| Die "großen Drei": Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin (v.l.) posieren nach dem Abschluss der Verhandlungen auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 für ein Erinnerungsfoto. Jetzt freigegebene Dokumente aus dem US-Nationalarchiv legen nahe, dass die alliierten Regierungschefs Roosevelt und Churchill sehr früh darüber informiert waren, dass Stalin für das Massaker von Katyn verantwortlich war - aber aus Rücksicht auf die Allianz gegen Hitler schwiegen. |
22.000 Tote, eine Schuldfrage: Im Zweiten Weltkrieg bezichtigten sich Deutschland und die Sowjetunion, für das Massaker von Katyn verantwortlich zu sein. Jetzt freigegebene Dokumente legen nahe, dass die Alliierten schon früh die Wahrheit kannten - doch die USA und Großbritannien hielten zu Stalin. Von Christian Gödecke
Die Botschaft, die den US-Geheimdienst 1943 erreichte, war verschlüsselt und doch eindeutig. Abgeschickt hatte sie John van Vliet Jr., ein US-Offizier in deutscher Kriegsgefangenschaft, und der berichtete Grausames. Beim Besuch eines Waldstücks im von Deutschland besetzten Westen Russlands, zu dem ihn Wehrmachtssoldaten gezwungen hatten, seien ihm mehrere Massengräber gezeigt worden. Darin: Tausende, teilweise mumifizierte Leichen in polnischen Offiziersuniformen.
US-Hauptmann van Vliet hatte im Mai 1943 den Ort eines grausamen Kriegsverbrechens besichtigt. Im Wald von Katyn waren mitten im Zweiten Weltkrieg insgesamt 22.000 Menschen per Genickschuss hingerichtet worden, die meisten Angehörige der polnischen Intelligenz - Offiziere und Reserveoffiziere, die im zivilen Leben als Anwälte, Lehrer oder Ärzte arbeiteten. Wer aber war für die Morde verantwortlich?
Über Wochen lieferten sich Hitler-Deutschland und Stalins Sowjetunion einen bizarren PR-Krieg um die Schuldfrage. Nachdem deutsche Soldaten die Massengräber im April 1943 entdeckt hatten, klagte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels die Sowjets an. Stalin konterte: Die Nazis selbst hätten das Kriegsverbrechen begangen und versuchten es nun zu vertuschen. Hitler-Deutschland stand international isoliert da - nur die polnische Exilregierung schenkte der Goebbels-Version Glauben.
Überwältigende Indizien für die Schuld der Sowjets
Entscheidend war der Zeitpunkt des Massakers - und den bestimmte der Kriegsgefangene Van Vliet in seiner geheimen Botschaft nach Washington ziemlich genau. Der Zustand der Leichen, schrieb der Hauptmann, habe keinen Zweifel daran gelassen, dass die Ermordeten schon sehr lange tot waren. Zudem hätte er bei der Begehung des Waldes Briefe und Tagebücher in Polnisch gesehen, von denen keines später als Frühjahr 1940 datiert gewesen sei. Überwältigende Indizien für die Schuld der Sowjets, denn die Wehrmacht hatte das Gebiet erst 1941 erobert.
Die USA, das belegen jetzt freigegebene Dokumente des US-Nationalarchivs, mussten die Wahrheit über Katyn spätestens seit jener Botschaft des US-Offiziers John van Vliet Jr. gekannt haben - und einer ebenfalls codierten Nachricht seines Kameraden Donald B. Stewart, der wie van Vliet den Wald bei Katyn besichtigt hatte. Aber warum wurde von US-Seite nie offiziell Zweifel an der sowjetischen Version laut? Schwieg die US-Administration das Kriegsverbrechen tot, um die Anti-Hitler-Allianz mit dem Partner aus dem Osten nicht zu gefährden?
Diesen Schluss jedenfalls zieht Randy Herschaft. Der Autor der Nachrichtenagentur AP, der die Dokumente vor der Veröffentlichung einsehen konnte, schreibt: "Seit langem gibt es die Vermutung, Franklin Delano Roosevelt habe Stalin nicht verärgern wollen - einen Verbündeten, auf den die Amerikaner im Kampf gegen Deutschland und Japan während des Zweiten Weltkrieges setzten." Die Dokumente, so Herschaft weiter, würden diesen Eindruck verstärken. Vertuschung bis in die höchsten Ebenen der US-Regierung habe die sowjetische Schuld in Katyn verschleiert.
Als Beleg führt der AP-Reporter die Botschaften der US-Offiziere van Vliet und Stewart an, die nachweislich in Washington ankamen - aber offensichtlich folgenlos blieben. Zudem wird ein "umfangreicher und detaillierter Bericht" erwähnt, den Großbritanniens Premier Winston Churchill 1943 an Roosevelt geschickt habe. Darin schreibt der britische Botschafter bei der polnischen Exilregierung, Owen O'Malley, laut Herschaft: "Es gibt jetzt jede Menge Belege, die in der Summe große Zweifel an der russischen Version darüber aufwerfen, wer für Katyn verantwortlich ist."
Kuschen vor dem Diktator
Auch die britische "Times" hat die Dokumente ausgewertet - und schreibt über einen weiteren Beleg in den Dokumenten für die mutmaßliche Ignoranz der alliierten Regierungschefs. Dabei geht es um die Forderung der polnischen Exilregierung um General Wladyslaw Sikorski, das Massaker von Katyn durch das Internationale Rote Kreuz untersuchen zu lassen.
Nachdem Stalin gedroht hatte, die Beziehungen zur polnischen Regierung abzubrechen, habe zunächst Roosevelt beschwichtigt. Sikorski habe sich mit seiner Forderung "geirrt". Dann versicherte auch Churchill gegenüber Stalin, er werde "energisch" gegen eine Einmischung des Roten Kreuzes vorgehen.
Wie die offizielle Linie in Sachen Katyn aussah, zeigt die ebenfalls verschlüsselte Antwort des US-Geheimdienstes an Hauptmann John van Vliet. Nachdem dieser angeboten hatte, Informationen über Katyn zu liefern, schrieb eine nicht näher bezeichnete Person zurück: Wenn er die "Katyn-Sache" meine, "sind wir nur an Belegen für eine deutsche Mittäterschaft interessiert".
Laut Izabella Sariusz-Skapska, Präsidentin der Vereinigung der Katyner Familien, belegen die freigegebenen Dokumente, dass die westlichen Alliierten "die genaue Wahrheit" über Katyn kannten. "Aber unter den gegebenen Umständen des Krieges war die Wahrheit einfach unbequem."
goe/AP
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