Einst befand sich in Dois Rios Brasiliens härtestes Gefängnis: Mörder und Drogenbosse wurden auf der Ilha Grande eingesperrt. Heute leben in dem Geisterstädtchen nur noch wenige Menschen - doch die Erinnerung an das düstere Kapitel der brasilianischen Geschichte lebt. Von Julia Luhnau
Der Weg nach Dois Rios ist lang und beschwerlich, genau so, wie die Erbauer es geplant hatten. Dois Rios war ein verbotener Ort. Hier in der feuchten Hitze stand bis 1994 das berüchtigtste Gefängnis Brasiliens. In der Colônia Penal Cândido Mendes saßen die grausamsten Verbrecher des Landes. Mörder, Diebe, Drogenbosse.
Etwa sieben Kilometer schlingt sich der Weg durch den Dschungel, über Berge, vorbei an Schluchten, rauschenden Flüssen. Autos gibt es keine auf der Ilha Grande, der "Großen Insel" in nur 150 Kilometern Entfernung zur Megametropole Rio de Janeiro. Wer vom idyllischen Touristenörtchen Vila do Abraão auf die andere Seite der Insel will, muss zu Fuß gehen.
1903 wurde das Gefangenenlager an dem abgelegenen Strand erbaut, es stand fast ein Jahrhundert an dieser Stelle, bis es Mitte der neunziger Jahre gesprengt wurde. Die meisten Gefangenen wurden damals in Gefängnisse nach Rio oder São Paulo verlegt. Einige wenige blieben, verbüßten ihre Strafe dort, sie durften sich frei in dem Dorf bewegen, die Insel aber nicht verlassen.
Ein Wachmann in einem Pförtnerhäuschen notiert den Namen jedes Besuchers, der den Dorfeingang passieren will. Hier kann man nicht übernachten, ermahnt er die Fremden eindringlich. Eine Herberge gibt es nicht. Bevor man zurückgeht, muss man sich abmelden. Noch vor der Abenddämmerung muss jeder Name auf seiner Liste abgehakt sein. Sonst werden Suchtrupps losgeschickt.
Die Straßen in Dois Rios sind wie leergefegt, nur das monotone Pfeifen des Windes ist zu hören. Die meisten Häuser sind verlassen, Mauern zerbröckeln. Nachdem das Gefängnis verschwunden war, zogen die Wächter weg. Zurück blieben leerstehende Häuser, die die Natur nach und nach zurückerobert.
Ein Eiland für die Ungewollten
Der Ilha Grande haftete seit Jahrhunderten ein übler Ruf an. Einst war die Insel mit den vielen Buchten ein wichtiger Zufluchtsort für Piraten und Korsaren. Im 18. und 19. Jahrhundert landeten dort die Sklavenschiffe an, unter entsetzlichen Bedingungen wurden die Menschen dort zusammengepfercht, bis sie an ihre neuen Herren verkauft wurden. Auch nachdem die Sklaverei in Brasilien 1888 abgeschafft worden war, konnte die Insel ihren zweifelhaften Ruf nicht ablegen: In Zeiten der Cholera wurden europäische Einwanderer hier in Quarantäne gehalten, später Leprakranke.
So war die Insel immer ein Platz für die Ausgestoßenen der Gesellschaft, schließlich wurde das Gefängnis 1903 in Dois Rios eröffnet. "Caldeirão do Diabo", Heizkessel des Teufels, wurde die Insel damals genannt. Die Haftbedingungen waren unmenschlich: Die Zellen waren überfüllt, schmutzig, es gab kaum fließendes Wasser. Viele Gefangene wurden von Wärtern misshandelt, auch untereinander musste man sich behaupten. Bis zu tausend Häftlinge nahm das Gefängnis damals auf, die meisten Schwerverbrecher.
Die Welt draußen schmeckte nach Wind, salziger Meeresluft, nach Freiheit, doch eine Flucht schien unmöglich. Das Gefängnis stand am offenen Meer. Die Distanz zum Festland war zu groß, um sie schwimmend zu bezwingen. Einige Wagemutige versuchten es dennoch. Mit selbstgebauten Holzflößen paddelten sie zum Festland, wo sie jedoch in der Regel direkt wieder eingefangen wurden. Die meisten Gefangenen gaben den Fluchtgedanken schnell auf, fügten sich ihrem elendigen Schicksal. Doch immer wieder konnten Einzelne entkommen. Unvergessen bleibt die filmreife Flucht von "Escadinha", einem der bekanntesten Gründungsmitglieder der späteren Drogenbande Comando Vermelho. Er wählte den Luftweg: In einem unbemerkten Moment stahl er sich davon, rannte zu einem Helikopter, der 500 Meter vom Gefängnis entfernt auf ihn wartete und flog davon.
Wozu Angst haben, wenn die Zukunft der Tod ist
Noch heute wirken die Ruinen der ehemaligen Anstalt imposant. Die einzelnen Stockwerke des Haupttrakts liegen übereinander gestapelt wie ein zusammengefallenes Kartenhaus. Erbarmungslos erobert die Natur ihren Raum zurück, frisst sich in die bröckelnden Mauern hinein, verschlingt alles, was im Weg steht.
An die Wände sind Sprüche, Initialen und Namen geschrieben. "Fábio" steht da, "Claudio" oder auch "Paz", Frieden. An einer Stelle ist eine Strichliste zu erkennen. Jeder fünfte Strich durchstreicht ein Quadrat in einer Diagonalen. "Wozu Angst haben, wenn die Zukunft der Tod ist", steht an einer anderen Stelle. Darunter zwei Buchstaben: C.V. Ein Kürzel, das heute noch an vielen Plätzen in Rio zu finden ist. Das Comando Vermelho, Rotes Kommando, ist eine der größten Verbrecherorganisationen Brasiliens, das Kürzel kennzeichnet die Drogenverkaufsplätze in den Favelas.
Die Geschichte hinter den zwei Lettern begann im Jahr 1964: Kurz nach Beginn der Militärdiktatur wurden Scharen unerwünschter Regimegegner auf das Inselgefängnis verlegt. Politisch ambitionierte Studenten aus der Mittelschicht stießen auf Schwerverbrecher, die sich an einen schonungslosen Gefängnisalltag gewöhnt hatten. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. Schon bald forderten die politischen Häftlinge, von den anderen Gefangenen getrennt zu werden. Eine Mauer wurde zwischen ihnen gebaut.
Inspiriert von dem Organisationsgeschick der politischen Häftlinge, denen es gelang, manche Forderung nach besseren Haftbedingungen durchzusetzen, begannen sich auch die anderen Gefangenen zu formieren - und nannten sich Comando Vermelho. Der Name sollte bedeutungsschwer klingen, nach politischem Kampf. Tatsächlich hatten die Schwerverbrecher kein besonderes Interesse an Politik. Auch nach ihrer Freilassung engagierten sich die Mitglieder der Gruppe nicht in der Opposition, sondern im lukrativen Geschäft mit Kokain.
Ein kleines Museum zeugt von der düsteren Vergangenheit der Insel. Briefe des Comando Vermelho, notdürftig gebastelte Messer, Originalfotos des berüchtigten Kerkers werden hier ausgestellt. Es hätte ein zweites Alcatraz werden können, das viele Touristen anzieht, klagt ein Museumswärter. Schließlich spielte sich hier ein großer Teil der brasilianischen Geschichte im Kleinformat ab. Sklavenhandel, europäische Einwanderung, Diktatur und organisiertes Verbrechen, all das hat auch die Insel miterlebt.
Die brasilianische Regierung wollte sich 1994 von den düsteren Erinnerungen befreien: Trotz öffentlicher Proteste gegen die Zerstörung des geschichtsträchtigen Ortes wurde das Gefängnis in die Luft gejagt. Der damalige Gouverneur Leonel Brizola drückte den Schalter, der die Sprengung auslöste. Doch die 200 Kilogramm Dynamit vermochten es nicht, den Gebäudekomplex zu zerstören.
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