Über einestages

1990

Moderne Mythen

Zu schön, um falsch zu sein


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Partygänger: "Auf einer Party hatte die Bekannte einer Bekannten ein paar nette Stunden mit einem Mann verbracht, den sie dort kennengelernt hatte. Nach einer wilden Knutscherei schlug er ihr vor, ihn nach Hause zu begleiten. Sie lehnte ab. Am Morgen nach der Party hatte sie einen hässlich-roten Ausschlag im Gesicht. Sie ging zum Arzt, der die Hautkrankheit untersuchte. Tage später rief der Mediziner bei seiner Patientin an und fragte hartnäckig nach ihren intimen Kontakten. Denn das Ergebnis aus dem Labor war erschreckend - die Pickel waren durch eine Ansteckung mit Leichenbakterien hervorgerufen worden. Wie sich bei einer Untersuchung durch die Polizei herausstellte, lagen in der Wohnung der männlichen Party-Bekanntschaft bereits drei tote Frauen."
Diese Geschichte wird in den vergangenen Jahren vermehrt über das Internet verbreitet. Sie garantiert auf jeder Party ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuhörer - dabei ist sie nichts als ein Großstadtmythos.

Zahnbürsten im Po und LSD im Kinder-Tattoo: Wenn ein Freund erzählt, der Freund eines Freundes habe was Irres erlebt - dann ist es eine "urban legend". Dank Internet haben angeblich wahre Gruselstories Hochkonjunktur, dabei sind die meisten uralt. Ein Streifzug durch die bizarrsten Großstadtsagen. Von Insa van den Berg


An das Flugblatt, das sein kleiner Sohn Anfang der neunziger Jahre aus der Grundschule mit nach Hause brachte, erinnert sich Ingo Schneider noch genau. Auf dem Papier warnte der Schulleiter seines Kindes die Eltern vor Abziehbildchen, die auf dem Pausenhof kursierten. Die kleinen Sticker, so die dramatische Warnung des Pädagogen, seien ein fieser Trick von Drogendealern, um Kinder süchtig zu machen: Wer daran lecke, um sich ein Tattoo auf den Arm zu kleben, lutsche in Wahrheit LSD.

Verunsichert bestürmten die Erziehungsberechtigten die Schule; eilig wurde ein Elternabend einberufen. Die Angst allerdings war unbegründet, wie Vater Schneider daraufhin herausfand - der Schulleiter hatte selbst gar nicht nachgeforscht, sondern das skurrile Gerücht schlicht für wahr gehalten. Tatsächlich hatte es einen Vorfall dieser Art schlicht nicht gegeben.

Die kuriose Geschichte mit den drogengetränkten Abziehbildern ist nur ein Beispiel für ein Phänomen, das in den neunziger Jahren einen regelrechten Boom im deutschsprachigen Raum erlebte: "urban legends" - Großstadtsagen. Fast jeder kennt solche schön-schaurigen Geschichten, die auf Partys oder an Kneipentischen kursieren. Und fast jeder hat schon einmal eine geglaubt, je unwahrscheinlicher sie klang, desto lieber.

Die Rückkehr des Hitchhikers

Für Ingo Schneider, einen studierten Ethnologen, war der Faux-pas des Schuldirektors Anlass, sich auf die Spur der Legenden zu machen. Und bald stellte er fest, dass postmoderne Sagen nicht anders funktionieren als Volksmärchen aus dem Mittelalter. Wie anno dazumal wandern auch moderne Mythen von Mund zu Mund - und werden dabei immer weiter ausgeschmückt.

Etwa die "Hitchhiker-Legende": Einen Autofahrer liest auf einer einsamen Landstraße einen jungen Anhalter auf. Während der Fahrt verschwindet dieser urplötzlich vom Beifahrersitz, ohne dass das Auto angehalten hätte. Am Ziel, einem Haus, das ihm der mysteriöse Fahrgast genannt hatte, öffnet dem Autofahrer eine alte Frau, die ihm erzählt, ihr Sohn sei vor einigen Jahren bei einem Unfall getötet worden - an eben der Stelle, wo der Anhalter eingestiegen war. Seit Jahrhunderten wird diese Geschichte weitererzählt - nur, dass das Auto früher eben ein Pferdegespann war.

Als äußerst anregend für die Verbreitung urbaner Legenden erwies sich der Bestseller "Die Spinne in der Yucca-Palme" von 1990. Darin hatte der Göttinger Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich mit seinen Studenten Dutzende Ammenmärchen der Jetztzeit zusammengetragen. Das Buch verkaufte sich Hunderttausendfach und wurde in mehrere Sprachen übersetzt, weitere Bände mit "urban legends" folgten - die allesamt nicht nur aufklärend wirkten, sondern selbst für die Verbreitung der modernen Sagen sorgten.

Kokolores um eine Knochenmarkspende

Die angeblich so rationale Moderne hat die Verbreitung von solchen Schauer-Storys nicht gebremst - eher im Gegenteil. Die Sensationsgier der Presse fördert die Bereitschaft, "urban legends" für bare Münze zu nehmen: "Man hat sich durch die Medien daran gewöhnt, Unmögliches für möglich zu halten", sagt der Darmstädter Soziologe Johannes Stehr. Per E-Mail und Chatrooms breiten sich Gerüchte zudem rasend schnell über den Globus aus. Es ist "schneller und leichter, Unwahrhaftes zu verbreiten", beobachtet auch der Hennefer Erzählforscher Helmut Fischer - wie etwa ein Aufruf zur Knochenmarkspende für eine angeblich Leukämiekranke, der seit dem Jahr 2000 die Runde macht.

Der leichte Gruselfaktor - Kinder auf Drogen, verschwindende Anhalter - ist charakteristisch für Sagen der Gegenwart. Durch den Glauben, dass alles so geschehen sein könnte, wird er noch weiter verstärkt. Zwar war der Erzähler selbst nie dabei, als sich die Geschichte zutrug, aber doch jemand aus seinem Umfeld. "Es hat angeblich immer der 'Freund eines Freundes' so erlebt", erklärt Germanist Fischer. Diese behauptete Nähe hat eine enorme Überzeugungskraft - immer wieder und überall.

Der Ethnologe Wolfgang Morscher, der seit langem Wandersagen sammelt und die Internet-Seite www.sagen.at betreibt, hat beobachtet, dass es bei den modernen Legenden "nicht darum geht, ob die Geschichte wahr oder falsch ist", sondern um deren gesellschaftliche Funktion: neben der Unterhaltung auch der Verarbeitung eigener Gefühle, etwa von Ängsten. Die meisten Großstadtmythen enthalten außerdem moralische Fingerzeige, eine Warnung vor abweichendem Verhalten, weiß Stehr - so zum Beispiel die Geschichte vom nervigen Kind im Supermarkt.

Mit dem Einkaufswagen in die Hacken

In einem Lebensmittelladen beobachtete - wer sonst - der Freund der Schwester des Erzählers, wie an der Kasse ein Kind einer älteren Frau immer wieder mit dem Einkaufswagen in die Hacken fuhr. Die Frau beschwerte sich bei der Mutter, worauf die antwortete, ihr Kind werde antiautoritär erzogen, es müsse seine Erfahrungen selbst machen, sie werde nicht eingreifen. Daraufhin leerte ein anderer Kunde in der Schlange ein Glas Honig über dem Kopf der Mutter, mit den Worten: "Ich bin auch antiautoritär erzogen worden und muss Erfahrungen sammeln."

Auf eine solche Story würde Ingo Schneider heute nicht mehr reinfallen: Wenn etwas zu schaurig-schön ist, um wahr zu sein, so seine Lektion, ist es in den allermeisten Fällen - eine moderne Legende.



Debatte

insgesamt 12 Beiträge zur Debatte
Michael Stephan am 13. Juli 2011, 15:27
Die Geschichte mit den Leichenbakterien wurde mir vor kurzem auch erzählt, allerdings hieß es hier:"Leichenherpes".
Und die junge Frau ist mitgegangen - sie...

Stefan Stobbe am 20. Mai 2011, 17:59
Das mit der Säure (Bild 8) habe ich höchst selbst fertiggebracht. War zwar keine Salzsäure sondern konz. Schwefelsäure.

In meinem ersten Praktikum...


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