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1949

DDR-Indianer

Skalptänze im Wilden Osten


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David Klaubert
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"Schnelles Pferd" in seinem Wohnzimmer: Joachim Giel - hier 2009 in seinem Wohnzimmer in Leipzig - fuhr meist mit dem Rennrad ins Indianerlager. Seine "Stammesbrüder" gaben ihm deswegen den Namen "Schnelles Pferd".

Eingesperrt im sozialistischen Osten, träumten sie vom Wilden Westen: In der DDR verkleideten sich Hunderte Bürger als Indianer. Ihre Stämme hießen "FDJ Kulturgruppe für Indianistik Hiawatha" oder "IG Mandan-Indianer". Doch ob beim Tomahawk werfen oder Bisontanz - die Stasi campte immer mit. Von David Klaubert


"Schnelles Pferd" ist langsam geworden. Sein linkes Bein schmerzt, er schlurft über den Linoleumboden und lässt sich auf einen mit Schafsfell bedeckten Sessel fallen. Seine grau-weißen Haare sind zerzaust wie die Raubvogel-Federn des Kopfschmucks an der Wand hinter ihm. 69 Sommer haben den einstigen Häuptling gezeichnet. Ein langes Indianerleben, vom jungen Krieger bis in den Ältestenrat seines immer kleiner werdenden Stammes.

Als die DDR noch existiert, ist das völlig anders. Über das gesamte Land verstreut, gründen Indianerfans eigene Stämme. In der Blütezeit existieren in rund 60 Orten Indianergruppen, bis zu 1000 Leute kommen bei zentralen Zeltlagern zusammen.

Joachim Giel ist erst elf Jahre alt, als die Leidenschaft für das Leben der amerikanischen Ureinwohner in ihm geweckt wird. Im Herbst 1951 bekommt er von seinem Vater ein besonderes Geschenk: ein Indianerkostüm, in wochenlanger Handarbeit genäht und bunt bestickt, dazu eine lange Federhaube und ein Tomahawk mit Steinklinge. Stolz wie Chingachgook, der Mohikaner-Häuptling aus seinen Lederstrumpf-Büchern, marschiert Joachim durch die Leipziger Straßen. Zum Jahrmarkt tollen dort Hunderte verkleideter Kinder herum. Bei den Fangspielen und Prügeleien der anderen will Joachim aber nicht mitmachen. Er hat Angst, dass sein edles Indianerkostüm kaputtgehen könnte.

Andächtig beugt sich "Schnelles Pferd" über das hirschlederne Hemd, das er auf dem Tisch vor sich ausgebreitet hat. Er will einen ausgefransten Hermelinschweif ersetzen. Es ist sein Hemd für besondere Festtage, gut vier Monate hat er daran geschnitten, genäht, gestickt, gefärbt und gemalt. An den Hemdsärmeln hängen neben weißen Hermelinfellen dunkle Strähnen. Nach alter Indianertradition sind das die Haare der Frauen, die ihm in seinem Leben am meisten bedeutet haben: Seine Großmutter, seine Mutter, seine Ex-Frau - über die vielen anderen Strähnen schweigt der ehemalige Häuptling.

Das geliebte Indianerkostüm ist Joachim längst zu klein geworden, als er zum Stadtfest nach Taucha bei Leipzig fährt. Dort streifen nach einem jahrzehntealten Brauch Jugendliche als Cowboys, Trapper und Indianer verkleidet durch die Straßen. Als Joachim die wilden Horden sieht, entfacht das alte Feuer in ihm. Ein paar Wochen später sitzt der 18-Jährige auf einer kleinen Lichtung namens "Hölle", zusammen mit 30 jungen Menschen aus Taucha. Alle tragen Indianerkostüme: Joachim, der Graveur, daneben Schlosser, Tischler, Dreher und auch ein ehemaliger Stadtrat. Sie schleudern Tomahawks und Messer, werfen Lassos und üben das Schlagen mit der Peitsche.

FDJ Kulturgruppe für Indianistik Hiawatha

"Wen einmal dieser Bazillus befallen hat, der bleibt für immer ein Indianer", sagt "Schnelles Pferd" und plustert seine dicken Backen auf. Er streicht mit seinen kurzen Fingern über das helle Leder, über Zeichnungen, die aussehen wie Höhlenmalereien und aus seinem Indianerleben erzählen: "Schnelles Pferd" jagt einen Hirsch, reitet mit seinem Stammesbruder Red durch die Prärie und freut sich über die Geburt seines Enkels "Kleiner Vogel".

Einen Stamm zu gründen, merken Joachim Giel und seine neuen Freunde schnell, ist in der DDR nicht einfach. Indianer sind in der sozialistischen Einheitsgesellschaft nicht vorgesehen. Die selbsternannten Rothäute müssen sich eine Anerkennung vom Ministerium für Kultur, Sektor Volkskunst, besorgen und so wird ihr Stamm zunächst auf den Namen "FDJ Kulturgruppe für Indianistik Hiawatha" getauft.

Um Felle und Pelze für ihre Kleidung und Tipis zu kaufen, brauchen die Indianer Freigabescheine vom Rat des Kreises und für ihre Lager die Genehmigung vom Polizeihauptamt. Trotzdem wechselt Giel immer schneller zwischen DDR- und Indianerleben hin und her. Er verbringt bald jedes freie Wochenende im Tipi, und nach der Arbeit radelt er ins Völkerkundemuseum, um dort in alten Reiseberichten, ethnologischen Studien und Zeichnungen zu stöbern. Besonders ausführliche Texte finden die Ost-Indianer dort zu den Mandan, einem halbnomadischen Stamm aus dem nördlichen Missouri-Gebiet. Und so fangen die Leipziger an, deren Kleidung, Bräuche und Riten detailgetreu nachzuahmen. Sie nennen ihren eigenen Stamm nun "Interessengemeinschaft Mandan-Indianer" und nähen sich Hemden aus Hirsch- und Ziegenleder, basteln Schmuck aus Bärenkrallen und Rabenfedern, üben Skalp- und Bisontänze. Und weil Giel meist mit dem Rennrad von Leipzig zum Lager strampelt, taufen sie ihn "Schnelles Pferd".

Spitzel unter Rothäuten

"Für viele DDR-Indianer war ihr Hobby eine Flucht in einen entpolitisierten Freiraum", sagt der Historiker Jens-Uwe Fischer, der für sein Buch "Sozialistische Cowboys" die Indianistik-Szene untersucht hat. Die Indianer von Taucha blieben in ihrem Reservat DDR deshalb auch nicht alleine. Vor allem als Ende der sechziger Jahre die Indianerfilme mit Gojko Miti? in die Kinos kamen, wurden im ganzen Land Tipis aufgebaut. Es gründeten sich rund 60 Stämme, und jeden Sommer trafen sich alle zu einem großen Lager. Mit dem sozialistischen Regime arrangierten sich die meisten Stämme gut. "Obwohl die Indianer so bunt und frei wirkten, waren sie stark in die Strukturen der Diktatur eingebunden", sagt Fischer. Viele arbeiteten eng mit den lokalen Parteikadern zusammen. Trotzdem hatte die Stasi ihre Spitzel in allen Indianerclubs, setzte aufmüpfige Rothäute unter Druck und sorgte in den achtziger Jahren dafür, dass alle Indianisten, die einen Ausreiseantrag stellten, nicht mehr an den großen Sommerlagern teilnehmen durften.

Als die große Mauer fällt, sind die Mandan-Indianer gerade damit beschäftigt, die Blockhütte in ihrem Lager zu reparieren. Und "Schnelles Pferd" freut sich, dass es mit der neuen Freiheit auf einmal viel einfacher ist, die Halbhölzer für die Außenwand und all die anderen Baumaterialien zu bekommen. Doch bald schon zieht es die ersten Stammesbrüder in die Prärie, viele Tagesmärsche weit in den Westen. Und der Stamm der Mandan bekommt ein demografisches Problem: Die Nachfahren der Stammesältesten, auch Tochter und Enkel von "Schnelles Pferd", sind weiterhin bei den unregelmäßigen Stammestreffen in der "Hölle" dabei. Aber neue Mitglieder finden nur noch selten ins Indianerlager. "Die jungen Menschen beschäftigen sich heute mit vielen anderen Dingen", sagt "Schnelles Pferd".

Zum großen Sommerlager versammeln sich die Mandan und die anderen Stämme immer noch jedes Jahr ums Lagerfeuer. Auch Indianer aus westlichen Gefilden bauen mittlerweile ihre Tipis mit auf. Sogar aus England, Tschechien und Polen reisen kleine Trecks an, insgesamt reihen sich mehr als 300 Indianerzelte aneinander. Außerdem preisen fliegende Händler ihre Waren an. "Alles, was wir früher selbst von Hand gemacht haben, gibt es jetzt zu kaufen", sagt "Schnelles Pferd". "Durch die Größe sind die Lager nicht mehr so gemütlich wie früher. Das intensive Zusammengehörigkeitsgefühl ist verlorengegangen." Trotzdem wird er auch nächsten Sommer wieder in sein Hirschlederhemd schlüpfen. Er wird am Lagerfeuer sitzen und zusammen mit seinen alten Stammesbrüdern aus langen Indianerleben erzählen. Denn seine Ausdauer hat "Schnelles Pferd" noch lange nicht verloren.



Debatte

insgesamt 8 Beiträge zur Debatte
Michael Schmidt am 30. November 2009, 18:45
Es war nicht nötig, sich "subversiv" zu verhalten - wie auch immer Sie diesen Begriff belegen - um vom MfS bespitzelt zu werden.
Ich bleibe dabei, es sollte den...

max muetze am 21. November 2009, 01:46
Wie getrübt der Blick von Herrn Schmidt ist, zeigt dieser Satz: "Es ist nicht bemerkenswert, dass überhaupt so ein Klub gegründet werden konnte - bemerkenswert...


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