Die Enttäuschung nach der Revolution: Vor 50 Jahren feierten ein Guerillero, ein politikverrückter Journalistensohn und ein Student aus deutscher Unternehmerfamilie Fidel Castros Machtübernahme auf Kuba. Dann gerieten sie ins Kreuzfeuer seiner Diktatur - und hoffen nun auf die Rückkehr nach Havanna. Von Helene Zuber
Fidel Castro verkehrte oft bei den Montaners. Einmal hatte er sogar mit seiner Frau Mirta und dem Baby Fidelito bei ihnen logiert. Da war Carlos Alberto noch ein kleiner Junge. Er sieht Fidel Castro noch vor sich als Zigarre rauchenden Riesen, der viel Milchkaffee trinkt.
Deshalb fühlte sich der 15-jährige glücklich am Neujahrsmorgen 1959, so wie noch nie zuvor. "Es war eine Freude, die ich mit meiner Familie, mit den Nachbarn, mit meinen Freunden teilte", so Montaner. Die Menschen umarmten sich weinend auf den Straßen. Ähnlich müssen Deutsche empfunden haben, als die Mauer fiel. Mit dem Sieg der Revolutionäre unter dem jovialen Castro, so dachte der Junge, würde für sein Land eine Ära exemplarischer Gerechtigkeit beginnen. Ein wenig "machistische Eifersucht" plagte ihn auf die Älteren, die mit Fidel hatten kämpfen können.
"Monströs frühreif", nennt sich Montaner heute bei einem Gespräch in seinem eleganten Penthouse in Miami. Aber seine Mitschüler seien genauso verrückt gewesen wie er, eine Folge des karibischen Klimas und der Hormone. Nur ein Jahr später sollte er Linda heiraten, seine Gefährtin und Mitarbeiterin bis heute.
Frühmorgens setzte er sich in den Wagen des pharmazeutischen Labors, in dem er als Medikamentenausfahrer jobbte. Mit seinem älteren Bruder und Freunden kreuzten sie durch die Stadt. Sie streiften sich rot-schwarze Armbinden mit dem Schriftzug "M-26-7" über, die sie als Unterstützer von Castros Bewegung "Movimiento 26 de Julio" auswiesen. In den Häusern der Anhänger des geschassten Diktators wollten sie Waffen konfiszieren und so einen Gegenputsch verhindern.
Volksfeststimmung vor 50 Jahren
Auch in Kohly bei Federico Lomnitz war man zufrieden, "dass die korrupte Bagage endlich weggeht". Im Büro seines Exporthandels in Bad Homburg erzählt der Kaufmann von der aufregenden Zeit in seiner Geburtsstadt Havanna. Der Vater, aus einer Sozialdemokratenfamilie stammend, war Ende der dreißiger Jahre auf der Flucht vor dem Naziregime nach Kuba ausgewandert. Dort hatte der Agraringenieur nach modernen europäischen Prinzipien eine Fabrik für Futtermittel aufgebaut, dazu ein Import-Export-Geschäft. Es ging gut. Im Sommer 1958 hatte Federico am Jesuiten-Gymnasium Belén, einst Fidel Castros Schule, Abitur gemacht. Als Geschenk gab es einen blitzenden Studebaker.
Die Geschäftsleute "hatten schon den Kanal voll" über die erpresserischen Methoden der Batista-Beamten, so beschreibt der bedächtige Lomnitz die Stimmung bei der Hautevolée von Havanna. Den Zoll, die Behörden, die Polizisten, alle mussten sie schmieren, sonst rückten die Staatsdiener kein Papier, keinen Stempel heraus. "Wir hießen die Neuen willkommen, wir sahen Fidel als Befreier an." Am Neujahrstag vor 50 Jahren herrschte auch im sonst so feinen Viertel Kohly Volksfeststimmung.
Gleichzeitig überschlugen sich am anderen Ende der Insel die Ereignisse. Comandante Matos gelang es, die Offiziere von Batistas Armee zu einem Treffen mit dem Revolutionsführer Castro zu bewegen. Der überzeugte sie, nicht weiter für die Übergangsjunta Blut zu vergießen, sondern mit den Rebellen vereint als Sieger in die Stadt einzuziehen. Gesagt, getan. In Santiago verbrüderten sich die Menschen. Abends sprach Fidel vor dem Rathaus: "Nie wieder Diktatur auf Kuba", rief er.
Matos durchstreifte mit einigen Kameraden die Stadt, in der er seine Lehrerausbildung absolviert hatte. "Ich wäre es zufrieden gewesen, in jenem Moment zu sterben", bekennt der Greis heute. Seine Hoffnungen schienen erfüllt, hatte doch Fidel versprochen: "Mit Bauern ohne Land ist Schluss". Matos und seinen Bruder Raúl hatte der Rebellenführer gar beschworen, die Revolution weiter zu tragen, sollte ihm etwas zustoßen.
Denn den Mann, der bis heute als Held des Kampfs gegen Despoten in seiner Heimat und beim mächtigen Nachbarn im Norden verehrt wird, schüttelte Todesangst. An den Gefechten habe Fidel Castro nur als frontferner Beobachter teilgenommen, "Feigheit im Innersten", sagt ihm Matos nach.
"Heute bringen sie mich um"
Am 8. Januar schließlich bewegte sich die Karawane der bärtigen Rebellen aus der Sierra Maestra von Matanzas aus auf die Hauptstadt zu. Fidel stand auf einem offenen Geländewagen. An seine Rechte rief er Camilo Cienfuegos. Zu seiner Linken postierte er Matos - mit schussbereiter Maschinenpistole. Der sollte in den Menschenmassen auf der Straße, unter den Jubelnden auf den Balkonen und auf den Dächern mögliche Attentäter aufspüren und ausschalten. "Heute ist mein Tag, heute bringen sie mich um", wiederholte Fidel nervös, "wie besessen, halb verrückt vor Panik", erinnert sich sein damaliger Beschützer.
Die Bilder gingen um die Welt: Der winkende Fidel, der unter dem Cowboyhut lächelnde Cienfuegos und ein kräftiger, misstrauisch blickender Matos mit seiner schussbereiten Waffe. Drei Stunden lang bahnte sich der Konvoi mühsam den Weg durch das Menschenmagma.
Auf dem Kopf trug der Lehrer aus Manzanillo eine Mütze mit den Insignien der "Bewegung 26. Juli" und goldenem Rangabzeichen, die ihm die Freunde in Santiago geschenkt hatten. "Sieg, Sieg", schrie Fidel und schlug ihm auf den letzten Metern mit einer ausladenden Geste die Kappe vom Kopf.
Er hätte das Versehen gleich als schlechtes Vorzeichen begreifen müssen, sagt der greise Matos heute. Während Fidel von der Tribüne einer Million Menschen zurief "Wir haben den Frieden erobert!" und seine Geliebte, Celia Sánchez, eine abgerichtete weiße Taube auf Castros Schulter fliegen ließ, saß Huber Matos abseits in einem Wagen. "Mir tat der Kopf weh, ich war angespannt und ich wollte nicht zu den Leuten reden, obwohl mich Fidel gebeten hatte."
Standrechtliche Erschießungen im ganzen Land
Und tatsächlich, die Euphorie des Sieges hielt nicht lange vor. Die Hoffnungen auf Demokratie, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit zerschlugen sich bald. Der Gymnasiast Montaner war Zeuge, wie ein Volksgericht den Direktor seiner Schule zu zehn Jahren Haft verurteilte, ohne dass er ein Verbrechen begangen hätte. Im ganzen Land gab es standrechtliche Erschießungen. Der zunehmende Autoritarismus empörte den idealistischen Schüler.
In der Zeitschrift "Bohemia", dem Blatt seines Vaters, las Carlos Alberto nach, wie brutal die Sowjetunion drei Jahre zuvor den Aufstand in Ungarn niedergeschlagen hatte. Deshalb gab die Wendung seiner heimischen Revolution zum Marxismus den Ausschlag für den Bruch. Diesmal aber wollte Montaner nicht zu Hause sitzen. Er schloss sich der Bewegung zur "Demokratischen Rettung der Revolution" an, die in der Rechtsfakultät von Havanna entstanden war, von Washington unterstützt wurde und einer anti-castristischen Guerrilla in den Bergen half.
Montaner und seine Freunde konnten nur wenig tun. Sie flogen Ende 1960 auf. Der 17-Jährige wurde zu 25 Jahren Haft verurteilt. Er hatte das Glück, in ein Jugendgefängnis überstellt zu werden. Dort konnte er ausbrechen und sich ein halbes Jahr lang in der Botschaft von Venezuela versteckt halten. Am 8. September 1961 wurde er ausgeflogen. "Ich sang die Nationalhymne und war sicher, schnell wieder in ein freies Kuba zurückzukehren." Darauf wartet der Schriftsteller immer noch.
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