Er stand an vorderster Front beim NS-Völkermord, wurde zum Tode verurteilt - und konnte seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Jahrzehntelang lebte Martin Sandberger unbehelligt in der Bundesrepublik. Kurz vor seinem Tod spürte ihn der SPIEGEL im Altersheim auf. Letztes Treffen mit einem Verbrecher. Von Walter Mayr
Im Stuttgarter Seniorenstift ist es still geworden. Es dämmert, und Sandberger denkt nach. Seine Todesstrafe: verdient? Dazu will er "nichts sagen", lieber spricht er über sein Leben danach. Die rote Jacke des Hinrichtungskandidaten trug er ja wie alle anderen in der Festung Landsberg, wo Hitler "Mein Kampf" schrieb, nur bis 1951. Während fünf Mithäftlinge im Gefängnishof gehängt wurden, kam Sandberger sieben Jahre später frei. Er fiel weich, ins Nachkriegsdeutschland.
Zwei Brüder fingen ihn auf: der Theologe Eberhard Müller, Leiter der Evangelischen Akademie; und dessen Bruder Bernhard, CDU-Landtagsabgeordneter, später Verbindungsmann der Christkonservativen zur NPD, vor allem aber: Generalbevollmächtigter der Unternehmensgruppe Lechler.
"Ich habe gebetet, dass Gott dich zu mir schickt", mit diesen Worten sei er damals vom Firmenchef empfangen worden, sagt Sandberger. Als Justitiar eingestellt, arbeitet er sich ab 1958 zielstrebig zur "rechten Hand und zum hochgeachteten Mitglied" des Managements hoch, wie Walter H. Lechler sagt, heute Geschäftsführer. Der SS-Veteran habe offensichtlich "seine steuerlichen Kenntnisse" während der Landsberger Festungshaft "erheblich erweitert". Über die Kriegszeit hingegen sei von Sandberger nichts zu erfahren und über laufende Verfahren gegen ihn nichts bekannt gewesen.
Das ist, nach Aktenlage, schwer vorstellbar. Zwar regiert ab 1966 als Kanzler in Bonn der Württemberger Kurt Georg Kiesinger, NSDAP-Mitglied von 1933 an; und in Stuttgart Hans Filbinger, NS-Marinerichter a. D. Trotzdem ist die Justiz im Südwesten der Republik nicht untätig. Und Sandberger bekommt das zu spüren.
Nach Zeugenvorladungen im Ulmer Einsatzgruppen-Prozess 1958 und ab 1960 auch vor die Zentralstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg wird unter dem Aktenzeichen JS 337/70 im Mai 1970 bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsverfahren gegen den verschwiegenen Justitiar der Firma Lechler eingeleitet. Es geht um die "Erschießung von Juden, Kommunisten und Fallschirmspringern in Estland", um die Hinrichtung eines Offiziers, der betrunken auf ein Hitler-Bild gefeuert hatte, und um die Ermordung von "1400 - 1500 Juden in Kalevi-Liiva" im Herbst 1942.
Unter den Augen der Staatsanwaltschaft verschlechtert sich daraufhin binnen kurzer Zeit das Befinden des zuvor rüstigen SS-Veteranen: sein abnormal hoher Blutdruck, seine Beinahe-Erblindung und die beständige Gefahr eines zerebralen Insults seien zu berücksichtigen, erfährt das Gericht per beigefügtem Attest von Sandbergers Anwalt. Dessen Name: Fritz Steinacker. Der ehemalige Bomberpilot gilt im NS-Milieu als graue Eminenz. Er hat den KZ-Arzt Josef Mengele verteidigt und den Lagerapotheker von Auschwitz, Victor Capesius; als Bevollmächtigter vertritt er die Belange des weltweit gesuchten Kriegsverbrechers Aribert Heim, genannt "Dr. Tod".
Der Fall Sandberger liegt da vergleichsweise einfach. Es genügt, gemäß Überleitungsvertrag zwischen den Besatzungsmächten und der Bundesrepublik, zu beweisen, dass der Standartenführer schon 1948 von den Amerikanern summarisch verurteilt wurde für das, was ihm Stuttgarter Ermittler 23 Jahre später nachweisen wollen. Steinacker gelingt das. Auch eine Anklage wegen Mordes an Juden aus Frankfurt und Theresienstadt kommt nicht mehr zustande - die Staatsanwaltschaft Stuttgart erklärt mit Schreiben vom 13. Juli 1972, die Ermittlungen gegen den Beschuldigten Sandberger seien nach Lage der Dinge vom US-Militärtribunal "endgültig abgeschlossen" worden.
Es klingt wie ein Stoßseufzer.
Als in den Neunzigern, nach Ende des Kalten Kriegs und nach Öffnung der Archive in Osteuropa, erste Historiker den Scheinwerfer wieder auf Sandberger richten, duckt der sich weg. Spricht mit keinem, rührt sich nicht. Aus Tallinn kommen Meldungen, "der größte Nazi Estlands" und "Botschafter des Todes" sei noch am Leben. Französische Blogger spekulieren Ende 2009, Sandberger sei in einem bayerischen Altenheim aufgespürt worden.
In Deutschland hingegen: Funkstille bis zuletzt. Dokumente, die Material für eine neue Anklage bergen könnten, gab es nun zur Genüge. Aber keinen mehr, der daran rühren wollte.
Verspürte Sandberger Scham, nach all den Jahren, den eigenen Tod dicht vor Augen? Der Alte im Polstersessel, letzter übriggebliebener Rädelsführer beim größten Völkermord der Geschichte - er schweigt lange an diesem Abend, und ringt mit sich. Dann sagt er: "Ich möchte darüber nicht sprechen."
Das ist sein letztes Wort.



Er war zum Tode verurteilt und kam davon: Vor mehr als 20...
"Absondern, erschießen": Erstmals sind alle Akten deutscher...
Giftspritzen ins Herz und OPs ohne Betäubung: Aribert Heim...