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Dicke Luft in der Bakterien-Bar: Auf barhockerähnlichen Stühlen saßen die Männer in einer rund einen Kilometer langen, geraden Linie in der Wüste von Utah, zwischen ihnen Käfige mit Rhesusaffen und Meerschweinchen. Doch die Probanden und Tiere hockten mitnichten an der längsten Theke der Welt, sondern auf dem militärischen Testgelände Dugway. "Wenn ihr die Pumpen hört, atmet ganz ruhig", hatte Oberst William Tigertt den Männern eingeschärft. Das war einfacher verlangt, als getan - schließlich nahmen die Probanden in dieser Julinacht des Jahres 1955 an einem Biowaffenexperiment teil und würden gleich die Erreger des Q-Fiebers einatmen, einer Krankheit, die damals noch in etwa drei Prozent der Fälle tödlich endete.
Die Aktion war Teil der Operation Whitecoat, einer Serie von Bio- und Chemiewaffentests, die zwischen 1955 und 1973 durchgeführt wurden - unter anderem mit Erregern von Milzbrand, Bauchtyphus und Hirnhautentzündung. Manche fanden im Freien statt, andere in dem sogenannten Eight Ball (Bild) einer Apparatur, mit der die Versuchspersonen den Stoffen in telefonzellengroßen Kammern gezielt ausgesetzt werden konnten. Bei dem Q-Fieber-Versuch in der Nacht von 1955 erkrankte etwa ein Drittel der Probanden - keiner starb. |
Was passiert, wenn drei Menschen, die sich für Jesus halten, in einem Raum sitzen? Und wie reagieren Elefanten auf eine Riesendosis LSD? Manchmal stellen Wissenschaftler irre Fragen - und finden erstaunliche Antworten. einestages präsentiert 20 der verrücktesten Experimente des 20. Jahrhunderts. Von Benjamin Maack
Manchmal wird Wissenschaft zur Grenzerfahrung. Etwa, wenn der Forscher mit einer Schlinge um den Hals einen Meter über dem Boden baumelt, während sein Gesicht erst rot anläuft, dann blau, ihm die Sicht verschwimmt und es schließlich in den Ohren zu pfeifen beginnt. 1905 publizierte der rumänische Gerichtsmediziner Nicolas Minovici seine "Studie über das Erhängen". Um herauszufinden, wie sich diese Todesart anfühlt, nahmen er und seine Assistenten sich einige Male selbst einen Strick. "Die Verletzungen des Halses waren von großer Vielfalt", notierte Minovici nüchtern seine persönlichen Erfahrungen als Erhängter, "nach dem letzten Experiment hatte ich einen Monat lang Schmerzen".
Die Geschichte mag klingen wie eine Legende, die sich Medizinstudenten abends nach dem dritten Bier erzählen. Der Versuchsaufbau scheint eher einem Horrorroman als einer wissenschaftlichen Studie entnommen. Und doch fand dieses Experiment statt - und abseitige Versuche wie dieser sind kein Einzelfall. Immer wieder werden im Namen der Wissenschaft die abstrusesten Dinge unternommen. Doch warum nageln Forscher Leichen an Kreuze, leben zwei Monate lang in einer Eishöhle 160 Meter unter der Erde oder zwingen ihre Probanden, einer Ratte den Kopf abzuschneiden?
"Sie stoßen auf ein Problem, dass sie nicht anders angehen können", meint Reto Schneider. Der Buchautor und stellvertretende Redaktionsleiter von "NZZ Folio", der Monatszeitschrift der "Neuen Zürcher Zeitung", muss es wissen. Er schreibt seit einigen Jahren eine Kolumne über verrückte Experimente und hat bereits zwei Bücher zu dem Thema veröffentlicht. "Die gehen ja nicht hin und sagen, jetzt mache ich ein verrücktes Experiment." Für sie sei es lediglich ein Weg, eine Frage zu klären.
So setzte der amerikanische Psychologe Milton Rokeach 1959 drei Psychiatrie-Patienten in einen Raum - die sich alle für Jesus hielten. Er wollte wissen, auf welchen Überzeugungen die Identität eines Menschen fußt, und was passiert, wenn eine dieser Gewissheiten plötzlich wegfällt. Zwei Jahre lang traf sich der Wissenschaftler fast täglich mit den Dreien und beobachtete, wie sie mit der Situation umgingen. Würde einer von ihnen durch diesen absurden Widerspruch möglicherweise sogar von seiner Persönlichkeitsstörung geheilt? Am Ende blieb das Experiment ohne ein spektakuläres Ergebnis, denn alle drei hielten an ihren Überzeugungen fest. Dennoch ist Rokeachs Buch "Die drei Christusse von Ypsilanti" heute ein Literaturklassiker der Psychologie.
Andere Experimente zeigen, wie schwierig es sein kann, das richtige Experiment zur Beantwortung seiner Frage zu finden - und dieses auch noch durchzuführen. So klingt es erst mal eher langweilig, wenn der amerikanische Meeresbiologe Craig Smith 1992 herausfinden will, was in der Tiefsee geschieht, wenn große Stücke organischen Materials absinken. Doch die Aktion dahinter ist nicht weniger als gewaltig: Denn um der Sache nachzugehen, versenkte Smith einen kompletten Wal.
Bei abseitigen Operationen wie dieser wird die sonst eher trocken anmutende Welt der Wissenschaft plötzlich zu einem aufregenden Abenteuerspielplatz, auf dem Forscher nicht nur manchmal an die eigenen Grenzen, sondern immer wieder auch an die Grenzen der Moral gingen. Fragt man Reto Schneider, was er aus seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema gelernt hat, ist seine Antwort so simpel wie verheißungsvoll: "Es gibt nichts, was nicht schon gemacht wurde."
einestages stellt 20 der spannendsten Experimente des 20. Jahrhunderts vor.
Mehr irre Experimente finden Sie in diesen Büchern:
Reto U. Schneider: "Das neue Buch der verrückten Experimente" C. Bertelsmann Verlag, München, 2009.
Alex Boese: "Elefanten auf LSD" Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck, 2009.
Reto U. Schneider: "Das Buch der verrückten Experimente" C. Bertelsmann Verlag, München, 2004.
Alle drei Bücher erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.
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