Von wegen Fast Food! Als McDonald's vor 20 Jahren seine erste Filiale in Russland eröffnete, standen mehr als 30.000 Menschen vor der Tür. Stundenlang warteten sie auf Burger und Pommes. Dabei kosteten die Fleischklopse ein kleines Vermögen - und wurden auf dem Schwarzmarkt sogar noch teurer gehandelt. Von Friedhelm Weinberg
Moskau - Der Weg nach ganz oben begann für Chamsat Chasbulatow mit einem beruflichen Rückschritt. In den achtziger Jahren hatte der Bürger der Sowjetunion bereits ein Studium der "Technologie und Organisation gesellschaftlicher Ernährung" an einer renommierten Moskauer Hochschule abgeschlossen. Danach leitete er ein Restaurant in der Hauptstadt des Sowjetreichs. Er hatte jahrelange Berufserfahrung, er war es gewohnt, gekonnt den Mangel in der Planwirtschaft zu verwalten.
Dann wurde er Praktikant, im Alter von 32 Jahren.
1988 reiste Chasbulatow nach Kanada und ging neun Monate lang bei McDonald's in die Lehre. Der scheinbare Karriereknick wurde der Beginn einer steilen Karriere, die beispielhaft ist für die Zeit der "Perestroika", Michail Gorbatschows Versuch, den Kommunismus durch Reformen zu retten. Zurück in der Sowjetunion übernahm Chasbulatow die Leitung des ersten Fast-Food-Restaurants des kommunistischen Imperiums.
Dessen Eröffnung am 31. Januar 1990 brach alle Rekorde. Bis zu fünf Stunden standen die neugierigen Sowjetbürger vor dem Schnellrestaurant Schlange - für Big Mac und Fritten. 30.000 Menschen strömten allein am ersten Tag zum Restaurant auf dem Puschkinplatz im Herzen Moskaus. Einen solchen Andrang hatte es weder vorher, noch danach bei einer Filialeröffnung des Burgerriesen irgendwo auf der Welt gegeben. Noch Wochen danach bewachten und beobachteten berittene Polizisten die langen Schlangen und setzten mitunter Schlagstöcke ein, um die Ordnung zu wahren. 70 Jahre Mangelwirtschaft hatten den Sowjetbürgern mächtig Lust auf die westliche Küche gemacht, wenn auch nur in Form von fettigen Cheeseburgern, Fritten und Milchshakes.
Nachhilfe im Lächeln
Es war auch nicht in erster Linie das Essen, das die Russen begeisterte: McDonald's lieferte, was man bestellte, jeden Tag zuverlässig; alles, was auf der Karte stand. Eine absolute Ausnahme in der Planwirtschaft. Üblicherweise musste sich der Kunde in sowjetischen Restaurants erkundigen, welche Speisen denn - wegen Knappheit der Zutaten - überhaupt serviert werden konnten. In der Regel war das nur die halbe Speisekarte.
McDonald's trieb erheblichen Aufwand, um die Versorgung seiner Dependance zu sichern. Für 40 Millionen Dollar baute der Fast-Food-Riese in der Nähe von Moskau eine Fabrik, in der die pappigen Brötchen gebacken und Fleisch zu handlichen Tiefkühlpucks verarbeitet wurde. Den örtlichen Viehbauern gab der Konzern Nachhilfe: Instrukteure von McDonald's zeigten den Landwirten, wie sie die Qualität des Fleisches erhöhen konnten, wenn sie später kastrieren und früher schlachten. Die Gemüsebauern lernten Gurken und Kartoffeln so zu verpacken, dass sie nicht matschig werden. Die Ankunft des weltweit agierenden Konzerns, Sinnbild des Kapitalismus amerikanischer Prägung, versetzte die Planwirtschaft in Bewegung.
Nicht nur mit der Versorgung mussten die Bulettenbrater kämpfen. Im Kommunismus war der Kunde keineswegs König, sondern eher ein Störenfried - und die Unfreundlichkeit sowjetischer Verkäufer war legendär. Deshalb schulten Chamsat Chasbulatow und 30 andere auslandserfahrene Manager die neuen Thekenkräfte in drei bis dato unbekannten Disziplinen: den Kunden ins Gesicht sehen, Danke sagen und lächeln.
Ein Vermögen für einen Burger
Der Mega-Konzern war aber nicht nur der hilfsbereite Nachbar aus dem Westen. Immer wieder warfen Berichte in der russischen Presse auch Schlaglichter auf die Schattenseiten der Erfolgsstory von McDonald's. Im Zuge der Privatisierung kamen einige Grundstücke im Moskauer Zentrum in den Besitz der Kette. Früher zu Spottpreisen verramscht, sind sie heute ein Vermögen wert.
McDonald's profitierte auch von dubiosen Absprachen mit der Moskauer Stadtverwaltung. 1992 schlossen Konzern und Stadt einen Pachtvertrag für zwei Filialen nahe dem Roten Platz und auf dem Arbat. Mietpreis während der Vertragslaufzeit von 49 Jahren pro Quadratmeter in bester Citylage: ein Rubel, heute umgerechnet drei Cent. Dabei waren die Burger im Vergleich zu traditionellen russischen Restaurants alles andere als billige Verpflegung für das ganze Volk. Schon wenige Monate nach der Eröffnung kostete ein einzelner Big Mac 6 Rubel und 75 Kopeken, umgerechnet 9,50 Euro - für die Moskauer viel Geld. Dem Erfolg des Unternehmens tat dies keinen Abbruch. Um die langen Wartezeiten zu umgehen, wurden die Fleischklopse im Pappbrötchen eine Zeit lang sogar auf dem Schwarzmarkt gehandelt.
Auch mit den Steuerbehörden geriet die Fast-Food-Kette in Konflikt: 2007 kam ein Moskauer Gericht zu dem Schluss, McDonald's habe Briefkastenfirmen genutzt, um seine Steuerlast zu schmälern. Die angesehene Moskauer Zeitung "Kommersant" zitierte einen Steuerfahnder mit der Aussage, man sei zudem bei McDonald's auf Produkte "unbekannter Herkunft" gestoßen. Das Unternehmen wehrt sich gegen die Vorwürfe. Die Gebäude habe man überhaupt erst komplett renovieren müssen, um sie überhaupt nutzbar zu machen. Die Stadt Moskau habe außerdem profitiert, weil sie jahrelang an den Gewinnen mitverdiente.
Fast Food für Olympia
Am Anfang der Eroberung des Ostens durch McDonald's stand Olympia. 1976 hatte eine sowjetische Delegation die Sommerspiele im kanadischen Montreal besucht, auf der Suche nach Anregungen für Olympia in Moskau vier Jahre später. Dabei sahen sie die Versorgung der Menschenmassen mit Cheese- und Hamburgern und kamen mit dem Konzern ins Gespräch. Man einigte sich bald: Die Restaurantkette sollte mit mobilen Burgerbuden die Versorgung von Hunderttausenden Gästen während der Spiele in Moskau übernehmen. Doch dazu kam es nicht: Wegen des Einmarsches der Sowjetunion in Afghanistan 1979 boykottierte der Westen Olympia in Moskau, die Abmachung wurde hinfällig. Doch man blieb in Kontakt.
Von der Idee überzeugt, mit dem Big Mac den Ostblock zu erobern, reiste George Cohon, damals Vorstand von McDonald's in Kanada, immer wieder in die Sowjetunion. Als sich das Land unter Gorbatschow zu öffnen begann, kamen die Verhandlungen voran, und zwölf Jahre nach dem ersten Treffen wurde 1988 der Vertrag über ein Joint Venture zwischen der Stadt Moskau und McDonald's Kanada unterzeichnet.
Doch obwohl die Sowjetunion bereits schwächelte, hatten die KP-Strategen ihren Sinn für Monumentales noch nicht verloren. McDonald's in Moskau sollte natürlich das größte Fast-Food-Restaurant auf der Welt sein, es sollte die meisten Kunden bedienen können, es sollte beweisen, dass Kommunisten die besseren Kapitalisten sind.
Der Einzug von McDonald's in die Sowjetunion ist auch ein Abbild des Versuchs, den Kommunismus zu reformieren, ohne ihn aufzugeben. Der Stadt Moskau gehörte eine 51-Prozent-Mehrheit an dem Joint Venture, McDonald's wurde zu einer Art volkseigenem Betrieb. Mit Methoden wie diesen versuchte Gorbatschow, das Land und die marode Wirtschaft zu erneuern. Für McDonald's war es ein lohnendes Geschäft. Als erster US-Burgerbrater im Ostblock haben sie den Markt erschlossen und dominieren ihn noch heute. Und zwar nicht mehr als VEB Bulettenbraterei, sondern als Privatunternehmen. Im Zuge der Privatisierung des Staatseigentums hat die kanadische Mutterfirma bis 2003 alle Anteile der Stadt Moskau erworben.
Und Chamsat Chasbulatow, der Restaurantchef, der freiwillig zum Praktikanten abstieg? Der legte eine Karriere hin, die eher dem amerikanischen Traum entspricht als dem sowjetischen. Chasbulatow ist heute Russland- und Osteuropachef von McDonald's. Allein in Russland gebietet er über ein Imperium von 245 McDonald's-Filialen, 45 weitere Restaurants sind für dieses Jahr geplant. Nur den Titel "größter McDonald's der Welt" hat Chasbulatow verloren, schon 1992 - an China.



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