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1989

Fußballtragödie von Hillsborough

Tod am Zaun


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Getty Images/David Cannon/Allsport
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In der Falle: Bereits kurz nach Spielbeginn sterben die ersten Fans am Zaun an Kreislaufversagen und Atemstillstand. Doch erst, als die Absperrungen unter dem Druck der Menge fallen, können die Menschen entkommen.

Überlebenskampf im Mittelblock: Tausende Fußballfans stürmten am 15. April 1989 das Hillsborough-Stadion im englischen Sheffield, obwohl die Ränge längst überfüllt waren. 96 Menschen wurden zu Tode gequetscht - eine Katastrophe, die den Fußball für immer veränderte. Von Jannik Pentz und Philipp Köster


3. Teil: Heiliger Zorn gegen "Die Wahrheit" der "Sun"

Die Kampagne der "Sun" versetzt eine ganze Stadt in heiligen Zorn. Zahllose Zeitungshändler weigern sich fortan, die "Sun" zu verkaufen, die Leser boykottieren das Blatt, binnen weniger Wochen fällt die verkaufte Auflage von 240.000 dauerhaft auf 12.000 Exemplare im Großraum Liverpool. Schon bald bezeichnet der sonst bedacht formulierende Presserat den vermeintlichen Scoop McKenzies als "Lügen", was den Journalisten nicht dazu bringt, sich bei den Fans für die Kolportage zu entschuldigen. Zwar gibt er vor einem Ausschuss zu Protokoll, die Berichterstattung über Hillsborough sei ein Fehler gewesen den er bereue, um Jahre später jedoch ungerührt zu verkünden, "Sun"-Besitzer Rupert Murdoch habe ihn damals aus verlagspolitischen Gründen zu diesem Eingeständnis gezwungen. "Ich habe es damals nicht bereut und bereue es bis heute nicht."

Bis heute hat also Kelvin McKenzie keine Rechenschaft abgelegt. Und bis heute begleitet die Katastrophe von Hillsborough das Leben vieler Menschen. Kenny Derbyshire ist einer von ihnen. Er trägt am Kragen eine Anstecknadel des FC Liverpool, seit 1981 hat er eine Dauerkarte an der Anfield Road. Kenny Derbyshire war damals in Sheffield und ist heute Vorsitzender der "Justice for the 96"-Kampagne. Die Organisation wurde kurz nach der Katastrophe gegründet, sie hilft den Hinterbliebenen der Hillsborough-Opfer, dokumentiert die Geschehnisse von damals und kämpft für die Aufarbeitung des Unglücks.

"Bis heute hat niemand Verantwortung für die Katastrophe übernommen", sagt Kenny. "Wir wollen wenigstens einen Verantwortlichen, aber es gab nicht mal eine Entschuldigung." In einem kleinen Laden direkt gegenüber dem Stadion hat die Kampagne Quartier bezogen. Viele Fans kommen vor oder nach dem Spiel vorbei, die meisten spenden etwas und holen sich ein paar Aufkleber ab: "Don't buy The Sun" steht auf ihnen. Die Sun wird noch immer boykottiert, fast 20 Jahre danach. Die Auflage hat sich bis heute nicht erholt. Sicher, inzwischen weiß man, was zu dem Tod von 96 Menschen geführt hat. Die katastrophalen baulichen Zustände im Hillsborough-Stadion mit 23 Drehkreuzen für 24.000 Besucher. Die fatale Entscheidung, zusätzliche Tore zu den Rängen zu öffnen, die jenen unmenschlichen Druck erzeugten, der die Fans ersticken ließ. Das endlose Zögern der Polizei, die Tore zum Spielfeld zu öffnen. Die viel zu spät gerufenen Krankenwagen. Eine schier endlose Kette von Fehlleistungen, für die aber einen Schuldigen auszumachen, selbst den ordentlichen Gerichten schwer fiel.

Nicht einmal den Polizeidirektor David Duckenfield mochten sie verurteilen. Jener Duckenfield, der den Befehl gab, unkontrolliert Fans ins Stadion strömen zu lassen und der sich hätte denken können, was das für die Menschen in den ohnehin schon überfüllten Blöcken bedeuten musste.

Die Schockwellen der Hillsborough-Katastrophe blieben nicht auf Liverpool, nicht auf England beschränkt. Kein Ereignis hat den Fußball in ganz Europa so nachhaltig verändert wie der 15. April 1989. Schon zwei Tage nach der Tragödie hatte Home Secretary Douglas Hurd angekündigt, ein Gesetz zu verabschieden, das alle Erstligaklubs dazu zwingen würde, die Stehplätze aus ihren Stadien zu verbannen. Und wie bestellt, veröffentlichte einige Jahre später eine Kommission unter der Leitung von Lord Taylor of Gosforth einen Bericht, der 78 Maßnahmen vorsah, um eine Katastrophe wie Hillsborough künftig unmöglich zu machen.

Die Beseitigung von gefährlichen Begrenzungszäunen gehörte ebenso dazu wie die bessere Kontrolle des Ticketverkaufs an Gästefans. Vor allem aber empfahl die Taylor-Kommission wie schon Douglas Hurd, die Stadien aller großen Vereine in reine Sitzplatzstadien umzuwandeln. Einen Vorschlag, den die englische "Football League" rasch aufnahm und zur zwingenden Voraussetzung für die Erstligateilnahme machte.

Viele Vereine bauten daraufhin ihre Stadien um, einige auch schon, bevor die Vorschriften in Kraft traten. Es kam ihnen dabei zupass, dass reine Sitzplatzstadien deutlich höhere Einnahmen versprachen. Wenige Zeit später übernahmen auch der Weltverband FIFA und der europäische Verband UEFA diese Regelungen, weshalb heute auch in deutschen Stadien bei internationalen Spielen ausschließlich Sitzplätze zugelassen sind.

Wenn man so will, war die Katastrophe von Hillsborough die Geburtsstunde der modernen Hochglanzarenen. Sie sorgte, Ironie der Geschichte, auch dafür, dass die wohl stimmungsvollste Stehtribüne Europas, der Kop in Anfield, 1992 in eine Sitzplatztribüne ungewandelt wurde.

So sehr sich viele englische Anhänger die Rückkehr der großen Stehterrassen wünschen, so entschieden wehren sich die Angehörigen der Opfer dagegen. Viele Eltern, aber auch viele Fans, die damals verletzt der Hölle von Hillsborough entkamen, sind bis heute traumatisiert, leiden unter Schlaflosigkeit und Panikattacken.

Gary Burns kann bis heute den Monat April nicht gedruckt und geschrieben sehen, nicht einmal als Haltbarkeitsdatum auf der Milch, nicht einmal als Datumsangabe auf der Zeitung, ohne sich zu erinnern. An den Druck, die Enge, die Schreie, die Toten. "Im April beginnt der Frühling", sagt Burns, "in der Natur zeigt sich neues Leben, für mich aber ist der April kälter und dunkler als jeder Wintermonat." Die Katastrophe hat die Menschen und den Fußball verändert.

Im Wappen des FC Liverpool wurden zu Ehren der Opfer zwei Flammen hinzugefügt, vor dem Denkmal am Anfield-Road-Stadion liegen, auch 20 Jahre nach der Katastrophe, jeden Tag noch frische Blumen und Fanschals aus aller Welt. Im April 2009, zur 20. Trauerfeier, wird es einen besonderen Gottesdienst geben. Es werden dann noch einmal die Namen der getöteten Fans verlesen: John Anderson (62), Colin Ashcroft (19), James Aspinall (18). Kester Ball (16), Gerard Baron (67), Simon Bell (17), Barry Bennett (26). David Benson (22), David William Birtle (22), Tony Bland (22), Paul Brady (21), Andrew Brookes (26), Carl Brown (18), David Brown (25), Henry Burke (47), Peter Burkett (24), Paul Carlile (19), Raymond Chapman (50), Gary Church (19), Joseph Clark (29), Paul Clark (18), Gary Collins (22), Stephen Copoc (20), Tracey Elizabeth Cox (23), James Delaney (19), Christopher Devonside (18), Christopher Edwards (29), Vincent Fitzsimmons (34), Thomas Fox (21), Jon-Paul Gilhooley (10), Barry Glover (27), Ian Glover (20), Derrick Godwin (24), Roy Hamilton (34), Philip Hammond (14), Eric Hankin (33), Gary Harrison (27), Stephen Harrison (31), Peter Harrison (15), David Hawley (39),James Hennessy (29), Paul Hewitson (26), Carl Hewitt (17), Nicholas Hewitt (16), Sarah Louise Hicks (19), Victoria Jane Hicks (15), Gordon Rodney Horn (20), Arthur Horrocks (41), Thomas Howard (39), Thomas Howard (14), Eric Hughes (42), Alan Johnston (29). Christine Jones (27), Gary Jones (18), Richard Jones (25), Nicholas Joynes (27), Anthony Kelly (29), Michael David Kelly (38), Carl Lewis (18), David Mather (19), Brian Mathews (38), Francis McAllister (27), John McBrien (18), Marion McCabe (21), Joseph Daniel McCarthy (21), Peter McDonnell (21), Alan McGlone (28), Keith McGrath (17), Paul Murray (14), Lee Nicol (14), Stephen Francis O'Neill (17), Jonathon Owens (18), William Pemberton (23), Carl Rimmer (21), David Rimmer (38), Graham Roberts (24), Steven Robinson (17), Henry Rogers (17), Colin Sefton (23), Inger Shah (38), Paula Smith (26), Adam Spearritt (14), Philip Steele (15), David Thomas (23), Patrik Thompson (35), Peter Thompson (30), Stuart Thompson (17), Peter Tootle (21), Christopher Traynor (26), Martin Traynor (16), Kevin Tyrrell (15), Colin Wafer (19), Ian Whelan (19), Martin Wild (29), Kevin Williams (15), Graham Wright (17).

Sie starben am 15. April 1989, bloß weil sie ein Fußballspiel sehen wollten.


> 1. Teil: "Kenny, da draußen sterben Menschen!"
> 2. Teil: Verzweifelte Eltern, unsensible Polizisten
> 3. Teil: Heiliger Zorn gegen "Die Wahrheit" der "Sun"



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Ute Thiemann am 15. April 2009, 19:23
Leider handelt es sich bei diesem Artikel (wie so oft) primär um Zusammengestoppeltes aus anderen Internetquellen. Sicher, hier soll nur ein Überblick über die...


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