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Tatort 1962: Wenige Stunden nach dem tödlichen Schuss auf den Hauptmann der DDR-Grenztruppen Rudi Arnstadt fanden sich beiderseits der deutsch-deutschen Grenze die Ermittler ein. Kriminalbeamte der Bundesrepublik standen Volkspolizisten gegenüber - doch trotz der Sicht- und Hörweite untersuchten sie den Fall unabhängig voneinander. In der Aufnahme von westdeutscher Seite ist die Demarkationslinie (DL) eingezeichnet, die die Bundesrepublik von der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) trennte.
Signatur im Bundesarchiv: B 106 Bild-371980-003 |
Vertuschen und pfuschen in Ost und West: Am 14. August 1962 wurde in der Rhön ein Grenzsoldat erschossen. DDR und Bundesrepublik untersuchten den Fall auf ihre Weise, doch zwei Autoren verglichen jetzt die Akten. Sie stießen auf bislang unbekannte Details - und einen mysteriösen Mord 36 Jahre später. Von Solveig Grothe
Die Polizei im Landkreis Fulda meldete am 15. März 1998 den Tod eines Taxifahrers. Der 59-Jährige war in der Nacht an der Bundesstraße 84 zwischen Hünfeld und Rasdorf aufgefunden worden, etwa 70 Meter von seinem Wagen entfernt. Wie die Obduktion ergab, starb der Mann durch einen Kopfschuss. Ein Kleinkaliber-Projektil war oberhalb des rechten Auges in den Schädel eingedrungen.
Anzeichen für einen Raubmord fand die Polizei nicht, die Geldtasche des Opfers lag noch im Auto. Dafür ergaben die Ermittlungen, dass der Mann aktenkundig war. Der Vorgang lag 36 Jahre zurück. Etwa zehn Kilometer vom Tatort entfernt, an der Grenze zwischen Rasdorf und dem thüringischen Wiesenfeld, war am 14. August 1962 ein Hauptmann der DDR-Grenztruppen erschossen worden. Den Akten zufolge starb der Offizier Rudi Arnstadt, 35, infolge eines Einschusses am Kopf, über dem rechten Auge. Der Schütze war Hans Plüschke, ein damals 23-jähriger Beamter des Bundesgrenzschutzes (BGS). Der Taxifahrer.
Was genau damals, ein Jahr und einen Tag nach dem Beginn des Mauerbaus bei Rasdorf an der deutsch-deutschen Grenze abgelaufen war, dazu kursierten unterschiedliche Versionen. Während die DDR von "Mord" sprach, reklamierte der Bundesgrenzschutz "Notwehr". Ein Abgleich der Ermittlungsergebnisse zwischen West und Ost fand nicht statt. 50 Jahre später haben nun zwei Journalisten, Jan Schönfelder und Rainer Erices, versucht, in einem Buch die Erkenntnisse beider Seiten zusammenzuführen und die "Todessache Rudi Arnstadt" zu rekonstruieren. Den Autoren fiel auf, dass Details in der Sache "bewusst verschwiegen" oder gar "frei erfunden" worden waren - in Ost wie in West. Sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik hätten sich "Fakten individuell zurechtgebogen". Das Fatale daran: Die Mythen und Legenden wirkten bis in die Gegenwart nach.
Die DDR-Version
Unstrittig ist, dass im Sommer 1962 in der Rhön Pioniereinheiten der NVA mit dem Ausbau der Grenzanlagen beschäftigt waren. Rudi Arnstadt, Chef der 6. Kompanie der 11. Grenzbrigade Meiningen, beaufsichtigte die Bauarbeiten und insbesondere die NVA-Soldaten, damit niemand die Gelegenheit zur Flucht nutzen konnte. Auf der Höhe von Wiesenfeld ragte das DDR-Territorium wie eine Nase weit in das Bundesgebiet hinein. Dort, an vorderster Front, traf Arnstadt am späten Vormittag des 14. August ein.
Was danach, ab 11 Uhr, an jener Stelle passierte, stellte sich nach DDR-Rekonstruktion in etwa so dar: Arnstadt entdeckte zwei BGS-Beamte, die sich seiner Meinung nach bereits auf DDR-Territorium befanden. Der genaue Grenzverlauf war an der Stelle schwer zu erkennen, weil einer der Grenzsteine in einem Haferfeld stand. Arnstadt habe sie angerufen und auf den Grenzverlauf hingewiesen. DDR-Soldaten gaben später zu Protokoll, dass die beiden zurückgegangen seien und dass sich ein in der Nähe stehender BGS-Hauptmann von einem Untergebenen die Waffe geben ließ. Zu dritt seien sie dann vor zur Grenze.
Arnstadt, so berichtete sein Posten Karlheinz Roßner, sei entschlossen gewesen, einen der BGS-Leute festzunehmen, wenn sie erneut DDR-Territorium betreten. Roßner sollte sie von rechts umgehen, Arnstadt näherte sich von links. Nachdem dieser "Halt! Stehen bleiben!" gerufen hatte, feuerte Roßner, wie ihm befohlen, in die Luft und Arnstadt einen Warnschuss in die Erde. Die BGS-Männer hätten sich daraufhin zurückgezogen und gezielt auf die DDR-Grenzer geschossen. Arnstadt sei daraufhin zusammengebrochen.
"Feige Mordtat"
SED-Chefagitator Horst Sindermann verkündete den Tod des Grenztruppenhauptmanns am Tag darauf im DDR-Abendfernsehen. Seine Schilderung des Ereignisses geriet martialisch - ganz im Ton des Kalten Krieges: Westlich von Wiesenfeld sei, so behauptete er, eine Kompanie des Bundesgrenzschutzes aufmarschiert, "Hetzreden" seien gehalten worden und es habe den Anschein gehabt, die Beamten seien "besoffen" gewesen. "Dauernd" seien sie bis an die Grenze gegangen und hätten die DDR-Posten provoziert. Später hätten drei Beamte das DDR-Gebiet betreten und nach Anruf und Warnschuss der DDR-Posten "vom Staatsgebiet der DDR aus" Arnstadt mit "gezielten Salven" ermordet.
Am nächsten Tag griff die DDR-Presse den Vorfall auf. Die Rede war von einer "feigen Mordtat". In den Details nahm die Geschichte groteske Züge an: BGS-Angehörige und bundesdeutsche Zivilisten hätten bereits seit dem Morgen die DDR-Grenztruppen "mit Hetzreden und Beschimpfungen" provoziert. Laut Beobachtungen von Soldaten seien "an die Maschinengewehrposten des Bundesgrenzschutzes größere Mengen Alkohol ausgegeben" worden. Das Parteiblatt "Neues Deutschland" veröffentlichte ein Foto, das drei Männer auf einem Feld zeigte, von denen einer mit einem X gekennzeichnet war. Die Bildunterschrift lautete: "Dieser von unseren Grenztruppen beobachtete Agent (x) befehligte das Verbrechen gegen die Staatsgrenze der DDR. …" In der Bundesrepublik, so fanden die Buchautoren heraus, kannte man die Abgebildeten: Das Foto zeigte drei Beamte der Kripo Fulda, die am Tatort Spuren sicherten. Im Hintergrund sei außerdem die DDR-Untersuchungskommission zu erkennen gewesen, die erst gegen 15 Uhr am Tatort eintraf, weshalb das Foto erst am Nachmittag entstanden sein konnte.
Doch dem Leser in der DDR musste der Eindruck bleiben, es habe sich um eine kaltblütige Hinrichtung gehandelt. Berichte über die "Empörung" der Bevölkerung folgten. Schönfelder und Erices fanden in den Archiven zahlreiche Protestresolutionen, in denen Kinderferienlager ebenso wie Arbeiterkollektive nach Bestrafung der Mörder riefen. Und auch mit der Beisetzung war die propagandistische Schlacht noch nicht beendet: Arnstadt wurde in den Folgejahren zum Helden und Märtyrer - Kampfgruppen und Grenztruppen, Schulen und Jugendklubs, Arbeitsbrigaden und Erholungsheime wurden nach ihm benannt.
Neue Erkenntnisse bei der Bundesjustiz
Der Westen blieb unbeeindruckt. Schönfelder und Erices stellen die These auf, dass gerade die "massive und auch plumpe DDR-Propaganda" der Bundesrepublik die Möglichkeit gab, "den Fall rasch zu den Akten zu legen: Den eigenen Überzeugungen widersprechende Hinweise und Fakten konnten als östliche Propaganda abgetan oder ignoriert werden." Ein Bärendienst an der Wahrheitsfindung.
Bereits drei Tage nach dem Schusswechsel schien für die Staatsanwaltschaft Fulda festzustehen, dass das Verfahren gegen den Schützen wegen Notwehr einzustellen sei, wie der Oberstaatsanwalt dem hessischen Justizminister mitteilte. DDR-Hauptmann Arnstadt habe einen "wahrscheinlich gezielten Schuss" auf BGS-Hauptmann Lothar Meißner abgegeben, hatte es im Ermittlungsbericht der Kripo geheißen, und der BGS versicherte, dass sich seine Beamten eindeutig auf Bundesgebiet befunden hätten.

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