Über einestages

1978

Sponti-Hauptstadt West-Berlin Keine Macht für niemand


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Udo Schewietzek
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"taz": Die West-Berliner Lokalredaktion der "taz" 1980. Vordere Reihe, von links Johann Legner, Benedikt Mölder, Plutonia Plarre, Sabine Porn. Hintere Reihe: Michael Sontheimer, Setzer Günter, Setzer Uli Küster und Setzerin Petra.

Sie nannten sich "Schädel" oder "Ramba", ihre Kongresse hießen "Tunix". In West-Berlin sammelten sich seit den Sechzigern Aussteiger, Freaks und Punks. "Taz"-Mitbegründer Michael Sontheimer erinnert sich an Hausbesetzungen, Randale-Rituale - und seine Flucht vor zwei Zentnern Raketentreibstoff.


1. Teil: Gegen den bewaffneten Kampf

Da mein Zimmer das größte in unserer Wohngemeinschaft war, musste es als Redaktionsbüro herhalten. Wir schleppten das Bett raus, stellten große Tische auf und diskutierten erst einmal gründlich, welche Texte wir veröffentlichen wollten.

Dann tippten wir die Artikel auf mechanischen Schreibmaschinen, zeichneten Illustrationen und klebten die Seiten zusammen. Die Redaktion bestand aus einem guten Dutzend Linksradikalen. Das Blatt, das wir im Januar 1978 halblegal produzierten, hieß "BUG-Info". "BUG" stand für "Berliner undogmatische Gruppen".

Wir machten uns keine ernsthaften Sorgen, dass die "Bullen" uns hochnehmen würden. Obwohl ein paar von uns ein Ermittlungsverfahren wegen Werbung für eine terroristische Vereinigung nach Paragraf 129a am Hals hatten. Deshalb hatte sich die Redaktion auch in Wohnungen zurückgezogen.


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Wir waren eindeutig gegen den bewaffneten Kampf von Roter Armee Fraktion und Bewegung 2. Juni und wollten diejenigen, die ihn führten oder mit ihm sympathisierten, davon abbringen. Aber das ging nicht, ohne darüber zu diskutieren, und deshalb hatten wir im "BUG-Info" gelegentlich Texte von Mitgliedern und Freunden der Bewegung 2. Juni abgedruckt. Das wiederum hatte den Staatsanwälten nicht gefallen.

Uns waren allerdings andere Themen wesentlich wichtiger als die wahnwitzige militärische Konfrontation zwischen Stadtguerilla und Staat. Das Titelblatt der Ausgabe, die wir im Januar 1978 produzierten, zierte eine Zeichnung zum Widerstand der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg gegen die in Gorleben geplanten Nuklearanlagen. Die meisten von uns hatten sich dem Protest angeschlossen. Als Atomkraftgegner vertraten wir 1978 bereits das Regierungsprogramm des Jahres 2011.

Die meisten Seiten unserer Zeitung mit einer Auflage von 5000 Exemplaren füllten Texte zu einem Kongress namens "Tunix", zu dem wenige Tage später Tausende Linksradikale in die Mauerstadt kamen, um Pläne für das richtige Leben im falschen System zu schmieden.

Wir wurden "Spontis" genannt. Mit den verblendeten Anhängern des Realsozialismus in der DDR oder den autoritären Maoisten der unterschiedlichen Kleinstparteien wollten wir nichts zu tun haben. Wir schwärmten von Selbstbestimmung und Rätedemokratie.

Die linksradikale Szene umfasste an die 20.000 Köpfe, die sich aber auf verschiedene Strömungen verteilten. Eine Zeitlang hatte in unserer Wohnung ein maoistisches Pärchen gewohnt. Als die beiden am Morgen des 1. Mai in weißem Hemd und weißer Bluse erschienen, fragte einer von der Sponti-Fraktion, ob sie heute heiraten würden. Sie fanden das gar nicht komisch und hielten uns vor, dass wir am "Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse" mit abgerissenen Lederjacken auf die Demonstration gingen.

Als wir die Zeitung produzierten, arbeitete auch ein älterer Genosse namens Ramba mit. Er war in der DDR aufgewachsen und hatte schon mit Rudi Dutschke im Sozialistischen Deutschen Studentenbund gegen den Vietnam-Krieg demonstriert. Ramba war ein Pionier jenes Soziotops des Protests, das ab Mitte der sechziger Jahre in der Mauerstadt aufgeblüht war, jenes Mekkas für Dissidenten aller Couleur. Für uns, mit Anfang zwanzig, war Ramba ein väterliches Vorbild, der die Brücke zwischen den später "68er" genannten Radikalen und uns schlug, die wir wesentlich pragmatischer und realistischer Alternativen schaffen wollten.





SPIEGEL-Geschichte Heft 5/2012
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Den männlichen Teil dieser Szene hatte nicht zuletzt die in der Bundesrepublik geltende Wehrpflicht in die demilitarisierten Westsektoren Berlins getrieben. Bei der mündlichen Verhandlung meines Antrags auf Kriegsdienstverweigerung beim Kreiswehrersatzamt München war der Fleischermeister mit dem Eisernen Kreuz am Revers eingenickt, hatte dann aber der Ablehnung meines Antrags auch zugestimmt. Das Risiko, in der zweiten Instanz erneut nicht als Wehrdienstverweigerer anerkannt zu werden, erschien zu groß, also zog ich nach West-Berlin.

Die Zahl dieser Wehrflüchtigen, die zumeist gebildet, kreativ und unternehmungslustig waren, wurde nie ermittelt, aber ich erinnere mich an einen "Schädel" genannten Bekannten, der als Eingeborener seine notorische Erfolglosigkeit bei Frauen mit dem Männerüberschuss der Szene begründete: "Hier kommen doch", klagte er, "auf eine Braut mindestens zwei Typen."


1. Teil: Gegen den bewaffneten Kampf
2. Teil: Raketenbau in der WG-Küche
3. Teil: "Arm, aber sexy"


Debatte

insgesamt 12 Beiträge zur Debatte
Siegfried Wittenburg am 11. Oktober 2012, 15:30
Lieber Herr Altmann, ich mache einen Vorschlag: Ich höre jetzt auf und Sie pauschalisieren nicht mehr die Berliner, okay?

Im gewissen Sinne fand mit dem Fall des Eisernen...

Volker Altmann am 11. Oktober 2012, 13:52
Herr Wittenburg, ich kann mich da nur wiederholen. Mit keinem Wort habe ich Unverständnis für das Aufbegehren der Jugend geäußert. Ich weiß nicht, was Sie...


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