| Verletzt im Feindesland: Ein Fallschirmjäger der 17. US Airborne Division trägt am 24. März 1945 während der allierten Luftlandeaktion zur Sicherung der Rhein-Querung einen verletzten Kameraden zur nächstgelegenen Erste-Hilfe-Station bei Wesel. Hinter den beiden hängt ein Fallschirm an einer Überlandleitung. Fotograf Robert Capa war gemeinsam mit den US-amerikanischen Fallschirmjägern abgesprungen. |
Das Foto eines erschossenen US-Soldaten ging um die Welt, doch seine Identität blieb ein Mysterium. 1945 nahm der Fotograf Robert Capa in Leipzig eines seiner berühmtesten Bilder auf. Erst Jahrzehnte später sollte das Geheimnis um den Toten aufgedeckt werden - ausgelöst durch eine Abrissgenehmigung. Von Björn Menzel
Die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht lag gerade einmal sechs Tage zurück, als das amerikanische "Life"-Magazin eine erschütternde Fotoserie veröffentlichte: Die Bilder zeigen eine geöffnete Balkontür in einem Leipziger Wohnzimmer. Draußen sind kaum Blätter an den Bäumen, der Frühling des Jahres 1945 hat gerade erst eingesetzt. Im Türrahmen liegt, sonderbar friedlich, ein junger Soldat in der Uniform der US-Truppen. Über den alten Parkettboden breitet sich langsam, von Bild zu Bild weiter, eine dunkle Flüssigkeit aus: sein Blut. Ein Kamerad robbt zu ihm heran, ein Soldat geht auf den Balkon hinaus und versucht zu erspähen, woher die tödliche Kugel kam.
"Last Man to Die", der letzte Tote, stand unter dem Bild des allein daliegenden, sterbenden Soldaten. Ein bündiger Titel, mit dem das "Life"-Magazin die Sehnsucht nach einem Ende des Krieges auf den Punkt brachte - auch wenn der Sterbende nicht wirklich der letzte tote Soldat des Zweiten Weltkriegs gewesen war: Der Fotograf Robert Capa hatte die Aufnahme am 18. April 1945 gemacht, knapp drei Wochen vor Kriegsende. Während eines Gefechts zwischen Amerikanern und Deutschen hatte er neben dem Soldaten auf dem Balkon hinter einer Brüstung gehockt, als der tödliche Schuss gefallen war. Der Soldat, ein junger Maschinengewehrschütze, war kaum drei Meter von Capa entfernt zu Boden gesackt. Blitzartig war der Fotograf zurück in die Wohnung gesprungen und hatte das Bild aufgenommen, das wenig später um die Welt gehen sollte.
Schon damals war Capa eine Legende: Der 1913 in Ungarn geborene Kriegsfotograf war spätestens mit seiner Aufnahme "The Falling Soldier" von 1936 weltberühmt geworden, dem Foto eines republikanischen Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg, der im Moment der Aufnahme von einer Kugel getroffen zu werden scheint. Das Bild zählt heute zu den Ikonen der Fotografie. Capas Motto "die Wahrheit ist das beste Bild" gilt noch heute als Leitspruch für Dokumentarfotografen rund um den Globus, sein Leben und Werk sind bis ins Detail erforscht. Auch das Bild "Last Man to Die" ist in den vergangenen Jahrzehnten in zahllosen Zeitschriften veröffentlicht, in Fotobänden abgedruckt, auf Ausstellungen gezeigt worden. Und doch konnte eines nie geklärt werden: Wer war der tote Soldat?
Suche nach dem Unbekannten
67 Jahre sollte es nach dem Tod des jungen US-Soldaten dauern, bis seine Identität aufgedeckt wurde. Die Stadt Leipzig hatte 2011 grünes Licht dafür gegeben, das historische Gebäude, in dem Capa seine bedrückende Aufnahme gemacht hatte, dem Erdboden gleich zu machen. Aber eine kleine Gruppe historisch interessierter Bürger, unter ihnen der Kabarettist Meigl Hoffmann und der Landtagsabgeordnete Volker Külow (Die Linke) beschloss, sich dem Abriss in den Weg zu stellen - indem sie die Öffentlichkeit an die geschichtliche Bedeutung des Ortes erinnerten. Doch um die dort entstandenen Fotos Capas und damit das Gebäude wieder in die Medien zu bringen, schien es nur einen Weg zu geben: Sie mussten den Namen des Toten herausfinden.
Die Suche begann am 27. November 2011. Zuerst durchforsteten die Hausretter das Internet nach den Leipziger Capa-Fotos. Unter einigen beim Fotodienst Flickr gefundenen Capa-Aufnahmen stieß Ulf Dietrich Braumann, der Koordinator der Initiative, auf einen möglichen Anhaltspunkt: Unter Pseudonym hatte jemand einen Kommentar zu einem der 1945 in Leipzig entstandenen Bilder gepostet - und erklärte, er kenne einen der darauf abgebildeten Amerikaner. Braumann schöpfte Hoffnung: Vielleicht kannte er auch den toten Soldaten auf ihrem Bild?
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