| Vergoldetes Talent: Jean Jacoby war der einzige Olympia-Teilnehmer, der bei den von 1912 bis 1948 ausgetragenen Kunstwettbewerben zwei Goldmedaillen gewinnen konnte. Mit dem abgebildeten Werk "Rugby" gewann er 1928 in der Disziplin "Zeichnungen und Aquarelle", nachdem er vier Jahre zuvor den ersten Platz in der Kategorie "Malerei" belegte. Er ist damit der erfolgreichste olympische Künstler. |
Sie waren die unsportlichsten Wettkämpfer der Olympia-Geschichte: Vor 100 Jahren rangen erstmals auch Musiker, Maler, Bildhauer und Dichter um olympisches Gold. Die Idee dafür kam vom Olympia-Organisator Pierre de Coubertin - der sich prompt selbst eine Goldmedaille ertrickste. Von Peter Maxwill
Der Gang zum Siegertreppchen war für den Mann mit dem buschigen Schnäuzer eine Enttäuschung: Walter Winans, der zwölffache englische Meister im Pistolenschießen, musste sich an diesem Julitag 1912 mit der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Stockholm zufriedengeben - und das in seiner Parade-Disziplin: dem Schießwettbewerb "Laufender Hirsch". Vier Jahre zuvor, 1908 in London, hatte Winans noch souverän im Einzel Gold geholt. Doch nun hatte der Amerikaner die US-Mannschaft angeführt und musste sich im Wettschießen den Schweden geschlagen geben. Trotzdem sollte Winans die Spiele nicht ohne Goldmedaille verlassen. Denn der Olympionike triumphierte in einer anderen Disziplin: der Bildhauerei.
Winans hatte vor den Spielen bei der Jury eine Plastik mit dem Namen "Ein amerikanischer Traber" eingereicht. Damit war er einer von 35 Künstlern, die bei Olympia angetreten waren - eine kleine Revolution: Außer für sportliche Leistungen wurden 1912 erstmals auch Urheber von Kunstwerken mit Medaillen ausgezeichnet. Dem mittlerweile in Vergessenheit geratenen Pistolenschützen und Bildhauer Winans gelang vor 100 Jahren sogar ein erstaunlicher Rekord: Als erster und bis heute einziger Teilnehmer gewann er olympisches Gold sowohl für eine sportliche als auch für eine künstlerische Leistung.
Was aus heutiger Sicht wie ein Witz klingt, war völlig ernstgemeint: Kunst war olympisch. Auf den Siegertreppchen in den Stadien erhielten Dichter und Komponisten, Maler, Architekten und Bildhauer zwischen 1912 und 1948 Medaillen. Gold, Silber und Bronze gab es etwa für Gedichte, Stadionentwürfe, Gemälde und Marschmusiken. Bei sieben Olympischen Spielen wurden auf 18 Gebieten insgesamt 66 Kunstwettbewerbe ausgetragen, darunter waren so ausgefallene Kategorien wie Reliefkunst, Gebrauchsgrafik und Medaillenkunst. Diesem Kapitel der Olympia-Geschichte hat die Filmemacherin Alexa Oona Schulz nun die Dokumentation "Feuer und Flamme für die Kunst - Die Geschichte der Olympischen Kunstwettbewerbe von 1912 bis 1948"" gewidmet.
Die Kunstwettbewerbe waren demnach durchaus nicht als skurriles Beiwerk gedacht, sondern sollten fester Bestandteil des Sport-Spektakels sein. So hatte es sich jedenfalls der Erfinder des modernen Olympia gedacht: der adlige Reformpädagoge Pierre de Coubertin, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Als der Franzose 1896 die ersten Olympischen Spiele seit der Antike veranstaltete, strebte er die gleichberechtigte Beteiligung von Sportlern und Künstlern an. Sein Ideal: die Einheit von Körper und Geist. Daher wurden die Kunstwettbewerbe auf Coubertins Betreiben hin 1906 beschlossen, 1912 eingeführt - und drohten sofort zu floppen.
"Das gibt Krieg"
Denn das Komitee um Coubertin, der das IOC wie ein Alleinherrscher regierte, bestand vorwiegend aus gebildeten Adeligen und schöngeistigen Generälen - so dass keiner der Organisatoren in Betracht zog, dass Kunstwettbewerbe möglicherweise kaum jemanden interessieren würden. Für das Kollegium zählte allein, dass schon beim antiken Vorbild der Sportwettkämpfe auch Sänger, Schauspieler, Tänzer und Maler beteiligt waren. Bei den Wettbewerben galt daher auch nur eine Regel für eingereichte Werke: Sie mussten vom Sport inspiriert sein. An Teilnehmern würde es unter diesen Umständen nicht mangeln, da waren sich Coubertin und seine Mitstreiter sicher.
Nur eines hatten sie nicht bedacht: dass die Künstler selbst die Wettkämpfe boykottieren könnten.
Längst stand Stockholm als Ausrichter der Wettkämpfe des Jahres 1912 fest, da regte sich heftiger Widerstand gegen die Kunstwettbewerbe. In der Dokumentation "Feuer und Flamme für die Kunst" wird dieser Konflikt rekonstruiert: Die schwedischen Künstler fanden es "ganz und gar unmöglich, sich der Bewertung einer Jury zu unterziehen", schrieb das ausrichtende Olympische Komitee an Coubertin, sie lehnten die Wettbewerbe daher kategorisch ab. Coubertin tobte: "Das gibt Krieg", antwortete er brüsk - und erreichte so tatsächlich sein Ziel. "Wir akzeptieren", telegrafierte das schwedische Komitee wiederum ans IOC, nachdem Coubertin wochenlang Druck gemacht hatte. Er hatte zwar erreicht, was er wollte, doch das Interesse an den ersten fünf ausgeschriebenen Kunstwettbewerben war mickrig. So mickrig, dass der Franzose die Teilnehmerzahl auf seine Art erhöhte.

Randsportarten wie Softball und Trampolin werden bei Olympia...
Für die Nazis führte Adolf Ziegler den Kulturkampf gegen die...
Alle sprangen vorwärts, nur er setzte rückwärts über die...