Über einestages

1945

Kriegsschicksal

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Flüchtlingstreck im Schnee: Mit Pferdewagen, auf Schlitten oder zu Fuß flohen im Winter 1944/45 hunderttausende Menschen vor der heranrückenden Front und der Rache der sowjetischen Soldaten. Die damals 15-jährige Gabriele Köpp brach am 26. Januar 1945 aus Ostpreußen in Richtung Westen auf - und lief "ins offene Messer", wie sie als 80-Jährige rückblickend schrieb.

Niemand weiß, wie viele Frauen im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt wurden, kaum eine hat je offen darüber gesprochen. Mit 80 Jahren bricht jetzt Gabriele Köpp das Schweigen. In einem erschütternden Buch berichtet sie, wie sie 1945 als 15-Jährige unzählige Mal zum Opfer von Rotarmisten wurde. Von Susanne Beyer




Soldaten vergewaltigen in Kriegen nicht nur, "um das direkt betroffene Individuum zu erniedrigen", so sagt die Historikerin Birgit Beck-Heppner, die spezialisiert ist auf das Thema sexuelle Gewalt und Krieg, "sondern sie signalisieren der gegnerischen Bevölkerung, dass ihre politische Führung und die eigene Armee ihren Schutz nicht mehr garantieren können". Deswegen finden diese Vergewaltigungen auch oft in aller Öffentlichkeit statt.

Historikerin Beck-Heppner hat auch das Nachwort zu Köpps Buch geschrieben. Sie ist mit ihren 38 Jahren ähnlich alt wie Traumaforscher Kuwert. Die etwa Vierzigjährigen sind, mehr oder weniger, die Enkel der NS-Generation.

"Die Forschungsimpulse zum Thema Vergewaltigung im Zweiten Weltkrieg gehen von meiner Altersklasse aus", sagt Kuwert. "Uns läuft die Zeit davon", es gebe noch viele Fragen. Natürlich habe man Akten, aber die Zeitzeugen eben bald nicht mehr. Und ein Bild ergebe sich nur, wenn man individuelle Schicksale untersuche: "Es gibt nun mal kein objektives Trauma."

Dass es das nicht gibt, ein objektives Trauma, dafür ist Gabriele Köpp das beste Beispiel. Nach all dem, was sie erlebt hat, könnte man meinen, sie komme nicht mit Männern zurecht. Doch Gabriele Köpp hat ein Problem mit Frauen. Warum das so kam, erzählt sie in ihrem Buch.

Am 25. Januar 1945 in den Abendstunden begann Gabriele Köpp, ihre Sachen für die Flucht zu packen. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, sie solle sich aufmachen, die Front rücke näher, sie selber wolle nachkommen. Sie hätte gern noch mit ihrer Mutter gesprochen an dem Abend, doch die war schweigsam und sprach kaum mit der Tochter, auch nicht darüber, was alles passieren könne auf der Flucht: "In gewisser Weise ließ sie mich ins offene Messer laufen", schreibt Gabriele Köpp als alte Frau.

Am 26. Januar 1945 brach sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester auf. Später sollte sie erfahren, dass sowjetische Soldaten am darauffolgenden Tag, am 27. Januar, das Konzentrationslager Auschwitz befreiten. Das Martyrium, das für Gabriele Köpp nun begann, hatte seine Ursache in den Verbrechen der Deutschen.

An einen Abschied von der Mutter kann sie sich nicht mehr erinnern. Sie schreibt, sie könne erst seit kurzem den Gedanken zulassen, dass es womöglich gar keinen Abschied gegeben habe.

Sie bestieg einen Güterzug mit schweren Schiebetüren. Die Stadt wurde schon beschossen. Nie hätte sie damals gedacht, dass sie jahrzehntelang nicht mehr hierher zurückkehren würde. Durch die Luken des Waggons erkannte sie, dass der Zug nicht, wie gedacht, in nördlicher Richtung aus der Stadt fuhr, sondern in südlicher.

Der Süden aber war, das wusste sie, von russischen Panzern umschlossen. Schon hörte sie Kanonendonner, der Zug stoppte, es hatte wohl die Lokomotive getroffen. Die Schiebetüren waren fest verriegelt, sie konnte nur versuchen, aus einer der hochgelegenen Luken aus dem Waggon zu fliehen. Weil sie sportlich war, konnte sie sich hochziehen, ein Soldat schob sie durch die schmale Öffnung. Ihre Schwester blieb im Zug, sie sollte sie nie wiedersehen.

Sie fiel in den Schnee, legte sich flach auf den Boden, um sich vor Gewehrsalven zu schützen. Auch andere Flüchtlinge konnten sich aus dem Zug befreien, sie liefen auf ein Gehöft zu und dann weiter in ein Dorf. Gabriele Köpp folgte ihnen. Ein Bäcker ließ sie in sein Backhaus.

Im Dorf liefen sowjetische Soldaten mit großen Taschenlampen durch die Dämmerung und suchten nach Mädchen. Einer griff sich Gabriele Köpp. Am nächsten Tag wurde sie in ein anderes Haus gejagt und dort von einem Soldaten vergewaltigt, kurz darauf vom nächsten. Am Morgen darauf wurde sie in eine Scheune geschubst, wieder zwei Männer.

Am Nachmittag versteckte sie sich in einem Raum, der überfüllt war mit Flüchtlingen, unter einem Tisch. Wieder kamen Soldaten und fragten nach Mädchen. Die älteren Frauen riefen in den Raum hinein: "Wo ist die kleine Gabi?", und zogen sie unter dem Tisch hervor. "Ich spüre Hass in mir aufsteigen." Sie wurde in ein verwüstetes Haus geschleppt: "Tränen habe ich keine." Am darauffolgenden Tag waren es wieder die Frauen, die sie einem "gierigen Offizier" in den Arm "schubsen", "ich verachte diese Weiber".

So ging es weiter, zwei Wochen lang, "kein Erbarmen". Danach gelang es ihr, auf einem Bauernhof aufgenommen zu werden, dort konnte sie sich vor den Soldaten verstecken.
Sie schrieb in einen hellblauen Taschenkalender einen Brief an ihre Mutter, obwohl sie gar nicht wusste, wo die Mutter war: "Es ist doch keiner da, der mir beisteht. Wenn Du doch nur da wärest. Ich habe schon immer solche Angst, weil ich mein Unwohlsein nicht habe. Es sind jetzt schon bald zehn Wochen. Du könntest mir sicher helfen. Wenn nur der liebe Gott mir das nicht antun möchte Ach Mutti, wäre ich doch bloß nicht ohne Dich gefahren."

Sieben Jahre lang sollte ihre Menstruation ausbleiben, "Russen-Krankheit" nannten einige Gynäkologen dieses weitverbreitete Phänomen.

Gabriele Köpp hatte ihrer Mutter den Brief zeigen wollen, als sie sie endlich, nach 15 Monaten Flucht, in Hamburg aufgespürt hatte. Doch die Mutter hatte nicht mehr mit ihr gerechnet, hielt ihr kühl eine Wange für einen Begrüßungskuss hin. Ausdrücklich bat die Mutter sie, über alles zu schweigen, was sie auf der Flucht erlebt habe. Sie könne es ja aufschreiben. Das tat Gabriele Köpp. 16 Jahre alt war sie da, heute zitiert sie in ihrem Buch aus diesen Notizen, die sie inzwischen dem Haus der Geschichte in Bonn übergeben hat.

Im Gespräch kommt Gabriele Köpp immer wieder auf den Verrat der Frauen zurück und auch auf die Mutter, auf die Enttäuschung, dass sie sie nicht anhören, eigentlich auch nicht mehr haben wollte. "Mit meinem Vater hätte ich reden können, doch der lebte nicht mehr." Sie sucht nach Erklärungen für das Verhalten der Mutter: Wahrscheinlich habe sich diese Vorwürfe gemacht, sie und ihre Schwester allein losgeschickt zu haben.

Traumaexperte Kuwert sagt, die Fassungslosigkeit der Opfer über den Verrat der Geschlechtsgenossinnen sei in der Missbrauchsforschung bekannt: Wenn diejenigen, denen das Opfer eigentlich vertraue, den Täter deckten oder sogar unterstützten, könnten manche Opfer dies schwerer verwinden als die eigentliche Tat.

Gabriele Köpp hat, als sie 47 Jahre alt war, eine Psychoanalyse begonnen. "Die Analyse war der Wendepunkt", sagt sie. Natürlich sei ihr bewusst, dass es in ihrer Generation nicht üblich sei, zum Analytiker zu gehen, und von sich aus wäre sie auch nicht darauf gekommen. Doch sie ist, als sie 47 Jahre alt war, zusammengebrochen, mitten in der Arbeit an ihrer Habilitation. Sie wurde in eine psychosomatische Klinik eingeliefert.

In der Klinik hat sie mit der Analyse begonnen. "Ich habe mich in meinen ersten Analytiker verliebt damals", sagt sie und lacht leise. Und? Nein, natürlich sei da nichts gewesen, zwischen ihm und ihr, "er ist sehr seriös".

Bis heute habe sie Kontakt zu ihm, er habe sich gewünscht, dass sie das Buch schreibe. "Dass das überhaupt ging, etwas zu empfinden für einen anderen Menschen, das war der Wendepunkt." Seither gibt es zumindest Momente, in denen sie sich befreit fühlt.

Ob es denn sonst eine Liebe gegeben habe und Sexualität? Nein, nichts. "Für mich war das doch nur Gewalt."

Gabriele Köpp springt von ihrem Sessel auf, leicht wie ein junges Mädchen. Sie ist 1,55 Meter groß. Sie geht zum Flur, da hängen Bilder, die sie selbst gemalt hat, sie malt gern in letzter Zeit.

Auf einem Bild sind die Stationen ihres Lebens zu sehen, in der Mitte Kreuze, Totenköpfe, darüber der Schriftzug: 26. Januar 1945. Auf anderen Bildern sind Herzen zu sehen, starke Farben.

Mädchen malen solche Bilder. 15-jährige Mädchen.



Der unglaubliche Guido - 118 Tage Vizekanzler Westerwelle

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insgesamt 20 Beiträge zur Debatte
Sibylle Dreher am 7. März 2010, 15:53
>Ich moechte darauf hinweisen, dass Gabriele Köpp wohl nicht die erste war, die in einem Buch ueber ihr Schicksal schrieb. Auch Margarete Mueller, eine deutsch Kanadierin...

Sibylle Dreher am 7. März 2010, 15:39
Mir sind die Schicksale von Gabi Köpp und vielen anderen Mädchen und Frauen bekannt. Warum diskutieren wir darum herum - politisch, historisch, etc? Von der Befreiung des...


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