Zu Hause im Feindesland: Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wohnt die Britin Annie Dröge in Niedersachsen. Von einem Tag auf den anderen bewirft man sie mit Steinen, raubt ihr den Mann, droht ihr sogar mit dem Tod. Doch die Ausgestoßene bleibt - und wird zur Chronistin ihres eigenen Exils. Von Anna Maria Priebe
"Ich bin dick. Ich glaube, selbst wenn ich mich einen Monat nur von Luft ernähren würde, wäre ich immer noch dick. Arthur schreibt mir, dass er so viel abgenommen hat. Ich beneide ihn." Am 14. März 1915 schreibt Annie Dröge diesen Satz in ihr Tagebuch. Ein Jahr später "ist sie so dünn wie noch nie in meinem Leben", sie hat Herz- und Magenprobleme und kämpft um jedes Gramm Brot.
Auch für Annie Dröge ist der Erste Weltkrieg eine Zeit der Entbehrung. In Deutschland ist das Essen streng rationiert, überall kämpfen die Menschen um das Nötigste. Doch die junge Frau hält diesen täglichen Kampf in ihrem Tagebuch fest und wird so zu einer gewissenhaften Chronistin des deutschen Kriegsalltags. Zudem schreibt sie aus einer ganz besonderen Perspektive: Annie Dröge ist Britin.
Die Briten sind während dieser Zeit in Deutschland verhasst. England ist Kriegsgegner, und so werden auch Dröge und ihr Mann in den Augen ihrer Mitmenschen zu Feinden. Die Ablehnung zeigt sich in kleinen Gesten und Gerede, aber auch in Übergriffen. Die Dröges leben zu Beginn des Krieges in Woltershausen, einem kleinen Ort in Niedersachen, wohin sie bereits 1911 aus Großbritannien gezogen sind. Arthur Dröge hat Häuser geerbt, er besitzt unter anderem Anwesen in Königswinter bei Bonn, in Hildesheim und eben in Woltershausen. Hier erlebt das Ehepaar, wie die Aggressionen gegen die britischen Mitbürger zunehmen.
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Den Dröges wird Anfang August 1914 vorgeworfen, sie seien als englische Spione tätig und würden in ihrem Haus Bomben verstecken. "Ich hatte Angst, als ich erfuhr, dass sie uns für Spitzel halten. Unter solchen Menschen, in Zeiten des Krieges, das ist keine gute Position", hält Annie damals fest. Und sie behält recht: Die Telefonleitungen der abgelegenen Villa des Ehepaars werden durchgeschnitten, ein Mob zieht vor das Haus, Steine werden geworfen. "Kommt raus, wir werden euch töten", erinnert sich Annie Dröge an die Rufe in der Nacht. Nur dank eines Bekannten, der in die Luft schießt, lassen sich die aufgebrachten Menschen vertreiben. Mehr als 60 Steine sammeln die Dröges und ihre Angestellten am folgenden Morgen ein.
Annie Drummond war am 25. Juli 1874 im englischen Stockport geboren worden, sie hatte sieben Geschwister, ihre Mutter war früh verstorben. Mit 26 heiratete sie ihre große Liebe Arthur Dröge, den sie in England kennengelernt hatte, Arthur war drei Jahre älter als sie. Auf die Frage eines feindseligen Deutschen, ob ihr Mann nicht Engländer sei, erklärt sie es so: "Er ist genau wie euer Kaiser - deutscher Vater, englische Mutter." Am 6. November 1914 ist das Grund genug für seine Verhaftung. "Innerhalb einer Viertelstunde war Arthur weg. Ich fühlte mich, als würde ich in einem Traum gehen."
Allein im Feindesland
Das Paar ist umgezogen, erst seit wenigen Tagen lebt es in Hildesheim, als Arthur zuerst nach Hannover und später nach Ruhleben, ein Internierungslager nahe Berlin, gebracht wird. In dem Lager auf dem Gelände einer Trabrennbahn wurden bis Kriegsende mehrere tausend männliche britische Zivilisten festgesetzt. Sie sollten gegen deutsche Staatsbürger ausgetauscht werden, die in England interniert worden waren. Annie wird nicht festgenommen, doch sie ist von nun an auf sich allein gestellt. Nur Briefe und Pakete bleiben ihr, um sich mit ihrem Mann auszutauschen. Freunde helfen ihr bei wichtiger Korrespondenz auf Deutsch.
Sie muss sich zweimal am Tag bei der Polizei in Hildesheim melden. "Meine Zeiten sind von zehn bis zwölf am Morgen und von drei bis vier am Nachmittag." Erst ab Februar 1916 muss sie sich nur noch einmal in der Woche melden. Dennoch darf sie sich nicht weiter als drei Kilometer von ihrem Haus entfernen, ihre Post wird von der Polizei gelesen. Von 20 Uhr bis sieben Uhr morgens darf sie sich nicht draußen bewegen.
Trotz dieser Einschränkungen verliert Annie Dröge ihren trockenen Humor nicht. Den langen Weg zu Reisepapieren beschreibt sie am 01. September 1915: "Sie geben einem wirklich das Gefühl, wichtig zu sein." Um von Hildesheim auf ihr knapp 45 Kilometer entferntes Anwesen in Woltershausen reisen zu dürfen, braucht sie eine Erlaubnis, die zu bekommen knapp zwei Wochen dauert. Auch der Bürgermeister von Woltershausen wird informiert, dass sie - mit polizeilicher Erlaubnis - vor Ort ist.
Keine Hoffnung
Annie Dröge hatte mit ihrem Mann zwei Kinder, die allerdings früh starben. So ist sie in Deutschland nach der Verhaftung ihres Mannes allein - mit Ausnahme von Freunden und Angestellten, die ihr zur Seite stehen. Die Frage nach dem Ende des Krieges und der Rückkehr Arthurs beschäftigen sie sehr. "Habe heute einen Brief von Arthur bekommen und er hat immer noch Hoffnung, bald frei zu kommen. Ich habe keine", notiert sie am 10. März 1915. Doch sie sieht auch die Vorteile der fortdauernden Internierung ihres Mannes, denn viele der aus Ruhleben entlassenen Männer im wehrfähigen Alter werden direkt eingezogen. "Ich hatte Besuch von einer Dame, die die Freilassung ihre Bruders erwartet. Sobald er eingebürgert ist, wird er zur Armee gehen. Er ist 34 Jahre alt. Sie wünschte, er wäre in Ruhleben geblieben. Mir tut es nicht leid, dass Arthur jetzt dort ist." (4. Januar 1915)
In den knapp drei Jahren ihrer Quasi-Exils wird Annie Dröge zu einer akribischen Analystin ihrer Umgebung. Essenspreise, Truppenbewegungen, alltägliche Dinge, aber auch ihr Aussehen - alles notiert sie in ihrem Tagebuch.
Schon bald nach Beginn des Krieges werden erste Lebensmittel knapp, im Laufe der Monate gibt es Vieles nur noch über Lebensmittelkarten bis irgendwann selbst auf diesem Weg kaum etwas zu bekommen ist. Gemüse, Fleisch, Kartoffeln, Stoff - es mangelt an allem. "Die Lebensmittelknappheit wird immer ernster, man geht durch die Stadt und bekommt nichts. Und das mit Geld und Karten in der Hand." (25. Februar 1916) Obwohl Annie Dröge sich in einer guten finanziellen Lage befindet, ist ihr das kaum eine Hilfe: "Ich habe einen Haufen Geld, aber bis Montag keine Karten mehr." (11. Februar 1916)
Kein Mosern bei den Deutschen
Mit ihrer Familie in England steht sie in dieser Zeit nur über Briefe in Kontakt. Die Korrespondenz ist schwierig: "Ich habe heute einen Brief von Willie bekommen, er war am 1. April geschrieben worden. Es hat also fünf Monate gedauert." (12. September 1916) Ihr Verhältnis zu den Deutschen, die sie als Britin weiterhin ablehnen, ist während des Krieges gespalten: Sie verurteilt die Anfeindungen, doch auch Bewunderung äußert sie. "Niemand beschwert sich. Diese Einigkeit überrascht mich. Wenn die Engländer auch nur die Hälfte leisten müssten, würden sie stundenlang mosern." (20. April 1915) Sollte dies ein Ergebnis des Militarismus in Deutschland sein, schreibt Annie Dröge, dann könnte man das sicherlich einen Vorteil nennen. "Der Gehorsam so vieler Menschen muss bewundert werden." (19. Mai 1916)
In Hildesheim als Garnisonsstadt kann sie die Auswirkungen des Militarismus hautnah verfolgen. Sie sieht zuerst die jungen Enthusiasten und später die alten Zwangsrekrutierten in den Krieg ziehen - die, wenn überhaupt, als Verwundete zurückkehren. "Unser Klempner wurde heute einberufen. Er hat ein Glasauge und hätte nie gedacht, er würde geholt werden" (8. November 1915). Die Frontverläufe entnimmt sie den Zeitungen und Gesprächen mit Bekannten, notiert alles detailliert. Doch sie weiß: "Ich erhalte so wenig Neuigkeiten, denen ich glauben kann. Wenn man heute eine Sache liest, wird sie morgen widerlegt." (5. Januar 1916)
Im Juni 1916 darf sie ihren Mann schließlich nach 19 Monaten zum ersten Mal in Ruhleben besuchen. Eine weitere Fahrt nach Berlin folgt, bis nach langem Hin und Her im Oktober 1916 feststeht: Die Dröges dürfen ausreisen. "Es sieht aus, als dürfte ich endlich doch gehen. Alle sind erstaunt von der Neuigkeit, freuen sich aber für mich." (22. Oktober 1916) Bis zum 6. Februar 1917 dauert es dann noch, bis die Papiere endlich fertig sind: Annie Dröge reist zurück in ihr Heimatland, wo sie ihren Mann wiedertrifft. Hier enden ihre Aufzeichnungen. Sie stirbt 1940, Arthur 1950. Über ihre Zeit in Deutschland erzählte sie Jahre später: "Es war ein ziemliches Abenteuer."
Zum Weiterlesen:
Annie Dröge: "Diary of Annie's War. The diary of an Englishwoman in Germany durch WW1" (Englisch). Grosvenor House Pub Ltd, 2012, 272 Seiten.
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