westliche Künstler zweckentfremden die kleine Rothose mit den weißen Handschuhen seit Jahrzehnten, um eine etwas andere Botschaft zu transportieren, als Walt Disney sie im Sinn hatte: Sie nageln die Maus in Jesus-Pose ans Kreuz, zeigen sie mit abgeschnittenem Ohr als Zitat von Van Goghs "Selbstportrait mit verbundenem Ohr und Pfeife" oder lassen einen Bastard aus Micky und Ronald Reagan mit Blut politische Botschaften an die Wand pinseln. Skandalregisseur Johann Kresnik verlegte in seiner Erfurter Inszenierung Anfang 2008 die Handlung von Giuseppe Verdis "Ein Maskenball" auf den New Yorker "Ground Zero" und schockte sein Publikum mit dem Aufmarsch 34 nackter Rentner mit Micky-Maus-Masken.


Videos auf Youtube:

Micky-Klon im Propaganda-TV: Die Stoffmaus Farfour bringt palestinensischen Kindern das Hassen bei
Mickys Skandal-Video: Disneys Helden in eindeutigen Stellungen


Sexy Micky

Natürlich wäre niemand über solche kalkulierten Tabubrüche schockierter als Micky selbst - der Zeichentrickstar wird in den offiziellen Comics schon rot, wenn ihm Dauerfreundin Minni nur einen Schmatzer auf die Wange drückt. Gerade die gekünstelte Keuschheit, ja geradezu ostentative Asexualität der beiden Protagonisten reizte subversive Zeitgenossen schon früh dazu, das propere Paar in flagranti darzustellen. In den sogenannten "Tijuana Bibles" etwa, pornografischen Comicbüchern, die ihre Blütezeit zwischen den zwanziger und sechziger Jahren hatten, kam es auf dem Cover gleich wiederholt zum vorehelichen Vollzug zwischen den beiden sonst so schüchternen Mäusen.

Die moderne Variante ist - natürlich - als YouTube-Video zu sehen. Hinter den Kulissen von Euro-Disney bei Paris vergnügen sich da die Mitglieder der Disney-Familie in frivolen Posen: A-Hörnchen knuddelt mit B-Hörnchen, Goofy reibt sich lustvoll an Minnie Maus, um direkt danach von einem knuffigen Schneemann abgelöst zu werden, dem dann Micky in unzweideutiger Absicht auf die Pelle rückt.

Im amerikanischen Slang steht "Mickey Mouse" für unbedeutend, lächerlich, belanglos oder auch für eine Witzfigur. Gemessen daran hat das kleine Rundohr in 80 Jahren einen ganz schön langen Schatten über die Welt des Cartoons hinaus in die ernsten Sphären menschlichen Daseins geworfen. Neben dem Mythos allerdings schrumpfen alle Hasstiraden, Kopien und Popzitate zum Hintergrundrauschen einer gigantischen Spaßparade durch Entenhausen, der selbst die größte Bösewicht der Neuzeit erlag: "Ich schenkte dem Führer 12 Micky-Maus-Filme zu Weihnachten", notierte Propagandaminister Joseph Goebbels am 22. Dezember 1937 in seinem Tagebuch: "Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz."

bma/hmk


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