Er konnte sprechen, zählen und sogar rauchen: Vor 70 Jahren wurde der Roboter Elektro auf der New Yorker Weltausstellung zum E-Promi. Zwei Jahrzehnte lang führte er das Leben eines Superstars, dann begann der Absturz - mit einem Auftritt in einer Sexkomödie. Von Sven Stillich
Da oben steht er: der Maschinenmensch. Golden glänzt sein massiver Körper. Sein Kopf bewegt sich, als ließe er den Blick langsam über die Zuschauer schweifen, über Männer mit Anzug und Hut, über Frauen und Kinder. Dann spricht er mit voller und tiefer Stimme: "Ich. Habe. Ein. Ausgezeichnetes. Gehirn. Aus. 48. Elektronischen. Relais", tönt es aus ihm heraus, sein Unterkiefer bewegt sich dabei. Gleich wird er rechnen und das Ergebnis mit seinen Metallfingern zeigen, dann wird er so tun, als würde er eine Zigarette rauchen.
Es ist das Jahr 1939, und der mehr als zwei Meter große Roboter "Elektro" ist eine Attraktion auf der Weltausstellung in New York. Für die meisten Schaulustigen ist es ihre erste Begegnung mit einem Roboter, und sie sind begeistert. So sehr, dass sie über Elektro nicht wie von einer Maschine reden: Sie sagen "er hat gesprochen" und nicht "es", wenn sie zu Hause von ihm erzählen. Elektro ist keine Gefahr aus dem All wie in den Comic-Geschichten dieser Zeit: Er sieht aus, als wolle er allen Menschen ein Freund sein.
Das ist Elektros Durchbruch. Auf der Weltausstellung von 1939 wird ihm ab jetzt jede Stunde zwanzig Minuten lang die Bühne gehören. Er wird laufen, sprechen, rauchen und die Zuschauer staunen machen. Reporter sind fasziniert von der neuen Technik und tragen die Kunde von der Ankunft des "Moto-Man" in die Welt hinaus. Bald ist Elektro berühmt. Und sein Stern wird nicht so bald verglühen. Ein langes Leben liegt vor ihm, eines voller Höhen und Tiefen: Erst werden Sie ihm weiter zujubeln, später wird ein Kind alleine im Keller mit ihm spielen, dann wird man ihm den Kopf abtrennen, ihn vergessen, und am Ende wird er wie ein Denkmal dafür stehen, dass man im Leben die Hoffnung niemals aufgeben darf.
Willie Vocalites perfekter Bruder
1937, als Elektro erschaffen wird, ist der Begriff Roboter kaum zwanzig Jahre alt, zehn Jahre zuvor lief "Metropolis" in den Kinos mit der Androidin Maria in der heimlichen Hauptrolle. Die Mensch-Maschine-Wesen faszinieren jeden in diesen Jahren: Leser von Heftchen wie "Amazing Stories" gruseln sich bei der Vorstellung, die Stahlmenschen könnten eines Tages die Macht übernehmen. Noch mehr andere sehnen sich nach einem starken Freund aus Blech, der ihnen die Hausarbeit abnimmt. Der Glaube an den Fortschritt ist damals groß: Technik, so das Mantra, wird die Menschen von unliebsamen Arbeiten befreien und in eine bessere Zukunft führen.
Schnell entdecken Firmen die metallenen Gesellen als Werbeträger. Bereits 1924 beginnen Ingenieure des Elektrokonzerns Westinghouse damit, Roboter zu entwickeln. Das Unternehmen baut unter anderem Radios und hat in diesem Jahr das erste automatische Bügeleisen auf den Markt gebracht - nun sollen die Roboter potentiellen Kunden zeigen, zu welchen Taten der Konzern noch in der Lage ist. Wenn eine Firma Roboter bauen kann, so die Botschaft, wie gut müssen dann erst ihre Haushaltsgeräte sein.
Elektro ist bei weitem nicht der erste Roboter, den die beiden Westinghouse-Ingenieure John Weeks und Joseph Barnett in Mansfield, Ohio erschaffen. Einer seiner Vorgänger, "Willie Vocalite", tritt bereits 1933 bei der Weltausstellung in Chicago auf und hält eine Rede vor den Passagieren des ersten Flugs von New York nach San Francisco. Doch Elektro ist die Krönung ihrer Schöpfung: Er ist mehr als 100 Kilo schwer, seine Hülle besteht aus Aluminium, ein Stahlskelett stützt im Inneren Motoren und Elektronik, mit seinen Fotozellen kann er sogar Farben erkennen. Gesteuert wird Elektro per Stimme: Ein Conferencier spricht in ein Telefon, das mit Elektro verbunden ist, und je nach Anzahl der Silben vollführt Elektro dann eine von 26 fest verdrahteten Prozeduren, hebt und senkt die Arme oder bewegt den Kopf. "Unterhält" er sich mit einem menschlichen Gegenüber, werden thematisch passende Schallplatten abgespielt, die hinter der Bühne verborgen sind.
Das Zusammenspiel dieser Funktionen macht aus ihm mehr als ein Stück Ingenieurskunst: Elektro wirkt auf die Zuschauer wie beseelt. Eine eiserne Melancholie scheint den Roboter zu umwehen, trotz oder wegen seiner Unsterblichkeit. Er wirkt einsam im Applaus, den sie ihm spenden.




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