| Denk mal: Willy Brandt in einer für ihn typischen Pose. |
"Wie mit Liebe und mit Küssen / Ist's auch mit der Politik / Vor der Wahl muss jeder wissen / Wem er diesmal gönnt das Glück" - mit Sex auf Schallplatten warb die SPD im Wahlkampf 1965 für ihren Kanzlerkandidaten Willy Brandt. Tanja Krienen ergatterte damals bei einem Brandt-Auftritt in Hagen einen der skurrilen Tonträger.
Am 17. September 1965 besuchte ich mit meinen Großeltern - mein Vater arbeitete, meine Mutter werkelte im Haushalt - eine Wahlkampfkundgebung der SPD in meinem Heimatstadtteil Hagen-Eilpe. Der Redner kam aus Berlin, war dort seit neun Jahren regierender Bürgermeister und führte nun seine Partei - deren Vorsitzender er zudem seit einem Jahr war und bis 1987 blieb - zum zweiten Mal in den Bundestagswahlkampf. Sein Name: Willy Brandt.
Kaiser Friedrich III., der großen Hoffnung des liberalen Teiles der Bevölkerung, der im "Dreikaiserjahr" 1888 nach nur drei Monaten Regentschaft an Kehlkopfkrebs verstorben war, hatten die Eilper Bürger 1899 ein Denkmal gesetzt. Hinter diesem Denkmal schloss sich ein kleiner Park an, der bis zum Marktplatz des Stadtteiles Eilpe (Delstern/Selbecke) reichte. An diesem Platz stand die ,,Lange Riege", eine über 300 Jahre alte Aneinanderreihung von einem halben Dutzend Fachwerkhäuser. Die Kulisse zwischen dem alten Friedrich III-Denkmal und der "Langen Riege" war Schauplatz des Auftritts Willy Brandts, eine Umgebung allerdings, die an diesem heißen Spätsommertag von den vielen Menschen kaum wahrgenommen werden konnte, zu eng standen die Masse hier beisammen.
Spiel mit Willy Brandts Sex-Appeal
Volksfestcharakter sozialdemokratischer Prägung bildete den Rahmen des Spektakels, Blasmusik, verschwitze Männer mit weißen Nylonhemden, hemdblusenkleidertragende Frauen, die Kinder noch kurz geschoren. Betrunkene sozialdemokratische Lokalmatadore schwirrten herum, verteilten Plastikschallplatten mit stimmungsvollen Werbeliedern, die unverhohlen auf das sexuelle Image des Kanzlerkandidaten anspielten. Die Titel, komponiert von Klaus-Günter Naumann und vorgetragen von Werner Hass und den "Monacos", lauteten "Alle drücken ihm den Daumen" und ",Einmal muss man es probieren"
Der Text von "Alle drücken ihm den Daumen" lautete wie folgt:
Schöne Mädchen gehen nicht mit jedem Mann
Nur mit einem, den man wirklich liebt
Nur mit dem, der etwas tun und nicht nur reden kann
Und der weiß, was Mädchen sich wünschen
Er sichert sich den Platz
In den Herzen - für ihn gibt's keinen Ersatz
Kluge Mädchen wählen doch nicht jeden Mann
Nur den Mann aus der Berliner Luft
Nur der Mann, der zeigt, dass er noch mehr als reden kann
Wenn Sie Ihre Stimme ihm schenken
Kommt auf den ersten Platz
Unser Willy! - für ihn gibt's keinen Ersatz.
Er schafft es, weil man ihm den Daumen drückt
Ja endlich ist dann der Richt'ge dran
Wenn es ihm glückt, ist keiner mehr bedrückt
Ja er allein ist der richt'ge Mann
Dann kam der Refrain:
Alle drücken ihm den Daumen
Alle wünschen ihm von Herzen Glück
Alle haben wir vertrauen
Dass ihm unbedingt
der Erfolg gelingt - er ist unser bestes Stück
Er schafft es, weil man ihm den Daumen hält
Man braucht in Bonn etwas von Berlin
Was uns gefällt - ein Stückchen große Welt!
Wir wählen Willy! Wir wählen ihn!
Auch die B-Seite "Einmal muss man es probieren" schlug in die gleiche Kerbe und spielte mit allerlei Klischees:
Jedes Mädchen, das muss wissen
Es blüht einmal nur der Mai
Was man da versäumt an Küssen
Ist für alle Zeit vorbei.
Darum wartet nicht so lange
Auf den allerersten Kuss
Frisch gewagt und keine Bange
Zieht daraus den weisen Schluss
Und so ist's auch mit der Ehe
Früh gefreit hat nie gereut
Ist der richt'ge in der Nähe
Habt den Mut und seid gescheit
Denn wer allzu lange wartet
Der verpasst die schönste Zeit
Wer nicht früh genug gestartet
Dem tut's später sicher leid
Wie mit Liebe und mit Küssen
Ist's auch mit der Politik
Vor der Wahl muss jeder wissen
Wem er diesmal gönnt das Glück
Und da alles Alte
Heute abgetakelt und passé
Drum probieren kluge Leute
Dieses Mal die SPD
Refrain:
Einmal muss man es probieren
Einmal steht man vor der Wahl
Einmal muss man es riskieren
Es gelingt ein für alle Mal.
Einmal muss man es probieren
Keine Angst es wird schon gehen
Einmal muss es ja passieren
Nachher ist es noch mal so schön!
Beginn der Bindung an die Arbeiterbewegung
Dann war er plötzlich da. Umjubelt, gefeiert, sehr häufig unterbrochen von Beifall: Willy Brandt, die große Hoffnung der Sozialdemokratie, mit dem die SPD endlich an die Regierung gelangen wollte. Doch das Wahlergebnis brachte zunächst wieder eine CDU/FDP-Koalition unter der Führung des Adenauer-Nachfolgers Ludwig Erhard an die Regierung.
Diese brach jedoch im darauf folgenden Jahr zusammen, und in die Große Koalition unter CDU-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger trat Willy Brandt als Außenminister ein. Es war der Beginn des Machtwechsels, der sich 1969, drei Jahre später, bei der nächsten Bundestagswahl vollzog.
Die Begegnung mit Willy Brandt 1965 am Kaiser-Friedrich-Denkmal in Eilpe begründete meine emotionelle Bindung an die Arbeiterbewegung, mit der ich mich nahezu dreieinhalb Jahrzehnte verbunden fühlen sollte.