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1940

Das Schicksal der "Sophie Rickmers" Gefangen in der Palmenbucht


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Peter Kiehlmann/www.ddghansa-shipsphotos.de
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Sommerfrische im Krieg: Wie ein Urlaubsfoto mutet dieses Bild an, das Harald Wentzel und seinen Seekameraden im Frühjahr 1940 am Strand der indonesischen Insel Pulau Weh zeigt. Abseits solcher Musestunden plagte die Männer allerdings die Plackerei auf den Schiffen - und eine diffuse Angst vor den Folgen des Kriegs.

Jagen, fischen, flirten - für die Männer schien es das Paradies: Überrascht vom Kriegsausbruch flüchtete sich Ende 1939 die Besatzung eines deutschen Frachters auf eine kleine Insel vor Sumatra. Doch dann wurde das Tropenidyll von einem Tag auf den anderen zur Falle. Daniel Furth


Alles Ächzen der Schiffsmaschinen war umsonst; trotz voller Fahrt schien ein Entkommen nicht mehr möglich. Der englische Zerstörer war so nah, dass die deutschen Seeleute auf ihrem Frachter die britische Flagge unter der gleißenden Tropensonne auch ohne Fernglas erkennen konnten. Unter den argwöhnischen Augen der Mannschaften drehten die Schiffe bei. Doch als das englische Enterkommando zu Wasser gelassen werden sollte, setzten ein infernalischer Regen und Sturm ein. Die Chance zur Flucht!

Der deutsche Handelsdampfer drehte ab. Mit seinen 14.000 Tonnen Ladung warf sich das Schiff in die meterhohen Brecher. Schon sauste unter tödlichem Geheule eine Breitseite heran, doch die britischen Kanoniere trafen nur die Takelage. Ein Streifschuss. Im Schutze der aufgeworfenen Gischt, hinter dem stürmischen Vorhang aus undurchsichtigen Regenschwaden verschwand der Dampfer mit dem grauen Tarnanstrich aus dem Blick der Briten. Nachdem sich das Wetter beruhigt hatte, konnten die deutschen Matrosen aufatmen: Weit und breit war kein Zerstörer mehr in Sicht. Kapitän Helms hatte es noch einmal geschafft, seine Mannschaft vor einer Gefangennahme zu retten.

Es war Ende 1939, als es zu der dramatischen Begegnung zwischen dem zivilen deutschen Frachter "Sophie Rickmers" und dem englischen Kriegsschiff kam; ein wochenlanges Katz-und-Maus-Spiel lag hinter ihnen. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte die deutschen Seeleute auf ihrer Ostasien-Tour kalt erwischt. Englische und holländische Geschwader kontrollierten den Indischen Ozean. Die Hoffnung der Zivilisten auf eine friedliche Rückkehr in freundlichere Gewässer war gering, zumal der Frachter auf der Flucht Schaden genommen hatte - die Schiffswellenanlage war angeschlagen.

Audienz beim Raja

So schleppte sich die "Sophie Rickmers" zur nahe gelegenen Insel Pulau Weh, einem Eiland nördlich vor Sumatra. Auch die deutschen Frachter "Lindenfels", "Wasgenwald", "Werdenfels" und "Moni Rickmers" harrten dort bereits aus. Aus den Berichten und Aufzeichnungen von Harald Wentzel, dem Dritten Offizier und Funker auf der "Werdenfels", und Heinrich Furth, Schiffsoffizieranwärter auf der "Sophie Rickmers", sollte man in Deutschland erst Jahre später vom Schicksal der Seeleute erfahren, die fern der Heimat vom Krieg überrascht worden und in einem Tropenidyll gestrandet waren.


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Während die anderen deutschen Schiffe im Hafen der kleinen Stadt Sabang ankerten, musste die "Sophie Rickmers" in einer abseitigen Bucht festmachen, da ihre Ladung, die teilweise aus Sprengstoff bestand, als Gefahr gesehen wurde. Auf der Insel selbst war es friedlich. Die niederländische Kolonie bot den Ankömmlingen den Schutz der Neutralität, die koloniale Inselpolizei begnügte sich mit einer kurzen Kontrolle und der örtliche Raja Singhasari, traditionelles Oberhaupt der Ureinwohner, bat sogleich zur Audienz. In seinem reichverzierten Palast empfing er die "Rickmers"-Delegation in großer Gastfreundschaft mit lukullischen Genüssen, Gesang und Tanz.

Urlaubsstimmung wollte trotzdem nicht aufkommen - der Dampfer musste wieder seetüchtig gemacht werden. Es wurde repariert, entrostet, gepönt und kalfatert, und schließlich war die "Sophie" wieder fit für das offene Meer. Auslaufen konnte sie dennoch nicht: Die deutsche Seekriegsleitung befahl das Abwarten in der Bucht. Zwar trugen die Seeleute der Handelsmarine keine Uniform, in Kriegszeiten befanden sie sich jedoch automatisch in einem Wehrdienstverhältnis.

Auf Jagd im Urwald

Die guten Kontakte zur malaiischen Bevölkerung ermöglichten den Seemännern ein paar Mußestunden. Mit kleinen Booten befuhren sie die Küste und Flüsschen im Inselinneren. Ortskundige Führer erschlossen Interessierten Flora und Fauna bis tief in den Urwald hinein, man passierte geschwungene Kapokbäume, endlose Mangrovenwälder und leuchtend weiße bis zinnoberrote Blütenstände. Affen kreischten mit Nashornvögeln um die Wette, Warane und Tigerpythons ließen die Seemänner erschaudern.

Des Abends sorgten chinesische Händler für beruhigenden Nachschub an Tabak und Bier. Jagen und Fischen wurden zu einem beliebten Zeitvertreib der Mannschaften, Wildbret aus dem Urwald und sich in der Bucht tummelnde Haie ergänzten den Speiseplan der Smutjes und lieferten hübsche Trophäen. Durch Handel mit den Besatzungen anderer Schiffe, die weniger Jagderfolg hatten, verdienten sich treffsichere Schützen ein erträgliches Zubrot.

Der Offizier Harald Wentzel etwa verbrachte die unverhofften Urlaubstage zusammen mit einem Kameraden auf der Plantage des chinesischen Bauern Jin-Shu, die sie frei von Wildschweinen hielten. Im Gegenzug bot ihnen die chinesische Familie herzliche Gastfreundschaft und eine Wohnhütte an Land. Von malaiischen Jagdführern lernten die Deutschen die Zubereitung lokaler Speisen, zum Beispiel mit Kokosfleisch und Kräutern gefüllte Waldhühner, die in Ton gehüllt direkt in der Glut im eigenen Saft schmorten.

Liebe und Prostitution

Nicht nur die Tierwelt geriet in das Visier der Seeleute. Schon lange hatte die Besatzung der "Sophie Rickmers" keinen engeren Kontakt mehr mit dem weiblichen Geschlecht, und die traditionell meist nur mit einem Sarong und einer Halskette bekleideten Dorfschönheiten regten die Phantasie der Männer an. Viele der jungen Frauen allerdings waren bereits vergeben, ihre Ehemänner antworteten auf etwaige Annäherungsversuche gern mit dem Dolch. Witwen jedoch sahen in den Deutschen eine kurzfristige Möglichkeit der Existenzsicherung. Der Kontakt mit den Einheimischen ging so weit, dass viele der deutschen Seeleute früher oder später zumindest rudimentäre Kenntnisse der malaiischen Sprache erwarben.

Doch das Paradies auf der Insel war nicht perfekt: Im Horizont drohten immer wieder die Silhouetten der vor der neutralen Zone kreuzenden britischen Zerstörer "Stronghold" und "Tenedos". Eine funktechnisch gut ausgestattete, zivile australische Yacht observierte die "Sophie Rickmers". Radiomeldungen aus allen Teilen der Welt über den aufziehenden Krieg in Europa ließen die Hoffnung der Seeleute, noch heil aus dem Schlamassel rauszukommen, brüchig werden.

In Erwartung eines baldigen Kriegszustands mit den Niederlanden handelten die Schiffsoffiziere mit Raja Singhasari ein Abkommen aus: Wer wollte, konnte in einem Nebengebäude des Palasts seine Wertsachen und Souvenirs verwahren, und sollte sie, sobald die Möglichkeit bestand, wieder in Empfang nehmen. Trotz einiger Skepsis nutzten viele Besatzungsmitglieder der "Sophie Rickmers" das Angebot des Rajas.

In der Falle

Am 9. Mai 1940 verkündete die BBC im Radio die unmittelbar bevorstehende deutsche Invasion Westeuropas. Per Funk erhielt die "Sophie Rickmers" am nächsten Morgen die Bestätigung des Angriffs. Das Schiff befand sich nun also wieder auf feindlichem Terrain. Die Bucht wurde zur Falle. Zwar ordnete die Seekriegsleitung nun an auszulaufen, doch vor der Insel lauerten bereits die Engländer.

Eines stand für die Besatzung fest: Die "Sophie Rickmers" sollte nicht in die Hände des Gegners fallen. Angesichts der prekären Situation befahl Kapitän Helms, alle Vorbereitungen zur Selbstversenkung zu treffen. Als am nächsten Tag ein holländischer Oberleutnant mit einer Militärbarkasse Kurs auf den deutschen Frachter nahm, um ihn zu beschlagnahmen, spielte Helms den Ahnungslosen. Er tat, als ob er vom Kriegsausbruch nichts mitbekommen habe, und gab heimlich das Signal zur Selbstversenkung. Hektoliterweise spülte das sabotierte Hauptventil daraufhin das Meerwasser in den Bauch des deutschen Dampfers.

Um Zeit zu schinden, lud er den Niederländer an Bord auf ein Bier. Erst als die "Sophie" merklich Backbordschlagseite bekam, merkte der, was vor sich ging. Zähneknirschend ordnete er die Evakuierung an. "Es war mir eine große Genugtuung, mein Schiff dem Zugriff des Feindes zu entziehen", schrieb Helms später in einem Bericht. Als Gefangene an Bord der königlich-niederländischen Fregatte "Wega" beobachteten die Deutschen schließlich, wie die türkisfarbene Lagune langsam ihr Schiff verschluckte.

Nachricht vom Raja

Die Seeleute ahnten nicht, dass dieser Moment der Trauer und Niederlage nichts gegen das war, was sie in den folgenden Monaten erleben sollten. Auf fürchterliche Weise rächten sich die Niederländer in den Dschungellagern an den internierten Deutschen für das Wüten der Wehrmacht in ihrer Heimat. Aus der Gefangenenhölle mit Malaria, Durst und Hunger kehrte viele der deutschen Handelsschiffer nie mehr in ihre Heimat zurück.

Diejenigen, die es schafften, trafen erst in den Jahren 1946 oder 1947 nach einer Odyssee über Indien, Kanada und England in Deutschland ein.

Jahre später erreichte sie noch eine erstaunliche, gute Nachricht: Nachdem die Rickmers-Linie 1955 ihre Ostasien-Route wieder aufgenommen hatte, holte ein Schiff der Reederei die im Palast des Raja eingelagerten Besitztümer der "Sophie"-Besatzung ab. Es fehlte kein Stück. Singhasari hatte alle Kisten über den Krieg gerettet und selbst nie angerührt.


Debatte

insgesamt 16 Beiträge zur Debatte
Stephan Fischer am 25. September 2012, 11:01
>Wer sagt denn, dass das ein Schimpanse war? Auf Sumatra, Java und Bali gibts jede Menge Affen-Arten, nicht nur Orang-Utans auf Sumatra und Borneo, sondern auch jede Menge...

Daniel Furth am 25. September 2012, 09:43
>Pulau Weh ist gerade mal etwa 10x12 km (Nord-Süd/West-Ost) groß, dort gibts eigentlich keine per Boot befahrbaren Flüsse.

Haben Sie die Fotos gesehen? Da...


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