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1945

Filmfund in Prag Grausame Sieger



21 Diskussionsbeiträge zu diesem Thema

Letzter Beitrag:

Siegfried Wilhelm

5. Februar 2011, 07:28
Trau, schau wem. Vielleicht täuscht mich mein trübes Auge, aber ich bilde mir ein, mindestens 2x im Film (http://tinyurl.com/3xxt42a) deutsche Uniform gesehen zu haben.

Es ist zuviel «Glauben» in dem Streifen. Ich muß glauben, daß die armen Menschen von einer mehr...

Olaf Nyksund
3. Juni 2010, 10:44
Bei ganzer selbstverständlichen Abscheulichkeit solcher Verbrechen, egal von wem begangen:

Es gibt da einen Spruch: "A la guerre, comme a la guerre". Es war Krieg. Es herrschten, nach der "Befreiung" durch die Sowjetarmee, vielerorts chaotische Zustände. Mir ist persönlich die Geschichte eines Polen jüdischen Glaubens bekannt, der (auf dem Rückweg in seine westpreußche Stadt aus dem von den Westallierten befreiten KZ) von den Sowjets erschossen wurde, weil die sowjetischen Soldaten seinen jiddischen Akzent als deutschen missgedeutet haben, ergo "Volksdeutscher", ergo töten.

Das waren, gerade in diesen ganzen "gemischten" Gebieten (Sudetenland, Westpreußen, Ostpreußen, Posen...) Zustände, die möchte keiner so live erleben. Ich hatte genug davon von Zeitzeugen gehört.

Das alles rechtfertigt, wie gesagt, ein solches Verbrechen nicht im Geringsten, aber:

-> die Tschechen können mit Fug und Recht "we didn't start the fire" sagen;
-> am Anfang des Zweiten Weltkrieges waren solche Massaker auf eine viel größere Skala von der deutschen Seite an der Tagesordnung - ich sage nur "Selbstschutz";
-> Krieg bedeutet am Ende auch: Vergeltung.

Bleibt zu hoffen, dass dieser und ähnliche Fälle (wie etwa die bis heute nicht identifizierten Toten von Malbork) aufgeklärt werden, sine ira et studio und ohne dass sie irgendwelchen Menschen mit eingeschränkter Sichtweise zu ihren "Relativierungstheorien" weiter verhelfen.
ulli basser
3. Juni 2010, 11:15
Krieg ist immer grausam und ungerecht - welcher Krieg ist gerechtfertigt? Warum sollten Sieger anders handeln, als die Besiegten? Es gibt keinen Krieg, in dem keine Kriegsverbrechen verübt werden. Nazi-Deutschland hat seine kriegerische Aggression der anderen Staaten verloren - wir können darüber nur froh sein! So wie die Nazi-Deutschen die anderen Völker hingerichtet hat, hat es eben in diesem Fall es selbst erfahren müssen - mit einem Sprichwort zu beenden: wie man in den Wald hinein ruf, so schallt es heraus!
Lukas Lichte
3. Juni 2010, 11:50
Es hat schon seit 1945 glaubhafte Aussagen und Zeugenberichte von Verbrechen gegen deutsche Zivilisten gegeben. Zu den Zeugen gehören internationale Rotkreuz-Vertreter, entlassene alliierte Kriegsgefangene aber auch Tschechen und Polen selbst.

Versuche, diese Aussagen in der Bundesrepublik gesammelt herauszugeben wurden zum Großteil von Vertriebenenverbänden und politisch konservativen Gruppen und Parteien untergenommen. Damit wurde sofort der Verwurf "Altnazis", "Revanchisten", "Ewiggestrige" usw. laut, auch im eigenen Land. Und natürlich durfte auch die Entschuldigung nicht fehlen, die Deutschen hätten den Krieg angefangen, die Opfer (Alte, Frauen und Kinder) seien also quasi selbst schuld.

Umso positiver ist es nun einzuschätzen, dass nun nach über 65 Jahren eine neue Generation auf beiden Seite der Grenze herangewachsen ist, die von weniger Vorurteilen und eigenem Schicksal belastet offen und neugierig an dieses Thema herangeht. Eine historische exakte und neutrale Aufarbeitung ist nur zu wünschen.

PS: Kleine Korrektur zum Text von Bild 7: Der Krieg in Europa war am 10. Mai noch nicht zu Ende. Noch bis zum 20. Mai wurde auf der holländischen Insel Texel gekämpft: Deutsche Wehrmacht gegen ehem. georgische Hilfstruppen.
Sascha Otto
3. Juni 2010, 12:29
>Warum sollten Sieger anders handeln, als die Besiegten?.... wie man in den Wald hinein ruf, so schallt es heraus!


Warum sie anders handeln sollten ?
Weil das Handeln nach dem biblischen Prizip, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, die Sieger zu Tätern macht, die sich aus freien Stücken auf die gleiche Stufe stellen, wie die Bestien in deutscher Uniform.

ergo: Kriegsverbrecher gehören vor ein Gericht. Egal, welche Uniform, Nationalität oder persönliche Beweggründe zu ihren Taten führten.
Olaf Nyksund
3. Juni 2010, 13:51
@ Sascha Otto:

Sie haben vollkommen Recht, während Sie das aus der Perspektive eines Mittelwesteuropäers schreiben, im Warmen sitzend und nachdem seit über 20 Jahren die Gefahr eines großen Krieges in Europa gebannt zu sein scheint - hoffentlich nicht nur "scheint".

Versetzen Sie sich aber in die Lage der damaligen Tschechien. Nach einem Krieg, den Ihr Volk nicht verschuldete, nach Jahren Deportation, Demütigung, Not, Folter, Exekutionen, nachdem es in praktisch in jeder Familie irgend jemand von der NS-Regime verschleppt, gequält, umgebracht wurde. Jetzt, auf einmal, stehen die Verbrecher vor Ihnen - wehrlos, gestern noch Herrscher über Leben und Tot, heute haben sich die Rollen gedreht. Zudem ist die eine Macht weg und die andere noch nicht angekommen. Keiner weiß, was weiter kommen wird, außer, dass die Peiniger von eben plötzlich ohne Schutz da stehen. (Ob das wirklich diejenigen sind, die töteten, folterten und entwürdigten? Das wissen wir nicht. Das ist in der beschriebenen Situationsdynamik auch egal.)

Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen, aber in diesem Fall weiß ich wirklich nicht, wie ich mich verhalten würde. Vor allem wenn entsprechender Gruppendruck entsteht und die momentane Situation als permissiv erscheint, da offensichtlich die (zu dem Zeitpunkt noch als Freunde und Aliierte empfundenen) Befreier selbst nicht zimperlich sind.

Wie gesagt, aus der heutigen Friedens- und Wohlstandsperspektive ist es ein Leichtes, Moralapostel zu spielen. Ich betone noch einmal: dies soll kein Versuch sein, dieses oder andere Verbrechen zu relativieren (falls jemand auf die vage Idee kommen sollte), aber _nachvollziehbar_ ist solch ein Verhalten für mich allemal.
Sascha Kemper
3. Juni 2010, 14:10
ich finde es gut, das mittlerweile auch andere nationen diese "geschehnisse" aufarbeiten und ihre fehler erkennen....

für soetwas gibt es keine rechtfertigung, nicht wenn es um zivilisten geht... der krieg war hart und grausam, aber das hier in summe jede nation ihr "päckchen" zu tragen hat, sollte heute klar sein...

egal wer angefangen hat, es gibt dinge die lassen sich heutzutage nicht aus moralischen gründen rechtfertigen... wir können froh sein, das nicht miterlebt zu haben, ich kenne auch einige geschichten von zeitzeugen aus d, polen und yugoslawien, und was übrig bleibt, ist nur das unbeschreibbare leid...und da kam keine seite wirklich gut weg...

dann aber zu sagen, das es "beweggründe" gab (rache etc.), ist schwierig zu vermitteln, dann kann man auch in die andere richtung argumentieren, das auch die dt. "beweggründe" hatten...ganz egal ob diese nachvollziehbar sind oder nicht...
Ralf Hübner
3. Juni 2010, 14:38
Es ist immer wieder ermutigend zu lsesen, dass es auch in dunkelsten Zeiten solche Menschen wie Jiri Chmelnicek gegeben hat und gibt, die sich nicht dem Hass hingeben und selbst unter Bedrohung zu ihrer Einstellung stehen!
Ebenso ist es ermutigend, dass solches Material nun auch in anderen Länder, u.a. Tschechien "öffentlichkeitsfähig" wird und junge Generationen neutral an diese schlimmen Geschehnisse herangehen.

Was einige Beiträge hier angeht: Gerade in Deutschland ist das "Volksdenken" immer noch tief verankert. War früher alles Deutsche gut und der Rest minderwertig, ist das nun ins Gegenteil verkehrt worden.
Dabei ist es doch schnurtzpiepegal, welcher Nationalität ein Täter und ein Opfer sind.
Wenn wehrlose Zivilisten umgebracht werden, dann ist und bleibt dies ein Verbrechen!
Hans-Joachim Jost
3. Juni 2010, 14:55
Die BEIDER-seitige Aufarbeitung halte ich für extrem wichtig!

Wer dazu einen aus meiner Sicht SEHR differenzierten Beitrag leistet(e), ist der selbst in Böhmen geborene und später nach Deutschland vertriebene Autor Gerold Tietz (siehe auch http://www.GeroldTietz.de). Alle seine Romane verarbeiten genau dieses so wichtige Thema - und sein Werk "Große Zeiten - kleines Glück" handelt im Speziellen sogar von den Geschehnissen in Prag. Soweit mir bekannt, soll bald (posthum) sein Folgeband zu diesem Buch erscheinen, welches er kurz vor seinem Tod 2009 vollendet hat und welches insbesondere die Erlebnisse der Deutschen in Prag nach Kriegsende zum Thema hat, und auch jene Tage im Mai in ähnlicher Weise beschreibt wie der Film.

Gut, dass es den Filmbeitrag noch gibt. Gut, dass es die Bücher von Gerold Tietz gibt. Gut, dass auf deutscher UND tschechischer Seite aufgearbeitet wird.
ulli basser
3. Juni 2010, 15:24
Hab ich den Eindruck, das viele Menschen der Meinung sind, Krieg wäre kein Krieg gegen Zivilisten? Können in einem Krieg nur Soldaten oder Söldner sterben? Moral - ja, die liebe Moral. Was ist das? Das sind Maßstäbe, gesetzt von Menschen - von einer Gruppe von Menschen. Wo anders auf der Welt, gibt es andere Maßstäbe der Moral.

Wie moralisch ist ein Krieg? Gibt es den gerechten Krieg? Es gibt weder eine Moral im Krieg, noch gibt es gerechten Krieg - selbst wenn er zur Befreiung führt! Das eine ist genauso niederträchtig wie das andere - warum? Weil getötet wird!

Aber noch schlimmer ist es - und das ist keine wirkliche Aufarbeitung eines Ereignisses - Dinge darzustellen, die wiederum die vorher Bekämpften in ein genauso schlechtes Bild zu stellen wie die Ageressoren, um wiederum von der eigenen Brutatlität abzulenken.

In dieser Nachricht sollte stehen, das ein Filmdokument gefunden wurde, das eine Erschiessung von deutschen Zivilisten darstellt.

Wie ging das NS-Regime in der Besetzung von Polen, Tschechoslovakai, Sowjetunion vor? Es gibt in genügend Augenzeugen und Anwesende, die "nur" ihren Dienst leisten mussten, aber trotzdem zurück kehrten. Sich heute noch im Schlaf welzen, wenn sie von den eigenen Grausamkeiten träumen.

Es stellt keine Aufarbeitung der Geschehnisse dar.

Noch ein Wort zu den Zivilisten. Wer machte es möglich, das der Nachschub an der Front vorhanden war? Wer stärkte die Soldaten an der Front? Ja, das waren Zivilisten. Ein Krieg kann niemals am Zivilisten vorbei gehen. Denn der Zivilist ist die Kampfbereitschaft der Soldaten - und nicht das Heldentum!

Wehrlose Zivilisten töten, heisst ein Volk vernichten! So grausam es sich anhört, aber so ist die Realität in jedem Krieg!

Aber es ist gut, wenn neue Erkenntisse über die damaligen Geschehnisse in die Öffentlichkeit kommen und darüber diskutiert wird.
Michael Schnickers
3. Juni 2010, 15:55
Bis zu 30.000 Zivilisten deutscher Herkunft fielen der Vertreibung und der Rache zum Opfer, heißt es in ihrem Beitrag- in der gesamten Tschecheslowakei?

Dabei steht in Wikipedia unter "Geschichte Prags":
Nur ein kleiner Teil der rund 42.000 Prager Deutschen und weiterer deutscher Zivilisten konnte die Stadt zusammen mit den Truppen verlassen. Als die sowjetischen Truppen der 1. Ukrainischen Front Konews die Stadt am Morgen des 9. Mai 1945 im Zuge der Prager Operation erreichten, ging der bis dahin auch militärische Aufstand der Tschechen in eine Gewaltorgie gegen die verbliebene deutsche Minderheit über, der nach tschechischen Angaben in zwölf Tagen etwa 27.000 deutsche Zivilisten zum Opfer fielen.

1.: Nach tschechischen Angaben, also bestimmt nicht übertrieben.
2.: Nur in Prag!

Wenn man die Todeszahlen aus Polen damit vergleicht, incl. Seuchen, Hunger und Erschöpfung durch Vertreibung und Lagerhaft, dürfte die zehnfache Zahl- also etwa 300.000 Tote wahrscheinlich sein.
Vielleicht ein Rechtschreibfehler.

Ich las einmal einen Bericht eines bekannten tschechischen Schriftstellers (Name leider entfallen), wie der Hausmeister am Tag der Befreiung nach oben rannte, wo eine deutsche Offizierswitwe mit ihrem dreijährigen Sohn Fritz wohnte, den Jungen durch das sechsstöckige Treppenhaus warf, die Mutter erschoss und dann freudestrahlend nach unten kam:
"Ich habe Prag von den Deutschen befreit!"

Noch viele Jahre konnte man den verblassenden Blutfleck auf den Fliesen sehen, wo der kleine Fritz zerschellt war...


Wieviel Grausamkeit Menschen entwickeln können, lässt mich schaudern.

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