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1850-2007

Deutsche Heiligtümer Der Beat unseres Kalenders


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"Samstags gehört Vati mir": Plakat des DGB mit der Forderung zur Einführung der Fünf-Tage-Woche aus dem Jahr 1956.

Fünf Tage schuften, zwei Tage ausspannen: Die Deutschen fürchten um ihr Wochenende. Dabei sind freie Samstage und Sonntage nicht mehr als eine Episode des 20. Jahrhunderts. Der Rhythmus unseres Alltags ist nur ein historischer Zufall, wie der Blick 50 und 5000 Jahre zurück zeigt. Von Stefan Schmitt


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Ein kuscheliger Achtziger-Jahre-Bademantel aus blauem Frottee leitete den schönsten Teil des Wochenendes ein, das gemeinsame Abendessen nach der Samstagnachmittagsdusche. Mein Vater trug damals oft eine dunkelgrüne Jacke aus Nicki-Stoff, in der er wie Little Joe aus der TV-Serie "Bonanza" ("Dn-d-dln-d-dln-d-dln Bonanazaaah...") aussah. Auf dem roten Küchentisch standen Weißbrot, Aufschnitt, Gewürzgurken - und Malzbier, das gab es nur am Samstag. Später turnte dann Thomas Gottschalk mit "Na sowas!?" durch den Falschholz-furnierten Röhrenfarbfernseher der Marke Braun. Und ich konnte mir sicher sein, dass montags in der Schule die anderen Kinder dasselbe gesehen, überhaupt ein ganz ähnliches Wochenende verbracht hatten.

Fünf Tage Arbeit, zwei Tage Muße - dieser Rhythmus sitzt fest im bundesdeutschen Bewusstsein. Seine eigenen Samstagsbademantel-Erinnerungen zum kollektiven Kindheitsfilm der "Generation Golf" verdichtend schrieb "FAZ"-Feuilletonist Florian Illies: "Niemals wieder hatte man in späteren Jahren solch ein sicheres Gefühl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun" - das Wochenende, ein profanes Heiligtum der deutschen Alltagskultur.

Heimelige, bröckelnde Gewissheit

Grob ein Vierteljahrhundert nach meiner Grundschulzeit ist wenig von dieser heimeligen Gewissheit geblieben. In fast jedem dritten deutschen Betrieb wird samstags, immerhin in knapp 20 Prozent auch am Sonntag gearbeitet, meldeten Forscher der Universität Duisburg-Essen im Juli dieses Jahres. Der Dienstleistungssektor sei der Treiber bei "unüblichen Arbeitszeiten", Deutschland liege europaweit im oberen Mittelfeld.

Große Geschäfte sind heute bis 20 Uhr geöffnet - oder noch länger, selbst am Samstag. Im Bundestag attackiert die FDP unablässig auch diese gelockerten Ladenöffnungszeiten noch. Einzelne Städte machen sich gegenseitig mit verkaufsoffenen Sonntagen die Bummelnden streitig. Und auch diesen Text tippe ich nicht wochentags zwischen neun und fünf, sondern an einem Samstagnachmittag im Zug am Laptop.

Fressen Individualismus und Internet, Moderne und Marktliberalisierung da etwas ewig Sicheres einfach auf? Trommelfeuer auf den natürlichen Wochenrhythmus, den Beat des Kalenders - so nachvollziehbar dieser Eindruck, so falsch ist er doch. Zumal das Wochenende, wie wir es kennen, selbst nicht mehr als eine Episode des 20. Jahrhunderts ist.

Ein eher verdrängter Teil meiner Kindheitserinnerung ist: Das Wochenende war gar nicht immer "frei" - jeden zweiten Samstag mussten wir in Rheinland-Pfalz zur Schule. Und auch in den Achtzigern hatten Läden und Geschäfte bis Samstag(nach)mittag offen. Für eine solche "Fünfeinhalbtagewoche" hatten britische Gewerkschafter und Sozialreformer seit Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert gestritten - erst damals entstand der Begriff "Wochenende" überhaupt. Erst Ende der fünfziger Jahre ließ der Deutsche Gewerkschaftsbund einen kleinen Jungen plakativ eine komplette Fünftagewoche fordern: "Samstags gehört Vati mir!"

Das Wochenende ist ein Engländer

Das "Oxford English Dictionary" machte den Begriff "week-end" erstmals in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1879 ausfindig, wenngleich er dort noch einer Definition bedurfte. Zwischen 1850 und 1876 war das anderthalbtägige Weekend im Heimatland der Industriellen Revolution eingeführt worden. Eine deutsche Übersetzung für den Taktgeber des Alltags bürgerte sich erst nach dem ersten Weltkrieg ein, schreibt der kanadische Architekt und Historiker Witold Rybczynski in "Am Freitag fängt das Leben an". Dass wir aber heute ausgerechnet am Ende des fünften Werktags die Arbeit niederlegen ist das Ergebnis historischer Willkür.

Der Lauf der Erde um die Sonne bestimmt die Jahreszeiten und die natürliche Länge eines Jahres, ihre Umdrehung die eines Tages. Der Rest ist kulturelle Verhandlungsmasse seit mindestens 5000 Jahren.

Bereits in den Kalendern früher Hochkulturen waren profane Arbeiten an besonderen Festtagen untersagt. Etwa bei den Ägyptern, die auch schon über Monate von 30 Tagen Länge verfügten, nicht aber über Wochenenden. Ähnlich ging es am Indus zu. Die alten Chinesen zählten gar "Monate" mit 60 Tagen. Sumerer, Babylonier und Assyrer zählten 29-tägige Perioden, die von einem besonderen Tag zweigeteilt wurden, dem Shabattu am 14. Tag. Aber erst die Juden stellten dieser wilden Wirrnis von Opfer- und Götterfesten ein Schema entgegen, das sich an zwei Händen abzählen ließ und das gesamte Jahr formatierte. "Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst Du keine Arbeit tun", schrieben sie im Buch Exodus. Einer umstrittenen Theorie zufolge haben sich die Israeliten während ihres babylonischen Exils vom Shabattu zum Sabbat inspirieren lassen.

Kirchgangspflicht statt Muße, Freizeit, Tralala

Die Römer, denen Julius Cäsar einen komplizierten neuen Kalender mit unterschiedlich langen, teils ungeraden Monaten bescherte, scherten sich zwar nicht um den Sabbat. Die Zahl Sieben aber galt in der Antike als magisch und modisch. Bis ins zweite Jahrhundert nach der Zeitenwende waren "fast alle römischen Bürger mit der Siebentagewoche vertraut", so Wochenend-Forscher Rybczynski. Der Siebener-Takt verbreitete sich in ganz Europa.

Doch weder die Juden noch - in den 17 Jahrhunderten bis zur industriellen Revolution - die Christen scherten sich um viel mehr als ein Zeitfenster für ihre religiösen Rituale. Noch Mitte des 20. Jahrhundert kontrollierten strenge Volksschullehrer sonntagmorgens die Anwesenheit ihrer Schützlinge in deutschen Dorfkirchen, Überreste eines mittelalterlichen Sozialdrucks. Den Menschen hingegen Muße, Freizeit und Tralalala zu verschaffen, dafür interessierten sich erst die Arbeiterführer und Wohltäter der Moderne.

Post-Wochenende für Arbeitslose und Wissensarbeiter

Es wäre darum historisch falsch zu sagen: Wer, wie ich als Kind, sich regelmäßig sonntagmorgens in der Kirche langweilte, habe nur den Preis für die Wonnen des Wochenendes bezahlt. Längst zählt nur noch eine Minderheit der Deutschen zu den sonntäglichen Kirchgängern. Kulturell prägt das Gebot des siebten Tages nichtsdestotrotz - noch. Mitte November erst kündigten die evangelische und die katholische Kirche eine Klage gegen die besonders freizügige Berliner Sonntagsöffnungsregel an. Der Berliner Bischof Wolfgang Huber verwies aber nicht bloß auf den Kirchgang, sondern warnte davor, "wichtige Institutionen unserer Sozialkultur aufs Spiel zu setzen." De facto kämpfen die Kirchenleute heute Seite an Seite mit der roten Ver.di gegen die Mediamarktisierung der Sonntage - vor einem halben Jahrhundert wäre das noch undenkbar gewesen.

So polterte 1957 im jungen Bundestag der katholische CDU-Familienminister Franz-Josef Wuermeling: Sozialdemokraten, Liberalkapitalismus und materialistischer Marxismus wollten den Tag des Herrn auf dem Altar des Mammons opfern - "tumultartige Szenen" im Plenum waren die Folge, schildert der Hamburger Historiker Axel Schildt in seinem Buch "Moderne Zeiten".

Der Auslöser von damals reicht heute bloß für ein Schulterzucken aus: In ganz Nordrhein-Westfalen waren durch eine neue Arbeitszeitregelung plötzlich 17.000 Eisen- und Stahlarbeiter von Sonntagsarbeit betroffen, statt vorher 4000.

Erst Kirchgangtag, dann erkämpfte Freizeit - und heute?

2007 muss der Gedanke an den Fünf-zwei-Rhythmus jenen sauer aufstoßen, die von Montag bis Freitag höchstens mit Gängen zum Arbeitsamt oder Bewerbungsbriefen beschäftigt sind. Auf der anderen Seite stehen jene hippen Laptopschlepper, wie man sie in Köln-Ehrenfeld, Hamburg-Ottensen und den Cafés von Berlin-Mitte antrifft.

"Wir nennen es Arbeit" versuchte der Berliner Sascha Lobo das Lebensgefühl der neuen Selbstständigen zu beschreiben, das Produktivsein und Rumhängen, schön aussehen, Nächte durcharbeiten und zwischendurch entspannen.
Wochenenden haben im Koordinatensystem dieser digitalen Bohéme bloß noch Vorschlagscharakter. Zum Müßiggang gezwungen zu werden, diesen Luxus bieten Samstag und Sonntag den Wissensarbeitern der Generation Post-Praktikum schon lange nicht mehr.

Wäre es da nicht schön, wenn nicht nur das Wochenende bröckelte, sondern auch die Woche? Ein blauer Montag ab und zu? Ich werde mich einmal dazu zwingen, vielleicht mit Frotteebademantel, Malzbier und Bonanza.

Erholungszwang und leichtbekleidete Grazien: Filmaufnahmen vom Urlaub in der DDR

Lesetipps:

Florian Illies: Generation Golf; 2000; Argon.
Angelika Kümmerling: Arbeiten, wenn andere frei haben, in: Universität Duisburg Essen: IAQ Report 2007-02; 2007.
Witold Rybczynski: Am Freitag fängt das Leben an - eine kleine Geschichte der Freizeit; 1993; Rowohlt.
Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit; 2006; Heyne.
Axel Schildt: Moderne Zeiten, in: Hamburger Beiträge für Sozial- und Zeitgeschichte; Bd. 31; 1995; Christians.


Debatte

insgesamt 4 Beiträge zur Debatte
Ulrich Hartmann am 25. November 2007, 15:38
Daß, wie in dem Artikel behauptet, der wöchentliche Feiertag im Juden- und Christentum nur "ein Zeitfenster für religiöse Rituale" gewesen sei, ist...

Peter Ludewig am 25. November 2007, 02:14
Ein chinesischer Manager sagte einmal in einem TV-Talk, das Problem der Deutschen bzw. Europäer im globalen Wettberwerb sei, dass sie zuviel Zeit und Energie mit ihren...


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