| Am Ziel: Am 4. September 1972 erreicht Esther Schachamorov bei den Olympischen Spielen in München das Halbfinale in ihrer Paradedisziplin, dem 100-Meter-Hürdenlauf. Es war der größte Erfolg für sie und ihren Trainer Amitzur Schapira. "Amitzur fühlte sich wie auf Wolke sieben und sagte mir: 'Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!'" |
Sechs Jahre hatte Esther Schachamorov für diesen Traum gekämpft: Als erste Israelin schaffte es die Sprinterin 1972 bei Olympischen Spielen bis ins Halbfinale. Dann nahmen palästinensische Terroristen elf ihrer Teamkollegen als Geiseln - und die junge Frau stand vor der Entscheidung ihres Lebens. Von Christoph Gunkel
Am schlimmsten war für Esther Schachamorov der Gedanke, dass er nun da unten lag, im kalten Frachtraum der israelischen El-Al-Maschine, während sie hier oben saß, in einem bequemen Sitz neben den anderen Flugpassagieren.
Unten die Toten. Oben die Überlebenden. Sie reisten in demselben Flugzeug nach Israel zurück.
Esther Schachamorov gehörte zu den Überlebenden der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München 1972, die nach einer dilettantischen Befreiungsaktion in einem Blutbad geendet hatte. Für sie war es die bitterste Heimreise in ihrem Leben. Denn unter den Toten war ihr Coach Amitzur Schapira. Der Mann, der sechs Jahre zuvor ihr Talent entdeckt hatte. Der sie zur besten israelischen Leichtathletin und zu einer der schnellsten Hürdenläuferinnen der Welt gemacht hatte. Der Mann, von dem sie sagt, er sei wie ein Vater für sie gewesen.
Gedemütigt vor laufenden Kameras
Voller Träume waren die beiden wenige Tage zuvor gemeinsam nach München geflogen. Jetzt kehrten sie getrennt zurück, und als die Maschine am Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv landete, versank ein ganzes Land in Trauer und Apathie.
Zehntausende erwarteten die Maschine und begleiteten die Särge zu den verschiedenen Friedhöfen in ganz Israel. Elf Teilnehmer der Olympiamannschaft hatten die Entführung durch das palästinensische Terrorkommando Schwarzer September nicht überlebt. Die Toten waren zwar nicht die ersten israelischen Terroropfer im Ausland. Doch nie zuvor war Israel dermaßen paralysiert und gedemütigt worden.
Fast vierzig Jahre ist das nun her, doch Esther Roth, wie die Sprinterin heute heißt, teilt die Welt immer noch ein in die Zeit vor und nach München 1972. Derzeit ist sie wieder eine gefragte Gesprächspartnerin. Die ARD etwa zeigt am Sonntag, 22. Juli, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in London, ein detailliert rekonstruiertes Doku-Drama der tragischen Ereignisse: "Vom Traum zum Terror - München '72" - ein Protokoll geplatzter Träume und folgenschwerer Pannen, produziert von SPIEGEL TV.
Ein friedliches, weltoffenes Deutschland
Wenn Roth über die Zeit vor der Geiselnahme redet, dann klingt das so, als könne sie selbst nicht fassen, wie naiv sie damals war. Und mit ihr die Sicherheitskräfte. "Uns wurde lediglich geraten, vorsichtig zu sein, wenn wir Post bekämen. Darin könnte sich etwas Explosives befinden", erinnert sie sich im Interview mit einestages. "Und wir sollten aufpassen, wenn wir etwas Merkwürdiges in den öffentlichen Mülleimern sahen. Das war alles."
Angst hatte sie zu keiner Zeit. Der Leiter der israelischen Olympiamannschaft sah die Situation hingegen realistischer. Er beschwerte sich darüber, dass einige seiner Athleten in Appartements im ersten Stock untergebracht waren. Ein paar Etagen höher wäre es doch wesentlich sicherer. Der Einwand wurde ignoriert.
36 Jahre, nachdem die Nazis die Olympischen Spiele in Berlin als martialische Propagandaplattform für ihren Größenwahn missbraucht hatten, wollte sich Deutschland besonders weltoffen, friedlich und fröhlich präsentieren. Ohne waffenstarrende Polizisten. Das gelang. Esther Schachamorov fühlte sich wohl in München. Sie war schon zuvor auf Wettkämpfen in der Bundesrepublik gewesen, trainierte mit deutschen Athletinnen und konnte Sätze wie "Auf die Plätze, fertig, los!" rufen.
Fotos von 1972 zeigen eine dunkelhaarige Zwanzigjährige, die, anders als viele ihrer Konkurrentinnen, immerzu unbeschwert zu lächeln schien. "Es war eine wundervolle Atmosphäre", erinnert sie sich. "Für mich war es ein Traum, in München zu sein." Ein Traum, für den sie mit ihrem Coach Amitzur Schapira jahrelang gearbeitet hatte.
"Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!"
Nun erntete sie die Früchte dieser Arbeit - und schrieb Geschichte. Im Halbfinale des Hundertmeterlaufs landete sie zwar auf dem undankbaren fünften Platz und verfehlte das Finale nur um vier Tausendstel. Doch mit 11.45 Sekunden hatte sie in der Vorrunde einen neuen israelischen Rekord aufgestellt, der bis heute Bestand hat. Und gleichzeitig entfachte sie eine beispiellose Begeisterung in ihrer Heimat.
"Viele Israelis haben sich damals extra einen Fernseher gekauft, um mich zu sehen", erzählt sie. "Die Straßen waren leer und die Knesset unterbrach sogar ihre Sitzungen, damit die Leute meinen Wettkampf sehen konnten." Sie sahen, wie Schachamorov am 4. September 1972 auch in ihrer Paradedisziplin Hürdenlauf mit persönlicher Bestzeit das Halbfinale erreichte. Wie schon beim Hundertmeterlauf war das noch keiner israelischen Olympionikin gelungen.
"Ein großartiger Moment", erinnert sie sich. "Mein Coach Amitzur fühlte sich wie auf Wolke sieben und sagte mir: 'Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!'" Die ganze Mannschaft feierte an diesem Abend ausgelassen, besuchte gemeinsam ein Musical, trug ihre Heldin auf den Schultern. Dann, am nächsten Morgen, begann der Alptraum.
Augenzeugen wider Willen
Am 5. September um 4.10 Uhr waren acht Männer des Terrorkommandos Schwarzer September in das olympische Dorf eingedrungen und hatten im Männertrakt elf Israelis als Geiseln genommen, von denen eine beim Fluchtversuch erschossen wurde. Die Attentäter verlangten die Freilassung von 236 in Israel inhaftierten Palästinensern sowie die Entlassung der RAF-Terroristen Ulrike Meinhof und Andreas Baader aus deutscher Haft.
Schachamorov selbst wohnte nur 200 Meter vom Ort der Entführung entfernt im Frauentrakt der Mannschaft. Morgens wurde sie von deutschen Sicherheitsbeamten geweckt und mit dem Rest ihres Teams in den sicheren Keller eines Verwaltungsgebäudes gebracht. Im Notquartier stellte sie entsetzt fest: Ihr Trainer Schapira war nicht da.
Wider Willen wurde die Rumpf-Mannschaft Augenzeuge des Geiseldramas. Sie sah im Fernsehen die Bilder von den Entführern, die sich in Strumpfmaske auf dem Balkon des besetzten Apartments zeigten. Erfuhren von den lähmenden Verhandlungen. Und wussten, dass sich die israelische Regierung niemals Forderungen von Terroristen beugen würde.
Laufen für den entführten Freund
Die Athleten waren verängstigt, gereizt, trotzig. Einige wollten am liebsten selbst zu den Waffen greifen. Und alle waren sich einig: Esther Schachamorov solle am nächsten Tag ihr Halbfinale antreten. Aus Prinzip. Um zu beweisen, dass Israel keine Angst hat.
Doch die junge Frau fühlte sich überfordert. Wie sollte sie in so einer Situation laufen können? Am Abend brachte man die Israelis aus dem Keller in ein Hochhaus mit großen Fenstern. Als um 22 Uhr die Entführer die gefesselten Geiseln in zwei Helikopter brachten, spähte Schachamorov angestrengt nach draußen. Sie erkannte ihre Teamkollegen, die mit gesenkten Köpfen zu den Hubschraubern gebracht wurden. Nur ihren Trainer konnte sie nicht sehen. War er schon tot?
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