Johan G.L. van Stappen
21. Jan 2008, 23:42
Danke für den interessanten Artikel, aber der (gutmeinenden) Redakteur hat sich meines Erachtens einige "Bären aufbinden lassen".
Hier meine Kritik:
1) Der letzte Paragraph seines Essays : "die wenigen Überlebenden (eines Bombardements) hätten nicht gewusst wohin zu fliehen". Das ist (leider) nicht entscheidend, weil es darum hätte gehen sollen, diese industrielle Vernichtungsfabrik zu zerstören. Auch wenn es schlimmstenfalls das Leben sämtliche Häftlinge gekostet hätte (was militärtechnisch gesehen gut zu vermeiden gewesen wäre, siehe unten), dann hätte sich die Zerstörung noch immer gelohnt.....für die weitere Millionen zukünftige Opfer unterwegs nach Ausschwitz !
Aber sogar dieses Schreckensszenario (vollständige Zerstörung Auschwitz aus der Luft) wäre unnötig und vermeidbar gewesen. Es war vollkommen möglich ausreichend genau zu bombardieren, gerade im Osten (komme gleich dazu).
Und Bahnlinien und Gaskammer ließen sich nicht so leicht ersetzen wie der Autor behauptet, vor allem nicht ohne bedeutsame Unterbrechung der angestrebten und durchgeführte "Tötung am Laufenden Band". Mann möchte sich bewusst machen, dass die Wannsee-Konferenz eindeutig das "Problem Endlösung" geschildert hatte : es war gar nicht möglich soviele Millionen umzubringen ohne eine geschmiert laufende Vernichtungsmaschinerie von wahrlich industriellen Ausmaß. Sämtliche Versuchen aus der "Vor-Wannsee-Zeit" (Erschießungen, Galgen, Vergasungen mittels LKW's) waren gescheitert, trotz rücksichtslose und menschenverachtende Einstellung der Henker !
2) In 1942 (Karski) war es tatsächlich technisch noch nicht möglich von England aus Einsätze gegen Polnisches Grundgebiet zu fliegen . Die Luftwaffe war noch sehr stark und allierte Flieger hätten es kaum geschafft Deutschland zu überqueren, noch abgesehen von eigener Reichweitenproblematik .
Aber schon im Sommer 1943 (und nicht erst Juli 1944, wie im Artikel behauptet) waren die Amerikaner instande dies durchzuführen. Es wurden damals schon Einsätze geflogen gegen die Ölfelder in Rumänien, wobei Bomber aus England , Libyen und Italien starteten, und (nach Bombenabwurf) weiterflogen zur Landung in Rußland, wo sie aufgetankt worden sind.
3) Auch wenn man hätte vermeiden wollen , dass Goebbels den Allierten "Judenmord" vorwerfen könnte (wahrlich bizarre Idee) , wäre es militärtechnisch gesehen möglich gewesen präzisere Bombardierungen durchzuführen, sprich nur technische Anlagen (Bahngleisen, Gaskammern) zu treffen ohne viel Schaden an den Baracken der Opfer.
Die "übliche" Ungenauigkeit der allierte Bomberflotten lag nur darin begründet, dass sie aus überlebensnotwendig große Höhe operieren müßten (ung. 9 km Höhe, über Deutschland). Aber gerade bei den Angriffen auf die rumänische Ölfelder sind sie viel niedriger angeflogen und haben dadurch eine viel bessere Präzision erreicht. Gerade im Osten wäre dies möglich gewesen, weil diese Gebiete von der Luftwaffe (und Flak) viel weniger intensiv verteidigt wurden als das deutsche Kernland.
Auch hatten die Engländer mit der De Havilland Mosquito einen schnellen und präzisen Bomber, der im WWII viele (nächtliche) Präzisionsbombardements durchgeführt haben und die (in geheime Missionen) auch von England bis Schweden geflogen sind : eine mit Auschwitz vergleichbare Distanz.
Es stimmt dagegen wohl, dass die englische Royal Air Force kein Interesse hatte an Präzisionsbombardements mit deren nächtlich operierende Lancaster-Bomberflotte. Historiker haben sich bis heute nicht darüber einigen können ob dies aus Unfähigkeit oder aus Terrorabsicht entstanden ist....
4) Es ist wohl unaufrichtig, von "Uneinigkeit unter den Juden" zu sprechen, nur weil der Vorstand der Jewish Agency selbstverständlich nicht "offiziell" vorschlagen konnte, Juden zu bombardieren. Die konnten politisch gesehen nicht anders, aber hätten bestimmt (mit Bedauern für die Opfer) zustimmend der Vernichtung der Gaskammern und Logistik Auschwitz's begrüßt.
5) Das gut dokumentierte Verhalten der meisten Protagonisten (siehe Artikel : McCloy, Sinclair, Frankfurter, Stimson, Roosevelt) läßt nur eine plausibele Erklärung zu : es gab auch in deren Kreisen einen Antisemitismus, selbstverständlich weit weniger öffentlich als Hitler's oder Goebbels' , aber dafür nicht weniger tief verankert in deren jeweiligen Gesellschaft. Auch wenn man diese Leute natürlich nicht davon beschuldigen möchte, dass sie es gut fanden, dass die Nazis den Volkermord vollstreckten, kann man sie andererseits nicht davon freisprechen, dass es diese Protagonisten gut passte, dass sich Nazi-Deutschland dadurch für immer und ewig und weltweit diskreditierte. Hat mancher möglicherweise den Holocaust als eine (willkommene?) Selbstdemontage der Nazis betrachtet ?
Die Schande von Auschwitz betrifft so gesehen einen großen Teil unsere Welt, und möglicherweise sollten wir uns alle sehen als Nachfahren von Tätern. Es ist damit jedenfalls verständlicher, dass Israel sich bis heute als isoliert und ohne wirkliche Verbündete auf der Welt betrachtet.