|
Inszenierung: Bewaffnete Soldaten springen über einen Graben. Sie tragen allerdings lediglich Uniformmützen und keine Stahlhelme. Demnach dürfte es sich nicht um eine Gefechtssituation handeln. Der Stempel "Mil. u. pol. nicht zensiert" auf der Rückseite lässt vermuten, dass die Aufnahme von einer offiziellen Stelle gesichtet wurde.
Kennt jemand die Soldaten oder hat einen Hinweis darauf, wer der Fotograf des Motivs war? Informationen, Anmerkungen und Kommentare zu diesem und den folgenden Bildern können Sie in der Debatte unter dem Artikel vermerken. |
Propagandabilder und Privataufnahmen: Als Bruce Sadler im Haus seiner Eltern in Chicago ein deutsches Fotoalbum aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckte, begann eine jahrelange Suche. Wem gehörte das Album? Und was zeigen die Bilder? Mit Hilfe der einestages-Leser will er diese Rätsel nun endlich lösen. Von Solveig Grothe
Als Bruce Sadler das Album zum ersten Mal sah, war er noch ein Kind: ein Buch mit rotem Ledereinband, von drei Metallstiften zusammengehalten. Er hatte es auf dem Dachboden des Hauses entdeckt, in dem er mit seinen Eltern und Brüdern in Chicago lebte.
Es waren Aufnahmen in Schwarzweiß, die meisten zeigten Soldaten: angetreten in Reih und Glied, mit Gepäck marschierend oder im Sturm mit dem Gewehr in der Hand. Soldaten, die durch tiefen Schnee stapfen. Soldaten an Krücken. In zerlumpten Mänteln. Soldaten, mit dem Gesicht im Gras liegend. Zwischen den Kriegs- und Kampfszenen gab es auch einige Fotos von uniformierten Männern, die fröhlich speisend an einer gedeckten Tafel saßen.
"Ich wusste damals schon, dass es deutsche Soldaten waren", erinnert sich Bruce Sadler an den Moment, als er das erste Mal in diesem Album blätterte. "Ich erkannte sie an ihren Uniformen, wie ich sie schon in Kriegsfilmen gesehen hatte." Außer diesem Fotoalbum hatte der Junge damals noch andere Bücher auf dem elterlichen Dachboden entdeckt. Auch sie stammten wohl aus Deutschland, vermutete er. Es waren Alben mit Sammelbildern von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin und aus dem Leben Adolf Hitlers. Der junge Sadler hatte sich alle möglichen Gedanken darüber gemacht, wie diese Bücher wohl in das Haus seiner Eltern gekommen sein mögen. Die Antwort kannte er nicht.
"Er brach ab, begann zu weinen"
Auf einem Familientreffen in den späten neunziger Jahren kam er ihr näher. Sadler war inzwischen Mitte 40. "Wir fragten unsere Eltern, wie es gewesen sei, in Chicago aufzuwachsen. Mein Vater erzählte uns, wie er zur Schule gegangen war und dann zur Armee. Dass er seine Ausbildung in Camp Hulen, Texas, gemacht habe." Der Vater habe auch erzählt, wie ihn der Krieg nach Frankreich und schließlich Deutschland gebracht habe. "Alles schien in Ordnung zu sein - bis zu dem Moment, als er Dachau erwähnte. Er brach ab, begann zu weinen und wollte nicht mehr davon sprechen."
Was war passiert? Was wühlte seinen Vater so auf? Bruce Sadler begann, auf eigene Faust zu recherchieren. Es vergingen drei Jahre, bis er eines Tages auf eine Anfrage hin Post vom Nationalarchiv erhielt: Sie schickten ihm Aktenauszüge zu den Einsätzen und Standorten der Armee-Einheit seines Vaters. Die lange Liste der Stationen umfasste unter anderem die britische Kanalinsel Portland, das französische Luneville, Hornbach und Grünstadt in Deutschland, Dachau und viele andere Städte.
Sadler, von Beruf Pfleger, versuchte noch einmal, mit seinem Vater über die Kriegszeit zu reden. Doch immer, wenn das Gespräch auf Dachau kam, verstummte Paul Sadler. Bis 2010 dauerte es, ehe er davon berichten konnte, wie er am 1. Mai 1945 als Soldat in das Konzentrationslager gekommen war, das die Amerikaner zwei Tage zuvor befreit hatten. Nie habe er den Anblick und den Gestank vergessen können, als sie die Waggons öffneten und die Leichen herausfielen.
Es war das erste und einzige Mal, dass Bruce Sadlers Vater seiner Familie von Dachau berichtete. Und auch, dass er das Fotoalbum und die anderen Bücher von dort mitgenommen hatte. Im Januar 2011 starb Paul Sadler.
Soldaten ohne Namen
Sein Sohn aber setzte die Recherchen fort. Mehr denn je wollte er wissen, wer die Fotos aufgenommen hatte und wem dieses Album ursprünglich gehörte, das so lange auf dem Dachboden gelegen hatte und für seinen Vater mit so schrecklichen Erinnerungen verbunden war.
Sicher scheint mittlerweile, dass ein Großteil der Aufnahmen während der deutsch-sowjetischen Kämpfe an der Ostfront entstanden ist, einige andere bei der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940. Zu erkennen ist darauf etwa der sogenannte Wagen von Compiègne, jener Eisenbahnwaggon, in dem das Deutsche Kaiserreich und die Streitkräfte der Entente im November 1918 Waffenstillstand vereinbart hatten und den Hitler 1940 nach Berlin bringen ließ.
Die Aufnahmen der verschiedenen Kriegsschauplätze stammen dabei offenbar größtenteils von Fotografen der Propagandakompanien (PK), so die Einschätzung von Oliver Sander, Referatsleiter im Bundesarchiv. Darauf würden die Motive, ihre Inszenierung und die recht gute Technik deuten - ebenso die Notizen, die Sadler auf der Rückseite einiger Bilder entdeckt hat.
"Mil. u. pol. nicht zensiert"
"Bildmässig nicht gut aufgefasst - Menge fehlt!", hatte da beispielsweise jemand notiert. Auf der Rückseite eines anderen Fotos ist zu lesen: "Henisch/10.XII.41/Rschew". Rschew ist der Name einer russischen Stadt an der Wolga, etwa 200 Kilometer westlich von Moskau, bekannt vor allem als Schauplatz einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Im Oktober 1941 war der Ort von der Wehrmacht besetzt worden. In den monatelangen Kämpfen, die sich die deutschen Truppen dort mit der Roten Armee lieferten, wurde er vollständig zerstört.
Der Vermerk "Henisch" benennt offenbar den Urheber des Bildes. Über den österreichischen Fotografen Walter Henisch weiß man, dass er die Wehrmacht auf ihrem Feldzug nach Osten begleitete, zeitweilig hatte er der Propagandakompanie 612 der 6. Armee angehört. Von ihm stammt demnach jenes Foto, das im Innenraum der Kathedrale von Rschew aufgenommen wurde.
Bemerkenswert ist laut Sander die in dem Album versammelte große Zahl der PK-Fotos. Einige von ihnen tragen auf der Rückseite den Stempel "Mil. u. pol. nicht zensiert". Welche Stelle ihnen diese militärische und politische Unbedenklichkeit bescheinigt haben könnte, darüber lässt sich nur spekulieren: Zuständig für die militärische Zensur der PK-Fotos sei die Abteilung für Propaganda im Oberkommando der Wehrmacht gewesen. Von dort seien die Bilder an das Propagandaministerium geschickt worden, wo sie nochmals zensiert, gegebenenfalls neu betextet und für verschiedene Bildagenturen freigegeben wurden. Irgendwo auf diesem Weg zwischen der Front und Berlin müssen sie diesen Stempel erhalten haben.
Anders als das von Sadler entdeckte enthalten die meisten Landser-Alben überwiegend private Fotos oder auch Postkarten - weniger offizielle Propagandafotos. Denkbar wäre daher, dass es sich bei dem ursprünglichen Besitzer des Albums eher um einen deutschen Offizier als um einen einfachen Soldaten handelt, wie etwa das Holocaust-Museum in Washington annimmt.
Die einzige persönliche Notiz im Album
Sadler hatte vermutet, dass sich der Kreis der Personen mit Bezug auf das Konzentrationslager Dachau einschränken ließe. Doch - wie der Dachauer Archivar Albert Knoll bedauert - fehle es der Gedenkstätte an einer vollständigen Namensliste aller im KZ eingesetzten SS-Bediensteten.
Möglichweise aber können die Motive selbst einen Hinweis geben: Denn abgesehen von den Propagandafotos fanden sich in dem Album auch Bilder, die bereits vor dem Krieg entstanden sind, 1933, im französischen Wintersportort Megève. Eines zeigt einen Herrn und drei Damen auf einem Brückengeländer, möglicherweise ein Familienfoto.
Und dann gibt es da noch ein Foto von Soldaten, die einen Sarg tragen. "Das ist unser Kamerad Uffz Richard Feihl. Meine Schwester Marina hat ihn gut gekannt", hat jemand auf die Rückseite geschrieben. Es ist die einzige persönliche Notiz im ganzen Album.
Bruce Sadler würde gern so viel wie möglich über diese Fotos herausfinden: "Es ist schwer zu sagen, was mich dabei mehr antreibt: zu wissen, dass darunter die womöglich letzten Aufnahmen einer Stadt wie Rschew vor ihrer Zerstörung sind. Oder dass es auf diesen Bildern Menschen gibt, die von ihren Angehörigen vermisst werden - und die gern eine solche Aufnahme hätten."
Sadler bittet daher die Leser von einestages, ihm bei der Identifikation der Fotos zu helfen - um so möglicherweise sogar den Besitzer des Albums zu finden.
Sie erkennen die abgebildeten Personen? Wissen, wo genau sich eine bestimmte Szene ereignet hat, oder können sagen, zu welchen Orten die Gebäude und Ruinen gehören? Dann vermerken Sie Ihre Hinweise in der Debatte.
Jewgenij Chaldej hat im Zweiten Weltkrieg für die Rote Armee...
Soldaten auf Kamelen, beim Pilzeputzen, in der Sauna: Mit...
Der Fund gibt Rätsel auf: Einzigartige Fotografien aus dem...