Goethe unter Granit: Ein atombombensicherer Stollen bei Freiburg beherbergt seit mehr als 30 Jahren die Schatzkammer der Kulturnation Deutschland. Das gigantische unterirdische Archiv bewahrt Dokumente aus mehr als tausend Jahren Geschichte - für den Fall, dass das Land noch einmal zerbombt wird. Von Wolfgang Höbel
Hermann Hesses Nachlass ist schon im Stollen, Friedrich Nietzsches wird gerade verfilmt, auch Schriften der Weimarer Herzogin Anna Amalia und das Wertvollste aus der nach ihr benannten Bibliothek. Dazu aber kommen: jede Menge Akten, Akten, Akten. "In erster Linie dokumentieren wir staatliches Handeln", sagt Luchterhandt. "In Berlin verfilmen wir derzeit zum Beispiel Unterlagen über die Enteignung jüdischer Vermögen durch NS-Gerichte."
Luchterhandt ist "Vorsitzender des Fototechnischen Ausschusses der Archivreferentenkonferenz des Bundes und der Länder", Deutschlands oberster Kulturgutverfilmer. Grundsätzlich gilt: verfilmt wird, was "unikal", also nur einmal vorhanden ist. Das trifft für Handschriftliches meist zu, Gedrucktes scheidet in der Regel aus. Verfilmt werden nur geordnete, im Fachjargon "erschlossene" Bestände. "Wir wollen nichts auf Film haben, von dem wir nicht wissen, was es ist. Der Großteil unserer Mühe besteht darin, genau zu beschriften und aufzulisten, was wir verfilmen."
Auch im Zeitalter der Digitalisierung des Wissens sei Mikrofilm "das mit Abstand haltbarste Medium", sagt der Archivar. "Würden Sie die Dokumente, die im Barbarastollen aufbewahrt werden, digital speichern, müssten Sie ständig nachrüsten." Nicht etwa, weil die Datenträger wie CDs nicht lange haltbar sind, "das auch", so Luchterhandt. "Aber noch schneller altern die Abspielgeräte. Mit welchem modernen Computer können Sie heute noch eine Diskette lesen?" Zum Lesen eines Mikrofilms braucht man kein Abspielgerät, nur eine Lupe, notfalls eine Glasscherbe.
Einmal im Jahr treffen sich 16 deutsche Archivhüter aus den 16 Bundesländern unter Luchterhandts Vorsitz. Dann sprechen sie ab, was in den Fässern des Barbarastollens landen soll. Alles, was älter als 200 Jahre ist, hat Vorfahrt und Dringlichkeitsstufe eins. Dass man in Berlin schon viel aus dem 20. Jahrhundert verfilmt, hat mit den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zu tun. "Wir haben im Haus kein Mittelalter mehr", sagt Luchterhandt.
Das Landesarchiv der Hauptstadt residiert, das kann man als lustige historische Symbolik sehen, in einer prachtvoll restaurierten ehemaligen Waffen- und Munitionsfabrik im Stadtteil Wittenau. Dort sind zwei Frauen und ein Mann täglich acht Stunden mit der "Sicherungsverfilmung" von Akten beschäftigt. In ihrem Arbeitsraum bleiben die grauen Plastikjalousien stets zu, wegen der störenden Lichteffekte.
Insgesamt gibt es in Deutschland 15 Verfilmungsstellen. Zum Klimatisieren schicken sie ihre Filme an eine Münchner Spezialfirma, dort werden die Rollen nach einem patentierten Verfahren in den Fässern versenkt. Nur für das Knipsen der Aufnahmen, für die Verpackung und für die Lagerung im Stollen kommt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz auf. Rund drei Millionen Euro beträgt dafür der jährliche Etat.
"Ich glaube, keinem ist bewusst, welche ungeheure Menge an Dokumenten Deutschland besitzt", sagt Luchterhandt. Vielleicht liegt es an diesem Bewusstseinsmangel, dass sich mitunter Menschen in Deutschland fragen, ob sich das alles wirklich lohne. "Es kam in den letzten Jahren vor, dass Politiker laut darüber nachdachten, ob man sich den Aufwand nicht sparen könne", so Luchterhandt.
Dann kam der 3. März 2009. Der Tag, an dem in Köln das Stadtarchiv einstürzte. Zwei Menschen starben, fast alle Bestände des Hauses, Dichternachlässe und historische Urkunden, Folianten und Gerichtsakten rutschten in die 20 Meter tiefe Schlammgrube einer U-Bahn-Baustelle.
Lothar Porwich sagt: "Für die Fachwelt war Köln ein Super-GAU." Und doch war die Katastrophe auch eine Art Glücksfall, eine Lektion für alle Zweifler am Aktentresor im Barbarastollen. "Seit Köln hat sich keiner mehr laut gegen die Verfilmung geäußert", sagt Luchterhandt.
Mit Hilfe der sogenannten Findbücher, von denen je eines auch in jedem gelagerten Fass deponiert ist, peilte man im Schauinsland-Bunker sofort die Orte, wo die 6369 Filme mit rund zehn Millionen Aufnahmen aus dem Kölner Archiv aufgerollt waren. Unter anderem in Fass 1799.
Am Ende musste man dort trotzdem kein Fass aufmachen. Denn bei jeder Mikrofilmaufnahme für den Bund wird inzwischen eine Kopie sowie eine computernutzbare Digitalversion für das Bundesland erstellt (und akribisch abgerechnet). Die Kölner Kopie hatte den Archiveinsturz heil überstanden. "Wir brauchten nicht tätig zu werden", sagt Porwich. Es klingt leicht bedauernd. "Trotzdem hat durch Köln fast jeder den Nebennutzen der Sicherungsverfilmung begriffen", sagt Luchterhandt.
Den Hauptnutzen der Fässer kann man möglicherweise als den einer heiteren Flaschenpostladung beschreiben. Der Kulturwissenschaftler Bazon Brock sagt über den Barbarastollen, er stelle für ihn eine "Endlagerung unserer Ewigkeitsansprüche in Gestalt von Zeitkapseln" dar und den Appell an die Menschen, sich als "Archäologen der Menschheitszukunft" zu gebärden. Brock findet das gut so.
1977 hat die Nasa die beiden Voyager-Sonden mit einer Kapsel voller Bilder, Texte und Töne ins Weltall geschickt, samt Bastelanleitung für das Abspielgerät. Präsentiert werden da Abbildungen von Erde, Sonne und Mars, Menschen, Häuser, Pflanzen und Tiere. Man hört Mozart und Chuck Berry, es gibt Grüße in 55 Sprachen und eine Liste von US-Kongressmitgliedern.
Im deutschen Stollen setzt man nur auf Bilder und Schriftgut. Und auf Masse. Die Filme im Barbarastollen würden "endgültig eingelagert", heißt es in der Kulturgutschutz-Broschüre des Bonner Bundesamts, das Material sei "für mindestens 500 Jahre ohne Informationsverlust" haltbar.
Der Archivar Luchterhandt sagt: "Unser Kulturbegriff ist keiner mit Goldrand, der nur Kunstwerke berücksichtigt, sondern ein soziologischer und historischer. Er meint die Gesamtheit der Äußerungen einer Gesellschaft." Er gebe zu, "es gibt Teile der Kultur, die ich nicht retten kann. Wie die DDR roch, wie eine Currywurst schmeckt, wie man als Zuschauer eine Aufführung in der Staatsoper erlebt - das lässt sich auf einem Film nicht festhalten."
Schon seit 1961 werden in deutschen Behörden systematisch wichtige Kulturzeugnisse und Akten auf Mikrofilm gebannt. Damals war der Kalte Krieg besonders frostig, in Berlin baute man die Mauer, Exilkubaner landeten mit CIA-Unterstützung in der Schweinebucht. Als man in den frühen Siebzigern den Stollen im Schauinsland ausguckte, hatte die Entspannungspolitik Willy Brandts begonnen.
Fast zeitgleich, lange ebenso streng geheim gehalten wie im Westen, machte man sich in der DDR, in Ferch südwestlich Berlins, an ein ähnliches Projekt. Nach dem Mauerfall hat man die Aufnahmen aus Ferch komplett auf den im Westen benutzten Polyesterfilm umkopiert, "technisch war das erstklassige Arbeit", sagt Luchterhandt.
Die Deutschen sind schon dank ihres regressiven Nationalcharakters Weltmeister im Horten. Die Zerstörungen zweier Weltkriege schmerzen sie bis heute. Vermutlich wurden sie deshalb Pioniere der Kulturgut-Konservierung. Auch in Nationalarchiven der USA und Großbritanniens kopiert man Dokumente auf Mikrofilm, steckt sie aber nicht in speziell gesicherte Depots. Nur in der Schweiz gibt man sich ähnlich Mühe wie in Deutschland, dort dient eine Felskaverne als Lagerstätte. In Österreich wollte man lange im Bergwerk von Altaussee ein Mikrofilmdepot einrichten, gab den Plan dann aber 1996 auf.
In Deutschland ließen die Herren des Barbarastollens vor ein paar Jahren, im Sommer 2004, eine Art Kunsthappening ausrichten, vielleicht um ihren Tunnel mal mit der Frischluft lebendiger Kultur durchzupusten. Anlass war der 50. Jahrestag der Haager Konvention. Als Kurator bat der Aktionskünstler Adalbert Hoesle 50 Kolleginnen und Kollegen, eines ihrer Werke herauszurücken, damit man es in speziellen Metalldosen in den Stollen sperren konnte.
Zu den Künstlern, die mitmachten, gehörten Karin Sander, Jonathan Meese, Jörg Immendorff, Andreas Gursky und Christoph Schlingensief. Mit der Einlagerung am 21. Juli 2004 erklärte man die gespendeten Kunstwerke zum "deutschen Kulturgut". Clou der Hoesle-Aktion aber ist, dass man erst in anderthalb Jahrtausenden Bescherung spielen will.
Erst im Jahr 3504 dürfen die Kunst-Dosen geöffnet werden. Bis dahin weiß angeblich niemand außer den Künstlern selbst, was in den Konserven ist. "Das Verhindern der Betrachtung der Werke ist integraler Bestandteil des Projekts", so Initiator Hoesle.
Doch die Geheimniskrämerei der Künstler hat die Neugier der Außenwelt auf das Depot im Barbarastollen nicht angefacht. "In den 34 Jahren, seit wir den Stollen betreiben", sagt Lothar Porwich, "hat es nicht einen einzigen Versuch gegeben, hier illegal einzudringen."



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