Plug and Play? Von wegen! Wer in den Achtzigern einen Computer kaufte, musste erst Dutzende Floppy Discs einschieben, bevor er den ersten Text schreiben oder gar ein Raumschiff steuern durfte - mit ein paar Kilobyte Arbeitsspeicher. Die Computerwerbung versprach dennoch das Blaue vom Himmel. Von Sebastian Wischowski
Der neue Spielgefährte kam an einem verschneiten Weihnachtsabend an. Es war der 24. Dezember 1993, und Mathias Ettl starrte mit seinen kleinen Söhnen Stefan und David aufgeregt auf den großen Karton, der den halben Weihnachtsbaum in der kleinen Dachgeschosswohnung im Norden Kiels verdeckte. Das neue Familienmitglied entsprach ganz und gar den Wünschen der glücklichen Ettls: Eine Festplatte mit 800 Megabyte Speicherplatz musste es schon sein, ein rasend schneller 486er-Prozessor, acht Megabyte Arbeitsspeicher. Für den Kaufpreis von rund 5300 D-Mark hatte der PC-Händler sogar noch eine Spielesammlung obendraufgelegt.
An Spielereien allerdings war an den folgenden Tagen nicht zu denken. Vor das Vergnügen hatten die Hersteller von Heim-PCs einen bizarren Initiationsritus gesetzt, der sich "Konfigurieren" nannte und so gut wie ohne Ausnahme zu Frust und furchtbaren Flüchen führte. "Konfigurieren", das bedeutete, dass der Wunderkiste auf dem Schreibtisch von einem Dutzend Disketten erst einmal sein Betriebssystem verabreicht werden musste. Wenn beim langwierigen Installationsprozess nur der Druckertreiber abstürzte, konnte man noch von Glück reden. Den PC der Ettls konnte schließlich nur noch das Computerlabor des lokalen Fachhändlers startklar machen - nach vier Tagen Herumwerkeln.
Die Freude am niegelnagelneuen Computer war in den Tagen vor "plug & play" oft begrenzt - bevor der Besitzer Texte schreiben, Raumschiffe steuern oder Indiana Jones bei seinen Abenteuern begleiten konnte, musste er erst einmal das Äquivalent mehrerer Semester Informatik im Schnelldurchgang verinnerlichen. Das nervte - vor allem, weil die unglaublichen Werbeversprechen, mit denen die Marketing-Strategen technikbegeisterte Papis zum Kauf einer topmodernen Rechenmaschine nötigten, in krassem Gegensatz zur tristen Realität von blinkenden Code-Zeilen oder merkwürdigen, nicht enden wollenden Ritsch-Ratsch-Geräuschen aus dem Diskettenlaufwerk stand.
Koffercomputer und klobige Mäuse
Für den User des 21. Jahrhunderts wirkt die Computerreklame von damals wie eine Ansammlung skurriler Scherze. Wer sich die Mühe macht, kann in den einschlägigen Internet-Archiven Zeitungsannoncen und Katalogausschnitten ausgraben, mit denen in den achtziger Jahren die bunte und scheinbar unkomplizierte Welt technisch unerfahrenen Laien schmackhaft gemacht wurde: Werbung von 1977 etwa für einen Stecksatz mit ganzen 16 Kilobyte Arbeitsspeicher, der heute nur noch nach Elektroschrott aussieht, für schlappe 495 US-Dollar. Oder die Anzeige von System Industries aus dem sonnigen Sunnyvale im US-Bundesstaat Kalifornien, der Festplatten anbot: "80 Megabyte für unter 12.000 Dollar", lautete der Lockruf der prallen Speicherplatzverführung.
Logitech stellte die "beweglichste" Maus vor, die jemals Schreibtische zieren würde - ein Claim für ein klobiges Stück Plastik mit drei fetten Knöpfen darauf, der im Zeitalter von Touchpad (und Touchscreen) schmunzeln lässt. Commodore immerhin warb schon früh mit knallbunten Pixel-Screenshots und seinem "Vicmodem" für die Verlockungen einer virtuellen Welt des "Telecomputing", in der nicht nur "Electronic Mail" möglich war, sondern auch eine "Encyclopedia" zum Nachschlagen und "Shopping" per PC - ein früher Gruß aus der Steinzeit des Datennetzes.


Der gewöhnliche Schreibmaschinennutzer staunte damals noch über tragbare Computer von der Größe eines Reisekoffers, die auf Wunsch sogar mit zwei Diskettenlaufwerken geliefert wurden, für nur 300 D-Mark Aufpreis. Doch der Fortschritt schlief nicht: Compaq rühmte sich bei der Vorstellung seines Schlepptops "Portable III", das Gerät sei nur noch halb so schwer wie der Vorgänger - also neun Kilogramm.
"Ein spezieller Baustein, der Klänge erzeugt"
Angesichts der dramatischen Defizite der Hersteller in Sachen User-Nähe und Kundenservice entwickelte sich rasch eine eigene Szene ultra-nerdiger Computer-Praxishefte, voran das Magazin "Chip", das zur bunten Bibel der Kilobyte-Jünger wurde. Doch was dort damals von PC-Propheten schwarz auf weiß verkündet wurde wie die Offenbarung selbst, klingt heute unfreiwillig komisch. Am C64 gefiel der Zeitschrift ein "spezieller Baustein, der Klänge erzeugt und aus dem Commodore 64 einen Musik-Synthesizer machen kann". Gelobt wurde neben dem Arbeitsspeicher von 64 Kilobyte auch die Grafikauflösung von 320 x 200 Pixel. Für stolze 548 DM konnte der Besitzer eines Commodore C-64 seinen Liebling sogar mit einem externen Diskettenlaufwerk ausrüsten.
Mathias Ettl und sein Bruder verdoppelten damals mit einem Trick die Kapazität der Floppy Disks - mithilfe eines handelsüblichen Lochers.



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