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1950-1959

Bewegende Ruhrgebiet-Fotos Ach, du lieber Pott


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Ruhrpott-Knipser: Die historische Aufnahme zeigt den Fotografen Rudolf Holtappel auf der Baustelle einer Eisenbahnbrücke über den Rhein in Duisburg, etwa um 1950.

Schäfer vor Schornstein, Kinder, die unter bleigrauem Himmel spielen, gleichzeitig glitzernde Schaufenster in der Innenstadt von Essen: Nirgends lagen Fluch und Verheißung des Wirtschaftswunders so dicht beieinander wie im Ruhrgebiet. Ein bewegender Bildband erinnert nun an längst vergangene Tage im Revier. Von Jörg Diehl


Wie er den Jungen traf, das weiß der Mann nicht mehr. Auch nicht, wer er war. Doch diesen Blick, den Ernst, mit dem der Knirps ihn durch die Linse der Rolleicord-Kamera anschaute, den kann er nicht vergessen. Das schmutzige Gesicht, die abgewetzte Lederhose, der Holzroller, auf dem sich Deutschlands Zukunft vor die Gegenwartskulisse aus Stahl, Rost und Rauch schob - es war das perfekte Bild. "Da habe ich abgedrückt", sagt Rudolf Holtappel.

Holtappel ist ein kleiner, agiler Mann mit wachen Augen und heiterem Gemüt. Der 89-Jährige lebt in Oberhausen, in einer Altbauwohnung, die nicht nur ihm und seiner Frau Platz bietet, sondern auch den Bildern, die er vollkommen unironisch "meine Kinder" nennt. Zehntausende Filme muss er in seinem Leben verschossen haben, er knipste für Prospekte, Broschüren und Zeitschriften, am Theater, im Kaufhaus und Atelier, doch die besten Fotos machte Holtappel auf der Straße.


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Seine schönsten Bilder nämlich erzählen von der Zeit im Ruhrgebiet, als das wirklich noch der sogenannte Kohlenpott war. Als die Männer sechs Tage die Woche unter Tage oder vor den Hochöfen malochten. Als die Kinder in den Trümmern spielten und die Frauen ihre Wäsche in einem Bottich wuschen. Und als der Smog so dicht war, dass man nur an wenigen Tagen im Jahr den blauen Himmel sehen konnte. Der Schriftsteller Paul Schallück notierte 1954: "Werfen wir einen Blick auf unser Land: Da wimmelt und brodelt es, da wird geschafft, geleistet, da ist in Staub-​​ und Schweißwolken die deutsche Tüchtigkeit am Werk. Hämmern, Rattern, Gebrodel bei Tag und Nacht."

So war das im Revier.

Rudolf Holtappels Momentaufnahmen haben jetzt Eingang gefunden in einen opulenten Bildband, den der Filmemacher Wilfried Kaute zusammengestellt hat und der am kommenden Montag im Emons-Verlag erscheint: "Koks und Cola. Das Ruhrgebiet der 1950er Jahre" heißt das Werk, für das der in Duisburg aufgewachsene Herausgeber mehr als 150.000 Negative im Fotoarchiv des Essener Ruhr Museums gesichtet hat. "Ich habe Tage, Wochen, Monate damit zugebracht", sagt der Wahlkölner. "Ich wollte, dass es menschelt."

Bilder Schwarz-Weiß, Alltag grau

Die mehr als 300 Bilder, größtenteils sind es Schwarz-Weiß-Aufnahmen, zeigen alltägliche Situationen im Revier: Die Karawane der VW-Käfer, die sich nach Schichtende auf die Straße schlängelt, Schulkinder in Kniestrümpfen vor einer Trinkhalle, Männer mit runzeligen Gesichtern beim Skat, schwitzende Kumpel unter Tage, Arbeiter in den Fabrikhallen. Es sind bewegende Fotos darunter, die eine Hommage an den kleinen Mann bedeuten und von seinem Kampf um gesellschaftlichen Aufstieg berichten, seinem Optimismus und Durchhaltewillen in einer eigentlich lebensfeindlichen Umgebung.

Da toben Kinder nur wenige Meter von der rauchenden, stinkenden Eisenhütte entfernt, da bläht sich weiße Wäsche im Wind, während sich im Hintergrund die Kohlenschächte abzeichnen, da spazieren Frauen in hellen Kostümen durch einen Park voller Kühltürme und Schlote. Der Dreck und den Rauch und das Gift, das der moderne Betrachter wahrnimmt, scheinen die Menschen auf der Bildern ausgeblendet zu haben. "Wir kamen aus den Trümmern", sagt Fotograf Holtappel, "deshalb war es für uns das Paradies."

Deutlich wird auf den Aufnahmen auch, wie sich die Deutschen, die ihre Schuld und Schande zu vergessen suchten, an das Leistungsprinzip krallten. Es wird in den Fünfzigern zum religiös aufgeladenen Ersatz für Volk und Vaterland. Wir sind wieder wer - das sagen einige und denken viele. Den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 stilisieren sie zum "Wunder von Bern". Christian Graf von Krockow sagt dem SPIEGEL später: "Arbeit ersetzt die Trauerarbeit."

Unverhohlener Materialismus

Doch mit der Schufterei wird nicht nur Altes verdrängt, sondern auch Neues geschaffen. Das Resultat ist eine "stille soziale Revolution", wie der Historiker Axel Schildt den Übergang zur prosperierenden Konsumgesellschaft genannt hat. Schon bald brausen die Westdeutschen in Kleinwagen oder auf Vespas umher. Sie ziehen in Neubausiedlungen, in denen Kühlschränke, Elektroherde und Waschmaschinen allmählich selbstverständlich werden. So zeigt der neue Bildband auch glitzernde Schaufenster der Essener Innenstadt, mondäne Lichtspielhäuser, Modenschauen in der Villa Hügel und üppige Wursttheken.

Der unverhohlene Materialismus der frühen Wirtschaftswundertage, den nicht jeder begrüßt, macht die Bundesbürger aber scheinbar unempfänglich für die Ideen, denen sie in der Vergangenheit erlegen waren, für die Blut-​​und-​​Boden-​​Romantik, Großmachtsfantasien, den Nationalismus. Die Grundstimmung materieller Zufriedenheit habe "mehr als alles andere dazu beigetragen, dass die unruhigen Deutschen zur Ruhe kamen", urteilt der Historiker Hans-​​Peter Schwarz.

Doch trotz des Fortschritts wirken in den fünfziger Jahre noch viele engstirnige Gesetzmäßigkeiten des preußischen Obrigkeitsstaates. Die abgelichteten Ehefrauen tragen daheim Kittel, sie dürfen ohne Zustimmung ihres Gatten weder arbeiten noch ein Konto eröffnen. Erteilt der Herr des Hauses dann zu Letzterem doch seine Zustimmung, gehören indes die Zinsen ihm. Auch das letzte Wort bei der Kindeserziehung hat von Rechts wegen der Herr Vater. Und wer die Ehe bricht, dem droht ein halbes Jahr Gefängnis.

Der Fotograf Holtappel erinnert sich an die Zeit vor allem als eine Ära der optischen Widersprüche. Einzelne Menschen vor gewaltiger Industrie-Kulisse, Kinder und Hochöfen sozusagen, das habe ihn fasziniert. "Diese Romantik gibt es heute nicht mehr." Die neue Welt sei zwar schöner geworden, meint der Motivjäger, aber eben auch glatter und damit langweiliger. "Mich reizt sie nicht mehr."


Zum Weiterlesen:


Wilfried Kaute, Sigrid Schneider: "Koks und Cola. Das Ruhrgebiet der 1950er Jahre." Emons Verlag, Köln 2012, 320 Seiten.

Das Buch erscheint am 17. September 2012. Sie erhalten es im SPIEGEL-Shop.


Debatte

insgesamt 8 Beiträge zur Debatte
Willi Wilhelm am 24. September 2012, 09:47
Dem Herausgeber Wilfried Kaute ist es gelungen, einen ganz herausragenden Bildband mit dem Titel " Koks und Cola" zusammenzustellen. In diesem Bildband lässt sich...

Knut Singer am 14. September 2012, 22:47
Mal eine Frage zu den Foto mit dem "Capitol"-Kino und der Werbung von "Der Dieb in Bagdad":

Ich frage mich die ganze Zeit, wo sich denn der Kinosaal...


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