| Abenteuerurlaub: Für viele Angehörige der Engineer Aviation Battalions wie Robert Warriner (hintere Reihe, Mitte), hatte der Einsatz in Burma etwas von einem Abenteuer. Sie schliefen in Zelten mitten im Dschungel, Geschichten von Tigerattacken machten die Runde, und gelegentlich trafen sie auf halbnackte Naga-Mädchen. "Es war aufregend", sagt Warriner heute. Ein Jahr nach Kriegsende heiratete er seine Jugendliebe Helen. Sie bekamen drei Töchter. Herman Perry, der verurteilte Mörder und Deserteur hingegen, hatte den Sohn, den seine Naga-Frau zur Welt brachte, nie gesehen. |
Um Kriegsgegner Japan zu schwächen, bauten die USA vor 70 Jahren eine gewaltige Versorgungsstraße durch Burmas Urwald. Hunderte der meist schwarzen Soldaten starben oder wurden von den Weißen so drangsaliert, dass der Rassenhass überkochte. Ein Soldat wurde zum Mörder - und dann zum Dschungelkönig. Von Frank Stern
Robert Warriner ist 22, als er Ende 1943 auf einem Truppentransporter von Newport News in Virginia aus ablegt. Dass der junge Offizier und seine Kameraden sich bald auf einem der blutigsten Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs wiederfinden würden, auf dem britische und amerikanische Dschungelkämpfer zusammen mit eingeborenen Kopfjägern gegen fanatische Kamikaze-Soldaten antraten, ahnt er noch nicht.
Warriner und seine Einheit des 823. Engineer Aviation Battalion sind Bausoldaten, die in Burma eine Straße bauen sollen. Es ist nicht irgendein Projekt, das dort im Dschungel entstehen wird, sondern ein möglicherweise kriegsentscheidendes. Seit Japan im Frühjahr 1942 nach den Philippinen, Indonesien und Malaysia auch Burma überrannt hat, ist China vom Nachschub abgeschlossen. Und fällt China, könnte Japan im Pazifikkrieg noch mehr Truppen gegen die USA aufbieten.
Rettung bringen soll die gigantische Dschungelstraße, nach ihrem Ausgangsort in Indien "Ledo Road" genannt. 15.000 amerikanische Bausoldaten werden dafür in den hintersten Winkel Indiens verschifft, um den Nachschub für die chinesische Armee zu sichern. Direkt hinter den vorrückenden alliierten Verbänden sollen sie durch das Patkaigebirge schlagen. Zwei Drittel von ihnen sind schwarz.
"Die Botschaft kam an"
Die Führung der US-Armee hält schwarze Soldaten aufgrund fehlender Willensstärke für wenig kampftauglich, aber bestens für den Arbeitseinsatz im Dschungel geeignet. Wenn jemand die harten Bedingungen in den Tropen aushält, so die damalige Sicht, dann sie. Schwarze seien widerstandsfähiger gegen Malaria als Weiße und körperlich stärker. Ein ebenso krudes Argument: Im Dunkeln sehen könnten sie auch - im Urwald ein unschätzbarer Vorteil. Die Befehle aber kommen von weißen Offizieren. Second Lieutenant Robert Warriner ist einer von ihnen.
Warriner ist heute 91 Jahre alt und wohnt am Rande von Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico in einer von einer weißen Mauer abgeschirmten Reihenhaussiedlung. Seit seine Frau Helen vor 15 Jahren starb, lebt er dort allein. Den Einsatz in Burma hat er eher als Abenteuer in Erinnerung behalten. War er bis dahin kaum über seine Heimat Wyoming hinausgekommen, fand er sich plötzlich am anderen Ende der Welt wieder.
"Wir waren jung, alles um uns herum war neu und aufregend", erzählt er und legt Fotos auf den Tisch, die ihn und seine weißen Kameraden vor exotischer Kulisse zeigen. Sie schliefen in Zelten, Geschichten von Tigerattacken machten die Runde, und gelegentlich trafen sie auf halbnackte Naga-Mädchen. Soldaten, die das als Angebot auffassten, lernten den ihnen eigentlich wohl gesonnenen Stamm allerdings von einer anderen Seite kennen. "Die Nagas schlitzten sie so auf, dass sie es noch zurück ins Armeelager schafften", berichtet Warriner. "Die Botschaft kam an."
Unter Tigern und halbnackten Mädchen
Für Herman Perry hingegen, Soldat im schwarzen Baubataillon 849, wurde der Stamm der Nagas nicht zur Gefahr - sondern zum Zufluchtsort, nachdem er am 5. März 1944 Lieutenant Harold Cady, einen 28-Jährigen Weißen, erschossen hatte. Es ist eine dieser Geschichten, die entweder schlecht erfunden oder wahr sind. In Perrys Fall ist die Geschichte verbürgt, und sie wirft ein Schlaglicht auf eine Armee, in deren Lazaretten zu jener Zeit noch streng darauf geachtet wurde, dass bei Transfusionen kein schwarzer Blutstropfen in weiße Soldatenadern geriet.
"Wie Sklaven und Sklavenhalter"
Herman Perry war 21, seit Monaten wühlte er sich mit seinen Kameraden durch den Dschungel, sprengte Felsen, baute Brücken, die der nächste Monsun wieder wegriss, versuchte, seine Genitalien vor Blutegeln zu schützen, möglichst keiner Schlange in die Quere zu kommen und sich der unaufhörlichen Moskitoattacken zu erwehren.
"Millionen Moskitos", erinnert sich Robert Warriner. "Die waren das Schlimmste." Diskriminierung aber, sagt er, habe er in seinem Umfeld nicht erlebt: "Wir sind mit unseren schwarzen Soldaten immer gut ausgekommen. Das waren feine Kerle." Dass die Hierarchie der Engineer Aviation Battalions die Rassentrennung aus Amerika eins zu eins in den burmesischen Urwald übertrug, vielleicht fehlten dem jungen Warriner dafür einfach die Antennen.
Herman Perry dagegen hatte ein ganzes Sensorium dafür entwickelt. Schon die Schiffspassage zum Kriegsschauplatz hatte jedem Schwarzen klar gemacht, wo er hingehört: getrennte Quartiere, getrennte Mahlzeiten. Weißen Mannschaften steht das gesamte Deck offen, den Schwarzen, die meiste Zeit im Schiffsrumpf zusammengepfercht, bleibt das Vorschiff. "Es war wie Sklaven und Sklavenhalter", hat es einer der schwarzen Soldaten später beschrieben. "Sie haben die Schwarzen wie Tiere behandelt", wird Perrys Schwester später in einem Interview sagen.
Perry fühlt sich zurückgesetzt, und als ihn Lieutenant Harold Cady wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe festnehmen will, drückt er ab. Oft bedurfte es nur eines kleinen Funkens, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen: 1943 hatte es in den USA bei mehreren Schießereien zwischen schwarzen und weißen Rekruten Tote gegeben.
Suche nach dem Dschungelkönig
Nach den Schüssen auf Cady war Perry geflohen und trotz der größten Verfolgungsjagd, die das US-Militär im Zweiten Weltkrieg in Szene setzte, blieb er lange wie vom Erdboden verschluckt. Irgendwann waren die meisten sicher, dass der Deserteur entweder von einem Tiger zerfleischt worden war oder dass ein paar Nagas an seinem Kopf Gefallen gefunden hatten. Dass ausgerechnet Perry, der daheim in Washington nur durch seinen Schlag bei Frauen aufgefallen war, plötzlich Überlebenstechniken entwickelt haben sollte, die einem Elitesoldaten Ehre gemacht hätten, konnte sich kaum einer vorstellen.
Bis Berichte über einen Schwarzen auftauchten, der bei den Nagas lebte und die Tochter eines Dorfältesten geheiratet hatte. Warriner kann sich gut an die Geschichte erinnern. Der Dschungelkönig, wie er bald genannt wurde, hatte unter seinen schwarzen Kameraden viele Sympathisanten, die ihn auch mit Essen und Waffen versorgten.
Im Juli 1944 aber spürt ein Suchtrupp Perry auf. Beim Versuch zu fliehen, wird er von einer Kugel in der Brust getroffen. Eine Bluttransfusion rettet ihm das Leben. Halbwegs wieder genesen, wird er im September 1944 von einem weißen Militärtribunal zum Tode durch den Strang verurteilt. Im Dezember 1944 allerdings gelingt dem Todeskandidaten erneut die Flucht. Es dauert fast ein Vierteljahr, bis seine Verfolger ihn wieder einfangen können. Am 15. März 1945 wird Herman Perry im Militärgefängnis von Ledo schließlich gehängt. Robert Warriner ist zu diesem Zeitpunkt auf dem Rückweg in die Heimat, ein Jahr später wird er seine Frau Helen heiraten.
Im Juli 1945, kurz vor der japanischen Kapitulation, ist die Straße fertig - doch viel nützt sie nicht. Über sie gelangen nur 6000 Tonnen an Versorgungsgütern nach Kunming in China. Auf der Flugroute durch den Himalaja, sind es dagegen mehr als 70.000.
Wenig später hat der Dschungel die Bulldozernarben zu großen Teilen überwuchert, die Serpentinen sind verschüttet, die Mehrzahl der Brücken von reißenden Flüssen fortgespült. Mehr als 1100 US-Soldaten waren beim Bau der Ledo Road ums Leben gekommen; sie waren in Schluchten gestürzt, unter Felslawinen begraben oder von Wassermassen in den Tod gerissen worden. Die indischen und burmesischen Arbeiter, die beim Bau der Ledo Road umkamen, hat niemand gezählt.
Es war ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg: Im Juni 1942...
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