"Inkompetent", "tatenlos": Neu veröffentlichte israelische Geheimdokumente zeigen, wie kritisch Geheimdienstler das deutsche Krisenmanagement während des Olympia-Attentats von 1972 sahen - und wie sich Brandt und Genscher wehrten. Doch die Akten geben auch Einblick in die Zerrissenheit der Regierung in Tel Aviv.
Der Anschlag am 5. September 1972 schockierte die Welt: Eine Gruppe palästinensischer Terroristen nahm im olympischen Dorf von München elf Mitglieder der israelischen Mannschaft als Geiseln. Das Drama endete mit einem missglückten Befreiungsversuch durch deutsche Polizisten auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck - elf Israelis, ein Beamter und fünf Mitglieder der Terrorzelle starben.
40 Jahre sind seitdem vergangen, und noch immer sind die Ereignisse von damals nicht lückenlos rekonstruierbar. Erst nach und nach werden geheime Dokumente, Depeschen und Protokolle freigegeben, deren Auswertung mitunter schockierende Details ans Licht befördert. Auf deutscher Seite war es zuletzt der SPIEGEL, dessen Recherchen gravierende Fehler der damaligen Bundes- und bayerischen Landesregierung ergaben. So hatte unter anderem schon am Tag nach der Trauerfeier für die Opfer ein Beamter des Auswärtigen Amts in einer Vorlage für eine Sondersitzung des Bundeskabinetts eine bedenkliche Maxime vorgegeben: "Gegenseitige Beschuldigungen müssen vermieden werden. Auch keine Selbstkritik."
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Wie deutlich man in Bezug auf das Versagen der Deutschen offenbar in Israel wurde, war bisher unbekannt. Doch aus nun freigegebenen Geheimakten aus dem
israelischen Staatsarchiv geht hervor, wie beispiellos kritisch sich der damalige Mossad-Chef Zvi Zamir über die deutschen Sicherheitsbehörden äußerte. Zamir, so steht es in einem der Dokumente, erschien am Abend des 6. September bei Regierungschefin Golda Meir und warf den Einsatzkräften in München Inkompetenz und Tatenlosigkeit vor. Diese hätten "nicht den kleinsten Versuch unternommen", Menschenleben zu retten. Stattdessen hätten die Deutschen "mit allen Mittel versucht, mit den Olympischen Spielen weiterzumachen".
Dem schriftlichen Bericht des Geheimdienstgenerals an die Ministerpräsidentin, auch das geht aus den israelischen Dokumenten hervor, widersprach ein Mann ganz energisch: Innenminister Hans-Dietrich Genscher. Einem Brief an die "liebe Frau Meir" fügte Bundeskanzler Willy Brandt die schriftlichen Einlassungen des FDP-Politikers bei. Genscher beschränkt sich "bewusst auf wenige Korrekturen, […] da ich weiß, dass die Eindrücke jedes Beobachters jener traurigen Vorkommnisse zwangsläufig subjektiv gefärbt sein müssen".
Genscher wirft Mossad-Mann Zamir Unrichtigkeiten und Ungenauigkeiten vor. So sei der Hubschrauberpilot in Fürstenfeldbruck nicht verbrannt. Richtig sei vielmehr, "dass der betreffende Hubschrauberpilot einen Lungendurchschuss erlitt, nicht aber verbrannte". Auch habe er, Genscher, entgegen Zamirs Aussage, "nicht die Leitung des Gesamteinsatzes in München" gehabt.
Fehler auf israelischer Seite
Tatsächlich, so hatten es im Juli Recherchen des SPIEGEL ans Licht gebracht, war auf deutscher Seite wohl ausgiebig geschlampt und vertuscht worden. So habe wenige Tage nach der misslungenen Befreiung der Geiseln am Flughafen Fürstenfeldbruck ein Kriminaloberkommissar 26 im Vorfeld der Spiele ausgearbeitete Krisenszenarien beschlagnahmt. Ein Szenario: der Überfall eines palästinensischen Terrorkommandos auf das olympische Dorf. Bis heute sind diese Dokumente verschollen.
Doch auch auf israelischer Seite wurden offensichtlich Fehler gemacht. Aus den nun veröffentlichten Akten des Staatsarchivs in Jerusalem geht laut der israelischen Zeitung "Haaretz" hervor, dass israelische Behörden im Vorfeld der Anreise der Olympiamannschaft nachlässig für die Sicherheit der Athleten sorgten - und diese schließlich allein auf den Schultern des Sicherheitschefs der israelischen Botschaft in Bonn lastete.
Die Akten, 45 an der Zahl, geben laut "Haaretz" auch einen tiefen Einblick in die Zerrissenheit der israelischen Regierung darüber, wie sie mit dem Anschlag auf die Landsleute durch Palästinenser auf deutschem Boden umgehen sollte. Wie sollte man hart bleiben gegenüber Terroristen, aber gleichzeitig Verhandlungsbereitschaft signalisieren? Und wie konnte der Eindruck vermieden werden, dass man sich in die Belange Deutschlands einmischte, während man gleichzeitig das Leben der Landsleute retten wollte?
Denn die israelische Regierung stand ohnehin vor einem großen Dilemma: die noch immer fragile Beziehung zwischen Israel und Deutschland. Wie sehr sich Ministerpräsidentin Golda Meir darum sorgte, zeigt eine Anekdote, die "Haaretz" aus den Dokumenten zitiert. Demnach habe sich die Regierungschefin mit ihrem Stab sogar Zeit genommen, die israelische Fernsehberichterstattung über das Attentat zu diskutieren. Besonders besorgt war Meir dabei über den Reporter Dan Shilon, den sie für deutschfeindlich hielt und für eine potentielle Gefahr, die Stimmung zwischen Israel und Deutschland nachträglich einzutrüben. Immerhin: Zumindest die Befürchtung bezüglich Shilon entpuppte sich als grundlos.
goe