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2008

DDR-Prognosedebakel Goldene Zukunft für Honecker und Trabant



5 Diskussionsbeiträge zu diesem Thema

Letzter Beitrag:

Bob Redman

11. August 2010, 14:34
"Doch wo liegen die Gründe für dieses Prognosedebakel? Waren die Theorien und Methoden der Wissenschaftler falsch?"

Die Wissenschaftler hatten nicht gemacht, was ich gemacht hatte.

Ich komme aus den USA, habe aber jahrzehntelang in Europa gelebt. Im Frühherbst 1984 mehr...

Gerd Diederichs
5. Oktober 2008, 10:00
Einmalige Konstellation:

Sicher war es sehr hilfreich, daß niemand das Undenkbare zu prognostizieren wagte. Das hat es ermöglicht, daß der - so nicht beabsichtigte - Angriff auf die Machtstrukturen letztlich erfolgreich war. Aber ...

Ebenso wichtig war es wohl, daß der eifersüchtig auf seine alleinige Macht bedachte Honneker handlungsunfähig im Krankenhaus lag, daß eine Gruppe um Krenz ihm in diesem Moment die Macht entriß, dann aber nicht recht wußte, wie sie zu halten war, daß aus Moskau keine Hilfe zu erwarten war, daß das "Desaster des Himmlischen Firedens" noch frisch in jedermann's Erinnerung war, und so weiter. Daß ausgerechnet zu dieser Zeit die Bürgerrechtsbewegungen dank der Glasnost- und Perestroika-Signale Morgenluft witterten und sich mehr trauten als jemals zuvor, war sicher auch mitentscheidend. Diese Leute hatten wohl intuitiv die Handlungsunfähigkeit des Regimes erahnt, getestet und damit Erfolg gehabt. Allerdings wäre ein offener Angriff auf die Macht wohl doch wesentlich brutaler zurückgeschlagen worden - auch wenn das zu weltweiter Isolation des Regimes geführt hätte - wie im selben Jahr in China demonstriert. Der Imageschaden der chinesischen Regierung durch die Ereignisse an Platz des Himmlischen Friedens dauert ja heute - nach den Olympischen Spielen 2008 - noch an.
Paul Max
5. Oktober 2008, 16:06
die vorbereitungen zu dieser einmaligen situation liefen sehr lange, und von unvorbereitet sein der bundesrepublikanischen politik kann wohl kaum die rede sein. vielleicht sollte der autor einmal die dokumentation "Anschließen, angleichen, abwickeln - Die westdeutschen Planungen zur Übernahme der DDR 1952-1990" von Karl-Heinz Roth (Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2000, ISBN 3-930786-27-3) lesen, und dann seine aussagen an hand verfügbarer dokumente überprüfen und sich nicht auf öffentliche statements von politikern verlassen.

was die wert sind kann man tagtäglich beobachten.
Wolfgang Meier
6. Oktober 2008, 09:47
Auch ich bin etwas speptisch in Bezug auf die wesentlichen Aussagen des Artikels.

Denn zum einen hat Robert Havemann in den 70er Jahren vorausgesagt, daß der Ostblock kippen wird, sobald die alte Führungs-Riege wegstirbt. Dies kann man an der SU in den 1980er Jahren gut nachvollziehen: wie nach dem Tod von Breschniew das alte Personal für die Staatsaktion knapp wird, und wie mit der Machtübernahme einer jüngeren Generation (Gorbatschow u. a.) plötzlich substantielle Veränderungen durchgesetzt werden.

Zum anderen erinnere ich mich wage an die Aussagen eines Herrn vom BND, der mitgeteilt hat, daß man in den 1980er Jahren in seiner Behörde eine Verstärkung der Einheitsbestrebungen beider deutscher Staaten in den 1990er Jahren vorausgesagt hat. Auch diese Voraussage war gar nicht so verkehrt - wenn sie auch von der realten Entwicklung weit übertroffen wurde.
Jacob S. Cronen
9. Oktober 2008, 15:59
Der Kritik kann ich mich nicht anschließen.
Ich kann in Karl Heinz Roths Werk keine Belege erkennen, die eine Revolution von unten in der DDR für das Jahr 1989 vorhersagte.
Aber genau das ist Hüttmanns Aussage!

Selbstverständlich wurden die ökonomischen Probleme der DDR auch im Westen gesehen, aber Karl Heinz Roth beschreibt etwas anderes:

1. Die Möglichkeiten eines finanziellen Einwirkens der Bundesrepublik (S.79) erschienen in einem Band, der sich "Die DDR auf dem Weg ins Jahr 2000" nennt.
2. Eine Einschätzung von 1989, nach der " angesichts der bisherigen außenwirtschaftlichen Ergebnisse der Ära Honecker die Bewältigung der zukünftigen Herausforderungen nicht allzu optimistisch eingeschätzt werden kann" (S.178)
3. und eine weitere Einschätzung aus dem selben Jahr, dass die DDR durch Deregulierungsmaßnahmen in der EG innenpolitisch unter ordnungspolitischen Druck geraten könnte (S.180)

Zusammenbruchsprophezeiungen klingen anders!

Realistischer ist da wohl Barzels Wunsch, den er in seiner Autobiographie von 2001 zum Ausdruck bringt: "Hätte doch 1989 ein detailliert fortgeschriebener Bericht vorgelegen!"
Barzel möchte damit zum Ausdruck bringen, dass Probleme im Transformationsprozess mit Hilfe eines aktuellen Berichts des "Forschungsbeirats für Fragen der Wiedervereinigung" besser hätten gelöst werden können.
Dessen Arbeit endete übrigens 1975.

Auch Havemanns Aussagen prophezeien keinen von Teilen der Bevölkerung ausgelösten Zusammenbruch des Systems. Er setzt seine Hoffnung ja darin, daß die jüngere Funktionärsriege die Reformen selbst herbeiführen würde.
Aber wer ernsthaft, Egon Krenz sei ein solcher Reformer gewesen...
Bob Redman
11. August 2010, 14:34
"Doch wo liegen die Gründe für dieses Prognosedebakel? Waren die Theorien und Methoden der Wissenschaftler falsch?"

Die Wissenschaftler hatten nicht gemacht, was ich gemacht hatte.

Ich komme aus den USA, habe aber jahrzehntelang in Europa gelebt. Im Frühherbst 1984 trat ich eine Zugreise von Zürich aus in die DDR. Ich hatte ein Visum beantragt für eine Woche in Dresden, und ich bekam ein Hotel in Bad Schandau zugewiesen.

Am Grenzübergang sahen die DDR-Zöllner mein verbotenes Fahrrad, sagten aber nichts. Im Zug zwischen Leibzig und Dresden fand um mich herum eine Krawalle zwischen 2 Gruppen von Fußball-Anhängern statt, die genausso aussahen und sich genauso benahmen wie ihresgleichen in Westdeutschland. Während der Woche fuhr ich jeden Tag auf dem Fahrrad herum und sprach mit sehr vielen Leuten. An meinem Fahrrad erkannten sie den Westler und machten sich Luft über den Mangel am Obst oder an guten Fotoapparaten. Fahrradmechaniker klagten über die schlechte Qualität der wenigen Produkten, die sie verkaufen mußten. Vor dem Eingang eines Schlosses in der sächsichen Scweiz musizierten Hippies und sangen: "der weiße Taube ist verflooogen." Eines Abends wurde ich zu einem Abendessen in Dresden eingeladen. Als der Bus durch einen Vorort fuhr, sah ich Handwerker an fast jedem Haus werkeln. Ich staunte. Man erklärte mir, tagsüber arbeite man für die Sozialleistungen, abends für Geld. Westfernsehen reichte damals nicht nacht Dresden, aber man war trotzdem über Weltgeschehen und Ereignisse bestens informiert.

Abends im Hotel saß ich jedes Mal an einem neuen Tisch. Die Hotelgäste, meistens relativ Priviligierte, beschwerten sich in Hörweite des SED-Personals, manchmal laut. "Wir wollen einfach nach Paris oder München reisen dürfen."

Ich sagte damals zu den Leuten, die Mauer fällt bald. Sie sagten, nicht zu unseren Lebzeiten.

Und arme, risikoscheue Wissenschaftler möchten prognostizieren.

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