| Nur Fassade: Im Jahr 1910 ließen sich die ersten Filmproduzenten und Schauspieler im noch verschlafenen Hollywood nieder. Der bekannte Schriftzug in den Hollywood Hills wurde allerdings erst 1923 errichtet und sollte für den Erwerb von Grundstücken werben. 1949 entschied man, die Silbe "LAND" zu entfernen. Brecht fand sich in seinem neuen Exil unter kalifornischer Sonne nicht zurecht. Für ihn war sogar die Schönheit der Natur Teil der hier vorherrschenden Fassade der oberflächlichen Glamourwelt. |
Sommer, Sonne, Miesepeter: Vor 80 Jahren ging der Schriftsteller Bert Brecht ins Exil. Wie viele seiner Kollegen führte ihn die Flucht vor den Nazis sogar bis nach Hollywood. Doch anders als etwa Thomas Mann verhalf ihm Amerika nicht zum Erfolg. Im Gegenteil: Der Deutsche wurde zum "enemy alien". Von Karoline Kuhla
Schlichte, schwarze Striche zeichnen eine zusammengesunkene Figur im weiten Umhang auf einer Bank. Der Mann mit den asiatischen Gesichtszügen blickt gedankenverloren zu Boden. Beliebig ein- und ausrollbar begleitete das Bild "Der Zweifler" den deutschen Schriftsteller und Dramatiker Bertolt Brecht im Exil. Selbst weit entfernt von den Nationalsozialisten war es Symbol für den Zweifel selbst, der mit Brecht reiste. Vor 80 Jahren emigrierte der Schöpfer der "Dreigroschenoper" und landete - in Hollywood.
Als der 35-jährige Brecht und seine Frau Helene Weigel am 28. Februar 1933 mit ihren Kindern Berlin verließen, war die Stadt in Aufruhr. Lichterloh hatte der Reichstag in der Nacht zuvor gebrannt. Für Brecht nur eine letzte Bestätigung für einen bereits gefällten Entschluss. Er wollte weg von den Nazis. 1923 hatten sie die Premiere seines Stücks "Im Dickicht der Städte" im Münchner Residenztheater mit Zwischenrufen und Stinkbomben gestört. Vom Höhepunkt der Verachtung - der Vernichtung seiner Werke bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz - erfuhr er im sicheren Exil aus der Zeitung.
Über Prag und Wien war das Paar mit den Kindern nach Zürich gelangt, wohin auch Kurt Kläber, Lion Feuchtwanger und die Familie Mann geflüchtet waren. Da der Lebensunterhalt dort allerdings kostspielig war, ließ sich die Familie noch im selben Jahr im dänischen Svendborg nieder. Am 8. Juni 1935 bürgerten die Nationalsozialisten den überzeugten Kommunisten Brecht offiziell aus. Bis 1941 zog die Familie weiter nach Schweden, dann nach Finnland. Als im Sommer 1941 immer mehr deutsche Divisionen dort eintrafen, reisten Brecht und seine Familie im Sibirienexpress über Moskau nach Wladiwostok. Im Juni ging es von dort mit dem Schiff gen Amerika.
In Santa Monica, fern der Heimat, herrschte eine friedliche Atmosphäre. Sanfte Hügellinien, Zitronenbüsche, kalifornische Eichen, weiße Gartenmöbel unter Palmen. Doch die Schönheit der Natur provozierte Brecht, für ihn war sie nicht mehr als eine Fassade: "Das war die entsetzliche Idylle dieser Landschaft, die an sich mehr dem Gehirn der Bodenspekulation entsprungen ist, (...) Würde man dort drei Tage das Wasser einstellen, würden die Schakale wieder auftauchen und der Sand der Wüste." Die perfekte Gestaltung der Gärten und Parks war für Brecht Sinnbild des Lebens in Hollywood. Wenn das Geld ausging, verschwand der schöne Schein.
Bald stellte er fest, dass auch die Kunst wie vieles andere in dieser Umgebung nichts als eine Ware war: "Ich suche unwillkürlich an jeder Hügelkette (...) ein kleines Preisschildchen. Diese Preisschildchen sucht man auch an Menschen."
Der Außenseiter
Rund 2000 Schriftsteller hatten während der Zeit des Nationalsozialismus Deutschland und die von den Deutschen besetzten Länder verlassen. Brecht war damit nur ein kleiner Teil des großen Exodus von Intellektuellen, zu denen etwa auch Alfred Döblin, Kurt Weill, Hanns Eisler und Theodor Adorno gehörten. Viele von ihnen fanden sich gut in der amerikanischen Welt zurecht, manche kehrten nie nach Deutschland oder Europa zurück.
Anders der Bedenkenträger Brecht. Für Hollywoods Glamourwelt fehlte ihm jegliches Verständnis. Wie schon in seinen Stücken "Die Mutter" oder "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" beschäftigte er sich auch auf der anderen Seite des Atlantiks mit der Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Ihm lag daran, mit seinen Werken die Gesellschaft zu verändern.
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