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2011

Karriere eines Videos Das Experiment mit der Bären-Orgie


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Der große Flausch-Angriff: Bären-Filmer Tobias Mandelartz veröffentlichte sein Video zunächst auf YouTube. Angesichts der mageren Resonanz suchte er nach einem Multiplikator - und fand ihn in dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier. Am 24. Oktober 2010 erschien der Streifen als "Flausch am Sonntag".

Eigentlich wollte Tobias Mandelartz nur ein paar Zuschauer für sein niedliches Tierpark-Video begeistern - plötzlich kannte es die ganze Welt. Von Brasilien bis Japan sahen Tausende den Clip, selbst das US-Fernsehen berichtete. Dabei hatten die meisten den Film gründlich missverstanden.


Dieser Text soll von den aberwitzigen Zufällen handeln, die diese Welt so spannend machen. Von Entscheidungen, die man trifft. Und von dem, was daraus wird. Von kleinen Ursachen und großen Wirkungen. Und konkret in meinem Fall: von kleinen Bären, die dafür sorgten, dass ich mir einen Smoking kaufen musste - für einen großen Auftritt beim Bundespresseball.

Zufall Nummer eins: In einem Tierpark in Ostjütland filmten mein Mann und ich während unseres obligatorischen Dänemark-Urlaubs eine niedliche Bärenfamilie. Die Bärenmutter säugte unter wohligem Grunzen aller Beteiligten gleichzeitig vier Bärenkinder. Ein rührendes, entzückendes Bild.

Zufall Nummer zwei: Mein - nennen wir es mal - Mitteilungsbedürfnis. Diese Bärenfamilie sollte die ganze Welt sehen! Ich lud das Video bei YouTube hoch. Doch die Klickzahlen blieben absolut enttäuschend, klägliche 20 in drei Monaten.

Zufall Nummer drei: Ich arbeite nebenbei als Schreiber für Marketing-Seiten, die sich exakt mit dieser Problematik befassen, also der Frage, wie man mehr Besucher und somit mehr Klicks auf eine Seite bekommt. Meinen Lesern rate ich dabei stets: Suchen Sie sich potente Multiplikatoren, um Ihre Botschaft zu verbreiten.

Gesagt, getan, es folgte der Praxischeck meines eigenen Ratschlags.

"Flausch am Sonntag"

Als Multiplikator wählte ich den überaus populären Medienjournalisten Stefan Niggemeier aus. In seinem Blog gab es eine unregelmäßige Rubrik namens "Flausch am Sonntag", in der kleine Filme von haarigen possierlichen Tieren gezeigt wurden. Da wollte ich hin! Zwei- oder dreimal schrieb ich an Niggemeier, wobei mein Tonfall, ehrlich gesagt, ein bisschen flehentlich wurde. Am 24. Oktober 2010 wurde ich erhört: Mein kleines Bärenvideo war der "Flausch am Sonntag".



Schon am Tag der Veröffentlichung bekam das Video auf YouTube einige tausend Klicks. Die Besucher stammten aus aller Welt, sogar aus Kasachstan und Rumänien, wie man dank Tools wie YouTube-Insight sehen konnte. Doch noch herrschte die Ruhe vor dem Sturm. Und ich beschloss, für die folgenden vier Wochen ein penibles Tagebuch in Blog-Form über die Karriere unseres Filmchens zu führen.

Bereits am nächsten Tag waren die Bären auf diversen anderen Blogs und Videoseiten verlinkt, Japan und Estland erstaunlicherweise die Spitzenreiter. Noch einen Tag später begann der Ausnahmezustand: Ich erhielt allein aus Brasilien die vollkommen unfassbare Anzahl von 45.000 Zugriffen auf das Video! Der Grund: Ein überaus populärer brasilianischer Komiker hatte es auf seinem Blog verlinkt.

Orgie im Netz

Ich ahnte mittlerweile, dass sich die Geschichte komplett anders entwickelte als geplant: Aus der harmlosen kleinen Bärenfamilie war inzwischen eine "Bärenorgie" geworden, wie es in dem Eintrag hieß. Die Eigendynamik des Internets hatte das Video von nun an untrennbar mit diesem Schlagwort verbunden. Unter dem verheißungsvollen Label "Bear Orgy" wurde es zunehmend auf Webseiten gepostet, die sich an die Liebhaber behaarter stämmiger Männer wendeten. Selbst Internetportale aus China oder Russland waren dabei. Innerhalb von drei Tagen hatten etwa hundert Internetseiten die unschuldige Bärenfamilie als "Real Live Bear Orgy" verlinkt und sorgten zuverlässig für frappierend hohe Besucherzahlen. Doch das war noch nicht alles.

Am Tag vier nach Niggemeiers "Flausch am Sonntag" war das Bärenvideo der Nummer-Eins-Clip in einer US-amerikanischen Unterhaltungsshow - selbstverständlich süffisant präsentiert als "Bärenorgie", inklusive platter Witze über "teats", deutsch: Zitzen, und ein fast gleichlautendes weibliches Attribut.


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Zu diesem Zeitpunkt war der Film zudem diverse Male von YouTube heruntergeladen und auf verschiedensten Seiten als jeweils "eigener" Inhalt präsentiert worden, immer in Verbindung mit dem nun schon gewohnten Schlagwort "Orgie". Ich hatte keinerlei Einfluss mehr darauf, wer meinen Bärenfilm wo und wie verwendete, der globalen Netznutzung konnte ich nur noch fassungslos zuschauen. Es war mir kaum noch möglich, die virale Verbreitung in meinem Video-Tagebuch-Blog halbwegs chronologisch dazustellen, denn die Zahl der Einbettungen, Verlinkungen und Kommentierungen ging täglich in irrwitzige Zahlen.

Zeit für einen Smoking

Ein unerwarteter, aber willkommener Nebeneffekt des Ganzen: Das Blog zum Bärenvideo erregte nun ebenfalls Aufmerksamkeit. Seine Aufnahme in die "6-vor-9"-Linktipps vom Bildblog kam einem Ritterschlag gleich, was zur Folge hatte, dass das Blog auf einmal Besucherzahlen aufwies, die schwindelig machten. Nun meldeten sich Radio-Sender bei mir, und ich durfte dem MDR ein Interview aus dem ARD-Hauptstadtstudio geben.

So viel Erfolg macht übermütig: Aus einer Laune heraus bewarb ich mich um den ergo-direkt Medienpreis. Und dann passierte das: Unfassbarerweise gewann mein Bärenvideo-Blog den zweiten Preis in der Kategorie "Online". Was bedeutete: eine wundervolle Preisverleihung im Restaurant Hugo im Intercontinental hoch über den Dächern Berlins, eine launige Laudatio des "Stern"-Nachrichtenchefs Benninghoff, ein gefühlt fünf Kilo schwerer Preis, der einen Platz auf meinem Schreibtisch fand, dazu eine beträchtliche Geldsumme und - unbezahlbar - eine Einladung zum Bundespresseball 2011.

Im gesetzten Alter, knapp jenseits der 40, mussten wir uns nun unsere ersten Smokings kaufen.

Mein Fazit? Es ist heute erschreckend einfach, einer viralen Verbreitung einen kleinen, aber entscheidenden Anstoß zu geben. Worüber man sich allerdings klar sein muss: Spätestens ab diesem Zeitpunkt hat man die Hoheit über seinen ins Internet gestellten Inhalt aufgegeben. Man kann nur noch tatenlos zuschauen, was die Netz-Community daraus macht. Und die Moral von der Geschicht'? Obacht, Obacht, Obacht…



Debatte

insgesamt 7 Beiträge zur Debatte
Dirk Bernecker am 17. September 2012, 17:39
>Und nebenbei - schämt man sich nicht, wegen eines solchen Videos sich beim Bundespresseball zu empfehlen? Das ist ja nun kein besonderes Video - sondern eins wie die...

Volker Altmann am 17. September 2012, 14:39
Herr Mandelartz,

selbstverständlich habe ich Ihren Text gelesen, sonst hätte ich Ihn auch nicht kommentiert.

Ich gebe zu, dass es interessant ist, den Werdegang...


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