| Flucht oder Rückkehr?: Die entführte polnische Verkehrsmaschine vom sowjetischen Typ TU 134 mit DDR-Bürgern an Bord nach der Landung auf dem US-Militärflughafen Berlin-Tempelhof am 30. August 1978. Der 33-jährige Detlev Tiede hatte den Piloten der Maschine auf dem Flug von Danzig nach Ost-Berlin zur Landung in West-Berlin gezwungen. Er, seine Bekannte Ingrid Ruske und deren Tochter werden anschließend von den Amerikanern in Gewahrsam genommen. Außer ihnen bleiben noch sechs weitere DDR-Bürger im Westen - die anderen 41 Passagiere des Flugs entscheiden sich gegen die unverhoffte Chance zur Flucht und kehren nach Ost-Berlin zurück. |
Von jetzt auf gleich mussten sie sich entscheiden: 1978 kaperte ein DDR-Bürger ein polnisches Linienflugzeug und zwang es zur Landung in West-Berlin. 50 Passagiere hatten die Wahl - dort bleiben oder in ihre Heimat zurückkehren? Nicht alle wurden glücklich mit der Entscheidung. Von Christoph Scheuermann
Am nächsten Tag, gegen 9.30 Uhr, packt Detlev Tiede die Stewardess von hinten an den Haaren und drückt ihr die Mündung der Pistole an den Kopf. Er brüllt, die Maschine solle in Tempelhof landen, in West-, nicht Ost-Berlin, er brüllt auf Deutsch, auf Polnisch, auf Englisch. Der Kapitän beobachtet ihn durch die Cockpittür, ruft ins Funkgerät, ein Terrorist sei an Bord, er will aber nicht das Leben der Stewardess gefährden. Niemand sieht, dass Tiede nur mit einer uralten Schiedsrichterpistole herumfuchtelt.
Um 10.04 Uhr setzt die Tupolew in Tempelhof auf. Tiede, Ingrid Ruske und ihre Tochter haben ihr Ziel erreicht. Mit ihnen landen insgesamt 50 Bürger der DDR auf westdeutschem Boden.
Ziemlich peinlich für die Stasi, die sich in den folgenden Stunden fragt, wie zur Hölle jemand, der beschattet wird, ein Flugzeug entführen kann. Wo waren die Leute vom polnischen Geheimdienst? Hätte die Crew den Entführer nicht überwältigen können? Erst Tage später wird die Abteilung X im Ministerium für Staatssicherheit feststellen, dass die Polen die Observation abbrachen, nachdem Ruske und Tiede im Flugzeug saßen. Sie rechneten nicht mit der Entführung.
Nach der Landung wirft Tiede die Pistole aus der Flugzeugtür. Amerikanische Soldaten begrüßen ihn mit den Worten: Willkommen im freien West-Berlin. Für sie ist er ein Held. Er ruft in die Kabine: Wer aussteigen will, kann raus! Zusammen mit Ruske und ihrer Tochter verlässt er das Flugzeug. Eine Frau aus Reihe 15, eine Radiologieassistentin aus Erfurt, läuft kurzentschlossen hinterher.
Zurück bleiben 46 Bürger der DDR. In Reihe 12 zischt der Mann von Constanze Schröder: Komm, wir steigen auch aus. Er wird keine Flüsse durchqueren müssen, um in den Westen zu gelangen. Er muss nur durch die Tür.
Seine Frau zögert. Sie denkt, wenn ich jetzt aussteige, sehe ich meine Eltern nie wieder. Sie wollte sich von ihrem Mann trennen. Hat sie noch den Mut dazu im Westen? Sie kennt niemanden. Was soll sie dort? Aber: Ist das nicht alles eine riesige Prüfung, die Chance des Lebens? Drei, vier, fünf Minuten überlegt sie. Dann springt sie auf und eilt mit ihrem Mann und den Kindern zum Ausgang.
Barbara Galonska bleibt sitzen, genau wie die anderen Passagiere. Die amerikanischen Soldaten führen sie später in eine Wartehalle im Flughafengebäude. Jeder dürfe im Westen bleiben, sagen die Amerikaner, sagen die westdeutschen Polizisten, sagen die Diplomaten. Für sie ist die Entführung ein Beweis dafür, dass niemand gern im Sozialismus lebt, zudem ist es eine hübsche Provokation des Feindes im Osten. Die Amerikaner sind davon überzeugt, dass ein Mensch im Jahr 1978, der die Wahl hat zwischen West und Ost, zwischen Freiheit und Unfreiheit, nicht lange nachdenkt.
Ein US-Offizier kündigt an, dass die Rückkehrwilligen mit einem Bus nach Ost-Berlin gefahren werden. Den Passagieren bleibt nicht viel Zeit. Kein ganzer Nachmittag, um alles zu verlassen: Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde. Ein paar Stunden, um ein Leben abzustoßen.
Eine Herausforderung des Schicksals, denkt Barbara Galonska. Sie geht mit ihrem Sohn zur Damentoilette, setzt ihn auf den Klodeckel und kniet sich vor ihn.
Wir bleiben hier, sagt sie, wir werden bald fliegen können, wohin wir wollen.
Sascha ist neun. Er mag Flugzeuge, er reist so gern wie seine Mutter. Er mag aber auch die Wohnung in Prenzlauer Berg. Er freut sich auf daheim, auf sein Kinderzimmer, die Bücher, die Spielsachen, auf Oma und Opa. Im gleichen Haus wohnen Zwillinge, bei denen er öfter übernachtet und die so alt sind wie er.
Sascha sagt: Ich will nach Hause.
Seine Mutter redet auf ihn ein, verpasst ihm eine Ohrfeige. Er wird trotzig, wehrhaft, quengelig. Seine Mutter will fort von zu Hause, er will bleiben. Sie hat die Macht, sie könnte entscheiden, dass er mit ihr geht. Sie hätte ihn gar nicht fragen müssen, einen Neunjährigen, schon gar nicht hätte sie tun müssen, was er fordert.
Sechs Tage nach der Entführung wird Barbara Galonska, immer noch Bürgerin der DDR, immer noch sehnsuchtsvoll, von Beamten des Ministeriums für Staatssicherheit vernommen, Hauptabteilung Untersuchung. Welchen Verlauf nahm der Aufenthalt des Flugzeugs auf dem Flughafen in Berlin-(West)-Tempelhof? Welchen Verlauf nahm Ihr Aufenthalt in Berlin (West)? Sie antwortet sechs Stunden und 15 Minuten lang, redet von dem Entführer, von der Familie, die ausstieg und nicht zurückkam, vom Verhör auf dem Flughafen durch Westbeamte. Von ihrer Sehnsucht, dem Fernweh und den Zweifeln sagt sie nichts.
Von allen DDR-Bürgern an Bord der Tupolew sind neun im Westen geblieben: Ingrid Ruske, ihre Tochter und Detlev Tiede; Constanze Schröder, ihr Mann und ihre beiden Kinder; dann noch ein Ehepaar aus Leipzig. 9 von 50. Die Radiologieassistentin aus Erfurt steht am Tag darauf am Übergang Berlin-Friedrichstraße vor den DDR-Grenzbeamten.
32 Jahre später sitzt Ingrid Ruske, die inzwischen Maron heißt, in einem Wirtshaus im Westen Berlins. Nach der Entführung wurde sie wegen Angriffs auf den Luftverkehr angeklagt, das Verfahren aber eingestellt. Ihr Geliebter, den die Stasi im Zug abgefangen hatte, wurde in der DDR wegen bandenmäßig organisierter Verbrechen sowie Fälschung von Personal- und Grenzübertrittsdokumenten zu acht Jahren Haft verurteilt. Er entschied sich erst Jahre später, Ingrid Ruske zu heiraten. Sie trennten sich nach elf Jahren, er starb 2006.
Heute sagt Ingrid Ruske: "Ich hatte keine Erwartungen an den Westen, und auch die wurden noch untertroffen." Ihr Leben in Ost-Berlin war glücklicher gewesen. Sie ließ sich zur Heilpraktikerin ausbilden und führt in ihrer West-Berliner Wohnung Akupunkturmassagen und Hypnosen durch. Termine nach Vereinbarung.
Detlev Tiede kam nach wenigen Monaten aus dem Gefängnis und spricht über die Entführung nur für Geld. Es gibt zwei Romane, einen Film und ein Theaterstück über den 30. August und die Zeit danach. Tiede lebt von seiner Geschichte. RTL zeigt dieses Jahr einen Spielfilm.
Constanze Schröder kam mit ihrem Mann und den Kindern zunächst in das Notaufnahmelager Marienfelde für Flüchtlinge aus der DDR. Zwei Tage nach der Entführung leitete die Stasi den Operativ-Vorgang "Rückkehr" ein. Der Staat streckte seine Hände aus und wollte Familie Schröder und das Ehepaar aus Leipzig zurückholen ins Kollektiv. Die Stasi wollte wissen, weshalb die beiden Familien dem System entflohen waren, man schickte auch den Vater von Constanze Schröder vor, um seine Tochter zur Rückkehr zu bewegen - vergebens.
Constanze Schröder zog nach Mannheim. Ihre Ehe hielt länger als gedacht, sie habe sich von ihrem Mann abhängig gefühlt, sagt sie heute, und wäre sie in Dresden geblieben, hätte sie sich schnell getrennt. Vor elf Jahren reichte sie dann doch die Scheidung ein. Ihr Mann wohnt in derselben Straße wie sie in Mannheim. Manchmal sieht sie ihn im Auto an ihrem Wohnzimmerfenster vorbeifahren.
Barbara Galonska dachte lange, ihr Sohn habe die Entführung vergessen. Ende der Achtziger durfte sie einen Onkel in Hamburg besuchen, und als sie nach einer Woche wieder zurückkam, schaute sie ihr Sohn erstaunt an: Mami, du bist ja wieder da? Er war überrascht, dass seine Mutter ihre zweite Chance zur Flucht nicht genutzt hatte.
Nach der Wende bekam sie eine Stelle bei der Gauck-Behörde und überprüfte die Stasi-Vergangenheit von Lehrern. Sie fing an, ihrem Fernweh nachzureisen, nach Florenz und Rom, nach Mexiko, Andalusien und Thailand, nach Kuba, Bali, Ecuador, Indonesien. Ihr Lebensgefährte ist Musiker und stammt aus Ghana. Sie führt das globale Leben, von dem sie in der DDR immer träumte.
Sie schaute auch in ihre Akte, die die Stasi anlegte, weil sie Kontakt zu Künstlern hatte. Die Akte endet am 30. August 1978, dem Tag der Entführung. Der Staat hielt es nicht für notwendig, sie länger zu beobachten.




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