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Schabowski spricht: Als SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 um 18.53 Uhr auf einer internationalen Pressekonferenz verkündete, dass eine neue Reiseregelung "unverzüglich" in Kraft trete, war der West-Berliner Senat bereits seit gut sechs Stunden alarmiert. Am Mittag hatte aus Ost-Berlin "Bild"-Reporter Peter Brinkmann dem West-Berliner Wirtschaftsstaatssekretär Jörg Rommerskirchen ausrichten lassen, dass die innerdeutsche Grenze noch am Abend geöffnet werde - Rommerskrischen vertraute der Nachricht und ließ die Verwaltung im Eiltempo die nötigsten Vorbereitungen treffen.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1989-1109-030 |
Wurde der Westen vom Mauerfall kalt erwischt? Nicht ganz: Der West-Berliner Senat hatte einen Tipp bekommen. Fieberhaft plante ein Team unter Staatssekretär Jörg Rommerskirchen seit Ende Oktober für den Ernstfall - und hatte am 9. November sechs Stunden Vorsprung vor den historischen Ereignissen.
einestages: Herr Rommerskirchen, wenn Sie die Berichterstattung zum 20. Jahrestag des Mauerfalls verfolgen, was fällt Ihnen als jemand, der die internen Abläufe aus der Sicht West-Berlins kannte, auf?
Rommerskirchen: Was mich heute sehr wundert ist, dass man sich in dieser Schabowski-Sache nicht vernünftig verständigen kann. Das war für mich kein Versprecher. Günter Schabowski wollte der Welt verkünden, dass es jetzt eine erhebliche Reiseerleichterung für die Bürger der DDR gibt. Das war auch keine Überraschung für uns in der West-Berliner Senatsverwaltung. Nur dachten wir, dass die Besucher erst Ende Dezember kommen würden.
einestages: Unter ihrer Führung versuchte die "Projektgruppe zur Vorbereitung auf einen verstärkten Besucher- und Reiseverkehr aus Ost-Berlin und der DDR" West-Berlin auf die möglichen Veränderungen im innerdeutschen Reiseverkehr vorzubereiten. Wie kam es zur Gründung dieser besonderen Arbeitsgemeinschaft?
Rommerskirchen: Walter Momper, damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin, kam Ende Oktober in den Senat und berichtete von einem Gespräch mit Günter Schabowski. Momper hatte den Eindruck, es würde vor Jahresende noch eine nennenswerte Reiseerleichterung geben. Dass die DDR Druck ablassen musste, war uns allen klar. Die Reiseerleichterung kam da für keinen von uns überraschend. Aber wir wussten, dass wir die Stadt und die Menschen gut vorbereiten mussten. Dieter Schröder, der Chef der Senatskanzlei, wies darauf hin, dass wir Krach mit den Alliierten bekommen würden, wenn wir direkten Kontakt zur DDR aufnähmen. Also haben wir das Ganze als Tourismus deklariert.
einestages: Die Planungsgruppe wurde am 31. Oktober 1989 eingesetzt, mit Ihnen als Chef. Schon am nächsten Tag kam das Krisenteam zur ersten Sitzung zusammen. Was musste geklärt werden?
Rommerskirchen: Wir haben bis nach Mitternacht getagt. Damals sind wir von einer großen Besucherwelle zur Weihnachtszeit ausgegangen und haben uns gefragt, mit wie vielen Leuten wir rechnen mussten. Ich habe gesagt: Wir schreiben 200.000 Leute und denken an 300.000. Eine Woche später verbesserte ich mich auf 400.000. Dass schon am nächsten Wochenende mehr als eine Million Menschen aus dem Ostteil nach West-Berlin kommen würden, damit haben wir nicht gerechnet. Uns war klar, dass wir wenig Zeit hatten.



