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D-Mark-Design: Der schönere Schein

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Fehler auf dem Hunderter: Der 100-Mark-Schein ist die Lieblingsbanknote des Grafikers Reinhold Gerstetter. Sie zeigt die Pianistin und Komponistin Clara Schumann. Die dargstellten Gebäude stammen aus Leipzig, wo Schumann ihre Kindheit verbrachte und erste Erfolge als Wunderkind am Klavier feierte.

Ausgerechnet bei dieser Banknote ist dem Grafiker und begeisterten Musiker Reinhold Gerstetter sein einziger Fehler bei der Gestaltung der Geldscheine…
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Mit dem neuen Euro verschwanden vor zehn Jahren Meisterwerke aus den Portemonnaies. Auf einestages erzählt D-Mark-Designer Reinhold Gerstetter, warum das europäische Geld so blass aussieht, wie er fast Karl Marx auf dem Fünfer geschmuggelt hätte - und welche Frau nicht hübsch genug für den Hunderter war. Von Benjamin Maack


Haben Sie sich die Geldscheine in Ihrer Börse schon mal genau angesehen? Ziehen Sie mal einen Zehner hervor und schauen Sie drauf. Vorne ein Fenster, hinten eine Brücke. Und jetzt einen Zwanziger. Vorne noch ein Fenster, hinten noch eine Brücke. Ganz schön langweilig. Und vor allem: Was sind das für Fenster und Brücken? Und wo stehen die Originale? Die Antwort ist ernüchternd: nirgends. Es ist eine anonyme Phantasiearchitektur, die die bekanntesten europäischen Baustile symbolisieren soll - von der Klassik auf dem Fünf-Euro-Schein bis zur Moderne auf der 500-Euro-Note. Der Zehner steht dabei für die Romanik, der Zwanziger für die Gotik.

Aber warum sieht der Euro so lahm aus? Bei den Vorgesprächen über das Design des Euro saß Reinhold Gerstetter mit in den Diskussionsrunden der Europäischen Zentralbank. "Keiner wusste genau, wie man es machen sollte", erinnert sich der Grafiker, der damals für die Bundesdruckerei arbeitete. Um keine Nation vor den Kopf zu stoßen, entschied man sich schließlich dafür, dass auf den Scheinen "keines der Länder erkennbar sein" sollte. "Alles ganz neutral", sagt Gerstetter.

Auch wenn der Euro dieser Tage ganz andere Probleme hat als seinen schnöden Look - schöner waren die alten D-Mark-Scheine auf jeden Fall. Von der melancholisch dreinblickenden Schriftstellerin Bettina von Arnim auf dem Fünfer bis zu den Gebrüdern Grimm auf dem Tausender. Das findet wohl auch Reinhold Gerstetter. Laut sagen würde er das aber nie. Dazu ist er zu bescheiden. Denn der Berliner hat sich nicht nur an der Ausschreibung für die Euro-Gestaltung beteiligt - er hat das Design der letzten D-Mark-Banknoten selbst entworfen.

Kein Karl Marx, kein Martin Luther

Anfang der achtziger Jahre hatte die Bundesbank beschlossen, neue Noten zu drucken. Der Grund dafür war ganz pragmatisch: Die alten Scheine entsprachen nicht mehr den Sicherheitsstandards, sie waren zu leicht zu fälschen. 1987 rief die Bundesbank deshalb einen Gestaltungswettbewerb aus, an dem sich Gerstetter beteiligte - und gewann. Dabei wären seine Scheine beinahe gar nicht im Rennen gewesen.

Die Bundesdruckerei hatte zwei ihrer Angestellten gebeten, Entwürfe vorzulegen. Einer davon war Gerstetter. An der offiziellen Ausschreibung beteiligte sich die Druckerei dann allerdings mit dem Konkurrenzentwurf. Erst nachdem die Jury alle Vorschläge abgelehnt hatte, schob man Gerstetters Vorschlag nach. Er wurde angenommen. Für den Grafiker begann die Arbeit danach erst richtig. Mehr als zwei Jahre feilte Gerstetter an der Gestaltung.

Das grafische Konzept war komplex. Aus einer Liste von rund 80 Vorschlägen hatte ein Gremium von drei Historikern Persönlichkeiten der deutschen Geschichte ausgewählt, deren Konterfei auf den acht Scheinen zu sehen sein sollte. Dabei verzichtete man auf offensichtliche Größen wie Goethe oder Dürer ebenso wie auf solche, die konfessionell oder politisch als Provokation hätten aufgefasst werden können, wie etwa Karl Marx oder Martin Luther. Zudem sollte die Hälfte der Dargestellten weiblich sein. Und "alles, was sonst noch auf dem Schein abgebildet wurde", so Gerstetter, "sollte zu der Person passen".

Nicht hübsch genug für den Hunderter

Der Zehn-Mark-Schein zeigt auf der Vorderseite deshalb nicht nur den Kopf des Mathematikers, Astronomen und Physikers Carl Friedrich Gauß, sondern auch die "Gauß'sche Glockenkurve" vor Gebäuden des historischen Göttingen, der Stadt, in der der Gelehrte als Professor tätig war. Die Rückseite ziert das von dem Wissenschaftler erfundene Vize-Heliotrop, ein Gerät zur Sichtbarmachung weit entfernter Vermessungspunkte. Doch Gerstetter ging noch weiter: Das Muster hinter Gauß' Erfindung sieht mit bloßem Auge betrachtet aus wie ein beliebiges Netz von Strichen, tatsächlich besteht es aber aus Zirkeln und mathematischen Symbolen.

Unerwartet sah sich der Grafiker zudem mit einer ästhetischen Herausforderung konfrontiert: "Die Menschen waren ja wegen ihrer Fähigkeiten ausgewählt worden und nicht, weil sie besonders hübsch aussahen." So auch die Naturforscherin Maria Sibylla Merian, die ursprünglich auf dem 100-Mark-Schein zu sehen sein sollte. "Das Problem war: Merian war eine sehr interessante Frau. Aber sie hatte die Basedowsche Krankheit, ein Leiden, das dafür sorgt, dass die Augen hervortreten." Fünf oder sechs Entwürfe ihres Porträts seien angefertigt worden, schließlich habe man sich für ein idealisiertes Bild entschieden - und sie auf den weniger gebräuchlichen 500-Mark-Schein versetzt.

Auf den Hunderter kam stattdessen die schöne Pianistin und Komponistin Clara Schumann - noch heute Gerstetters Lieblingsnote. "Sie ist mein heimlicher Favorit, weil ich selber gern Musik mache." Gerstetter spielt Saxofon und Klarinette.

Gerade bei seinem liebsten Schein ist dem Designer allerdings ein kleiner Fehler unterlaufen: Clara Schumanns Flügel hat bei ihm zu viele Fußpedale, nämlich vier. Auf den Bildern, die Gerstetter vorlagen, konnte man die Anzahl nicht genau erkennen, "und das Original stand in Leipzig, da konnte ich 1988 nicht einfach hinfahren, um es mir anzusehen". Der Grafiker suchte daher eine Musikwissenschaftlerin und Clara-Schumann-Kennerin auf. Diese riet ihm, vier Pedale zu zeichnen, weil das zu Schumanns Zeiten der Standard gewesen sei. Später stellte sich jedoch heraus, dass die Pianistin auf einem sehr modernen Flügel spielte, der als einer der ersten über nur noch zwei Pedale verfügte.

Warum nicht Platon auf dem Euro?

Hat Gerstetter denn heute noch Exemplare der von ihm entworfenen Geldscheine zu Hause? "Die echten habe ich bis zum Zweihunderter." Von dem Fünfhunderter und dem Tausender bewahre er nur die Entwürfe auf. "Die Dinger sind ja immer noch gültig", schmunzelt er.

Mit dem Design der Euro-Noten scheint der Grafiker aber auch nach zehn Jahren nicht richtig warm geworden zu sein. "Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, warum die Gestaltung so neutral ausfallen musste", meint er. "Warum etwa durfte kein großer Philosoph wie Platon auf den Schein? Auf den kann doch jeder Europäer stolz sein, egal ob er aus Griechenland oder Mecklenburg-Vorpommern kommt."

Zur Einführung des Euro vor zehn Jahren prophezeite Gerstetter in einem Interview noch, dass spätestens in sechs oder sieben Jahren neu kreierte Euro-Noten ausgegeben würden. Doch daraus ist nichts geworden. Mittlerweile ist der Grafiker in Rente. Aber würde es ihn nicht in den Fingern jucken, dem faden Euro doch noch ein neues Gesicht zu geben? "Im Moment gibt es ja keine Ausschreibung", antwortet Gerstetter diplomatisch. Und wenn es eine gäbe und man ihn fragte, würde er sich dann trotz Ruhestand noch einmal hinsetzen und Entwürfe zeichnen? "Ich denke schon. Warum nicht."


Debatte

insgesamt 15 Beiträge zur Debatte
Ernst Woll am 4. Januar 2012, 16:46
Wie schade, dass heute alles darauf hinaus läuft, dass immer weniger Geldscheine im Umlauf sind – virtuell laufen täglich Milliarden Geld um die Welt – der...

Siegfried Wittenburg am 3. Januar 2012, 12:14
Von der Mark der DDR zur Deutschen Mark hat sich mein Leben von einem Tag auf den anderen spürbarer verändert, als von der D-Mark zum Euro. Allein die Tatsache, dass...


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