| Frau Hitler für einen Tag: Bei der Mutter eines SS-Haupsturmführers stellten die Amerikaner bei Kriegsende 28 Rollen mit 16-Millimeter-Agfacolorfilmen sicher - die Privatfilme der Hitler-Geliebten Eva Braun. |
Eva Braun war die Geliebte Adolf Hitlers und für knapp 40 Stunden seine Ehefrau. Sie galt als unpolitisch und unbedarft - die erste wissenschaftliche Biografie über Frau Hitler will das Bild vom dummen Blondchen an der Seite des Massenmörders jetzt korrigieren. Von Klaus Wiegrefe
1935 unternahm Braun mit Schlaftabletten einen weiteren Selbstmordversuch, und manches spricht dafür, dass erst danach die Beziehung enger wurde. Hitler finanzierte ihr eine Wohnung und später ein Haus in München, so dass sie endlich bei den Eltern ausziehen konnte. Sie wuchs in die Rolle der Hausherrin auf dem Berghof hinein, auf dem Hitler auch im Krieg oft viele Wochen weilte. Offiziell firmierte sie als "Privatsekretärin". Doch irgendwann duzten sie sich sogar vor Dritten.
Das Versteckspiel vor der Öffentlichkeit behielt der Diktator freilich bei. Nur eine Aufnahme des Paares entging der Zensur und wurde publik. Sie zeigt Hitler bei den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen 1936, und Braun sitzt in der Reihe hinter ihm.
Trotz der Verschleierungstaktik sickerte in der alliierten Presse durch, dass Hitler eine Freundin namens Braun hat. Ende 1939 berichtete das US-Magazin "Time" davon. In Deutschland blieb es hingegen ein Geheimnis, und vermutlich lag Hitler mit seiner Annahme richtig, dass ein Bekanntwerden des Liebesverhältnisses dem "Führer"-Mythos abträglich gewesen wäre.
Reinhard Spitzy jedenfalls, glühender Nazi und Mitarbeiter des damaligen Botschafters in London, Joachim Ribbentrop, war erstaunt, als auf dem Berghof plötzlich eine ihm unbekannte junge Frau ein Gespräch zwischen Ribbentrop und Hitler unterbrach - mit dem Hinweis, die Männer sollten "doch endlich" zum Essen kommen. Ein Kollege klärte Spitzy über Brauns Position auf. Spitzy war erschüttert. Er hatte Hitler "in Askese" gewähnt, "erhaben über Sex und Lust". Stattdessen lebte sein Heros wie alle anderen.
Eva Braun fotografierte und filmte gern und ließ sich auch gern ablichten. Die von ihr überlieferten Fotoalben und Filme zeigen eine unbekümmerte, sportliche und extrovertierte Frau, die im Badeanzug posierte und ihre Schwester sogar beim Nacktbaden filmte. Sie habe nicht dem "Ideal eines deutschen Mädchens" entsprochen, klagte nach dem Krieg ein SS-Mann. Kaum sei der "Führer" in der Limousine vom Berghof gerollt, habe Braun mit Freundinnen "die ersten Vorbereitungen für mancherlei Amüsements getroffen". Party auf dem Berghof.
Solche Aussagen passen in das Bild von der unpolitischen Entourage, das alle Beteiligten - vom Diener bis zu Albert Speer - nach dem Krieg zeichneten und in das Eva Braun sich nahtlos einzufügen schien. Auf dem Obersalzberg galt angeblich die Regel, in Anwesenheit von Frauen dürfe nicht über Politik gesprochen werden. Mode, Hundeaufzucht, Operetten - das seien die Themen gewesen.
Es fällt Biografin Görtemaker nicht schwer, Argumente gegen die Ausschließlichkeit dieser Version ins Feld zu führen. Schon ein Blick in Brauns Fotoalben, in denen sich Aufnahmen finden, die sie am 23. August 1939 gemacht hat, genügt: Der inzwischen zum Außenminister aufgestiegene Ribbentrop verhandelte an jenem Tag in Moskau mit Stalin über eine Aufteilung Osteuropas zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion. Hitler suchte das Bündnis, weil er über Polen herfallen wollte. Die Fotos zeigen, wie gespannt und erkennbar unruhig er auf das Ergebnis der Gespräche Ribbentrops wartete. Politik pur - und Eva Braun war dabei.
Heike Görtemaker glaubt denn auch, die Frau an seiner Seite habe "Hitlers Weltanschauung und politische Auffassungen unkritisch geteilt". Dafür sprechen in der Tat schon die Umstände. Eva Braun verbrachte von ihren insgesamt 33 Lebensjahren fast die Hälfte mit fanatischen Nationalsozialisten.
Bekanntlich hat Hitler 1939 vor dem Reichstag sogar öffentlich von der Vernichtung des europäischen Judentums gesprochen, und selbst in seinem zweiten Testament, das er kurz vor seinem Selbstmord verfasste, beschimpfte er noch wüst seine Opfer. Kaum zu glauben, dass Eva Braun die dazwischenliegenden 2280 Tage mit ihm ausgehalten hätte, wenn sie nicht ebenfalls Antisemitin gewesen wäre. Ob sie in irgendeiner Weise versucht hat, auch Einfluss zu nehmen, wird sich allerdings wohl nie klären lassen.
Braun war loyal bis in den Tod, und es war diese bedingungslose Loyalität, die Hitler vermutlich mehr als alles andere an ihr schätzte. "Nur noch Fräulein Braun und mein Schäferhund sind mir treu und gehören zu mir", soll er zum Ende des Krieges hin geklagt haben, als Europa in Trümmern lag und der Mord an den europäischen Juden bereits größtenteils vollzogen war.
Da hatte Braun längst den Entschluss gefasst, beim "Führer" zu bleiben. Sie ließ sich noch an der Pistole ausbilden, als die Rote Armee bereits in Berlin stand. "Wir kämpfen hier bis zum letzten", schrieb sie am 22. April aus dem Führerbunker an ihre engste Freundin: "Ich sterbe so wie ich gelebt habe. Schwer fällt es mir nicht."
Laut Amtsgericht Berchtesgaden starb Eva Braun am 30. April 1945 um 15.28 Uhr; sie hatte eine Kapsel mit Zyankali zerbissen. Hitler folgte zwei Minuten später.
Die Legendenbildung konnte beginnen.
Mit Adolf Hitler starben 1945 im Berliner Bunker auch sechs...
"Wölflein", "Heißersehnter", "geliebtes Adilie": Wie sehr...
Hitlers Adjutant und sein Kammerdiener fanden die Leiche des...