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Winkewinke auf der Autobahn


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Kai Greiser
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Nichts geht mehr: Der "Stern" Nr. 3/1979 machte mit der Schneekatastrophe in Norddeutschland auf - für das Titelfoto setzte die Redaktion einfach zwei Aufnahmen des Fotografen Kai Greiser zusammen, um den Eindruck der zugeschneiten Autos auf der Autobahn A7 zwischen Schleswig und Flensburg zusätzlich mittels augenscheinlich um Hilfe rufender Menschen zu dramatisieren.

Der "Stern" hat vor dreißig Jahren ein Titelbild getürkt - unbemerkt, bis einestages-Mitglied Dennis Winckler aufdeckte, dass die Illustrierte zwei Fotos der Schneekatastrophe von 1978/79 zu einem besonders dramatischen montiert hatte. Jetzt stürzen sich auch Medienblogs auf den Fall.


Es ist eine Szene wie aus einem echten Katastrophenfilm: Bis an die Dächer sind Dutzende Fahrzeuge in eisblauem Schnee versunken; die Straße, auf der kurz zuvor noch Autos mit Tempo 100 entlang rauschten, ist kaum noch auszumachen. Im vorderen Bilddrittel sind zwei Menschen zu sehen, beschwörend hebt einer der beiden seine Arme. Es wirkt, als winke er um Hilfe. "Als nichts mehr ging. Der Sechs-Tage-Krieg gegen den Schnee" lautete die Schlagzeile daneben, mit der die illustrierte "Stern" Anfang Januar 1979 ihren Titel über den dramatischen Wintereinbruch in Norddeutschland aufmachte.

Nicht dramatisch genug, jedenfalls nicht für die damaligen Blattmacher in der Redaktion des "Stern" - wie sich jetzt, 30 Jahre später, als Folge eines einestages-Artikels herausstellt. "Ja, das ist so", gibt der heutige "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn gegenüber einestages unumwunden zu, nachdem er zwei Negative aus dem Archiv auf den Schreibtisch bekommen übereinandergelegt hat. Und betont, dass beim "Stern" nicht gekennzeichnete Bildmanipulationen heute "tabu" seien - auch wenn das früher offenbar "etwas laxer gehandhabt" worden sei.

Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte einestages, das Zeitgeschichte-Portal von SPIEGEL ONLINE, einen Zeitzeugenbericht des Fotografen Kai Greiser veröffentlicht, der die große Schneekatastrophe des Jahreswechsels 1978/79 als einer der ganz wenigen Fotoreporter im Hubschrauber über Schleswig-Holstein aus der Vogelperspektive zu Gesicht bekommen hatte. Das Leserinteresse an Greisers Erinnerungen und seinen einzigartigen Aufnahmen war groß.

Einsam oder gemeinsam?

Fasziniert versenkte sich auch einestages-Mitglied Dennis Winckler aus Weinstadt in die seltenen Zeitdokumente. Er habe manche der Schneefotos "minutenlang angeschaut" und alle Details aufgesogen, erinnert sich Winckler an seine Entdeckung. Dann fiel ihm etwas Seltsames ins Auge: das Motiv auf dem "Stern"-Cover tauchte in Greisers Bilderstrecke in etwas anderer Form auf - ohne die beiden Winkenden auf der Autobahn.

Gibt es vielleicht zwei Aufnahmen von der Autobahn A7 zwischen Schleswig und Flensburg, eine mit und eine ohne Winkewinke? Ein paar Bilder weiter ist ein einsames, völlig eingeschneites Gehöft zu sehen - davor zwei Gestalten, eine von ihnen mit erhobenen Armen. Seltsam. Ein direkter Vergleich erhärtet den Verdacht: Die Haltung und Position der Autobahngänger decken sich mit denen der Gehöftbewohner. Am 25. Dezember um 15.57 Uhr gibt Winckler seine Beobachtung im Debattenbereich von einestages zu Protokoll. Sein Fazit: "Schade, denn eigentlich finde ich die Szenerie auch ohne diese Manipulation sehr dramatisch!"

Einen Tag darauf greifen Blogs das Thema auf. Ein Medienblog berichtet nach dem Hinweis eines Dritten am 26. Dezember 2008 um 13.45 Uhr von dem dubiosen Titel. Auch andere greifen das Thema auf - drei Jahrzehnte nach dem Fauxpas muss der "Stern" schließlich Farbe bekennen.

"Einfach hingenommen"

Chefredakteur Osterkorn schwört Stein und Bein, dass ein ähnlicher Schnitzer heute nicht möglich wäre. Im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung sei man längst hochsensibilisiert für mögliche Manipulationen - schon, weil sie heute so viel einfacher herzustellen und so viel schwerer zu entdecken seien als damals, als mit Schere und Klebestift getrickst wurde. "Wann immer wir feststellen, dass in einem Foto rummontiert wurde, fliegt das Bild raus", erklärt Osterkorn kategorisch.

Fotograf Greiser sieht den Fälschungsfall von vor dreißig Jahren entspannt. "Ich habe das damals erst beim zweiten Hingucken gemerkt", sagt der heutige Yachtfotograf. Den Retoucheuren beim "Stern" ist er jedenfalls nicht Gram: "Das war so minimal in der Dramaturgie, ich habe das einfach hingenommen."

hmk


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