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Geschichte der Sonnenbrille

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Mit Sonnenbrillen nach Chicago: "Es sind 106 Meilen bis Chicago, wir haben genug Benzin im Tank, ein halbes Päckchen Zigaretten, es ist dunkel und wir tragen Sonnenbrillen." Mit diesem Satz im Film "Blues Brothers" spielten sich Dan Aykroyd und John Belushi bereits 1980 auf ewig in die Herzen ihrer Fans. Dabei trugen die beiden "Wayfarer"-Sonnenbrillen, deren Verkaufszahlen anschließend explodierten.

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Zwei Gläser Geheimnis

Sie zieren die Gesichter von Diktatoren und Popstars, dabei galten Sonnenbrillen lange nur als Erfindung für Menschen mit Augenleiden. Dann leiteten die US-Fliegerstaffeln den Siegeszug der dunklen Gläser ein und machten sie zum Mode-Statement für Jedermann. Nur ein Berufsstand trägt nie welche. Von Sven Stillich


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Martin Mücke 3. Jul 2009, 17:26
Adolf Hitler verzichtete meines Wissens zeitlebens ebenfalls auf... mehr...

"Es sind 106 Meilen bis Chicago, wir haben genug Benzin im Tank, ein halbes Päckchen Zigaretten, es ist dunkel und wir tragen Sonnenbrillen."

Kaum ein Satz der Filmgeschichte verströmt mehr Lässigkeit und Coolness. Er machte nicht nur die "Blues Brother"-Darsteller Dan Aykroyd und John Belushi weltberühmt und leitete eine der irrsten Autoverfolgungsjagden der Leinwand-Historie ein. Nein, dieser Satz erhob auch die Sonnenbrille endgültig zum Kultobjekt, Modeartikel und Verkaufsschlager. Noch 1986, sechs Jahre nach Filmstart, verkaufte die Firma Bausch & Lomb ihr "Blues Brother"-Modell "Wayfarer" 1,5 Millionen Mal.

So ein Hype um ein Stückchen Plastik war nicht abzusehen. Lange war die Sonnenbrille alles andere als ein hochemotionales Accessoire - sie galt als spießiges medizinisches Hilfsmittel für Menschen mit Augenleiden.

Die Coolness des Militärs

Dass grelles Sonnenlicht nicht gut für die Augen ist, ahnte bereits der römische Kaiser Nero. Gladiatorenkämpfe soll er daher, nicht ohne Sinn für Dekadenz, durch einen grünen Smaragden betrachtet haben. Auch die Inuit hatten bald eine "Schneebrille" gegen Reflektionen der Sonne erfunden - sie raspelten Schlitze in Seehundknochen. In Europa begann die Geschichte der Sonnenbrille hingegen erst im 15. Jahrhundert mit bunten Brillengläsern, gefärbt mit Bernstein, Braunstein oder Nickel. Die Einzelstücke mögen lustig ausgesehen haben - Schutz boten sie nicht.

Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Im Kaiserreich experimentierten Optiker wie Carl Zeiss oder Josef Rodenstock mit Einzelstücken. Als nach und nach die ersten echten Sonnenbrillen auf den Markt kamen, wurden die Brillen zunächst nur als Augenschutz für Reisende oder Sporttreibende vermarktet. Einen ersten Hauch Coolness bekamen sie erst, als das Militär sie entdeckte. Plötzlich trugen Kampfflieger sie auf Fotos und Baron von Richthofen posierte mit dunkler Fliegerbrille.

Prototyp des amerikanischen Traums

Ende der dreißiger Jahre kam dann das Modell "Ray Ban Aviator" auf den Markt. Der hoch dekorierte US-General Douglas McArthur trug die Brille im Pazifikkrieg, Winston Churchill hatte eine, Präsident Eisenhower ebenso. Die "Ray Ban" war die offizielle Brille der US-Fliegerstaffeln - und durch sie fand die Sonnenbrille auch Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Weg nach Deutschland.

Die "Aviator" war für viele Nachkriegsdeutsche die Ur-Sonnenbrille schlechthin. Sie wurde das erste Modell, das für mehr stand als pragmatischen Augenschutz: "Sie wurde zum Prototypen des amerikanischen Traums - cool, dynamisch und zunächst noch exklusiv", schreibt Karin Hartewig in ihrem Buch "Der verhüllte Blick. Kleine Kulturgeschichte der Sonnenbrille". Wer diese Brille trug, identifizierte sich mit der Mode der Siegermacht. Die Sonnenbrille war eben kein belastetes Relikt der NS-Vergangenheit - sie stand für ein neues Lebensgefühl: für Selbstbewusstsein, Freiheit, Neuanfang.



Die Wirtschaft boomte, die Deutschen begannen zu reisen, meist in sonnige Länder wie Italien. Und wer sich Urlaub nicht leisten konnte, der trug seine Sehnsucht nach Sonnenländern eben im Schwimmbad auf der Nase: Nicht umsonst trugen die Damenmodelle von Rodenstock in den Fünfzigern Namen wie "Parma", "Donna" oder "Florida". Die Deutschen hatten wieder Träume und neue Vorbilder, sie schwärmten nun für Gina Lollobrigida, Sophia Loren oder Brigitte Bardot - und all diese Stars trugen Sonnenbrillen. Und somit etwas, das man sich leicht von ihnen abgucken konnte, egal ob es die "Foster Grand" der Garbo waren oder später die "Teashades" von John Lennon.

Despoten mit dunklen Gläsern

Manche Prominente sind ohne Sonnenbrille gar nicht vorstellbar: Elton John etwa, Heino natürlich, der späte Udo Lindenberg oder U2-Sänger Bono, der von sich selbst sagt, für ihn seien Sonnebrillen das, was für Imelda Marcos Schuhe sind - die Frau des ehemaligen Präsidenten der Philippinen soll davon mehr als tausend Paare besitzen.

In den vergangenen 40 Jahren wurde die Sonnenbrille endgültig zum Kult: 1961 trug Marcello Mastroianni in dem Film "Scheidung auf Italienisch" eine "Persol"-Brille von Giuseppe Ratti und machte sie damit zur Legende. Ornella Muti setzte sich dieses Modell in den Achtzigern auf die Nase, und Daniel Craig trug "Persol" in "Casino Royale".

Heute sind Sonnenbrillen ein modisches Statement für jedermann. Es gibt sowohl die billigen Massenartikel als auch die exklusive Variante. In Filmen tragen sie die Guten wie die Bösen, Gauner ebenso wie Polizeiermittler. Nur eine Berufssparte zeigt sich nur äußerst selten mit ihnen: In Europa versteckt wohl kaum ein demokratisch gesinnter Politiker auf öffentlichen Terminen seine Augen hinter dunklen Gläsern. Zu sehr würde er in Verdacht geraten, etwas verbergen zu wollen - und, schlimmer noch: Er würde all den bebrillten Diktatoren gleichen wie Idi Amin, Kim Jong Il oder dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi - dem ewigen Star der Sonnenbrillendespoten.


Zum Weiterlesen:



Karin Hartewig: "Der verhüllte Blick - Kleine Kulturgeschichte der Sonnenbrille". Jonas Verlag, Marburg 2009, 152 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.







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