Über einestages

1946

Meine erste Heuernte Pferde im Funkenregen


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Johann Schumacher Ferdinand Philipp Keuter
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Heuernte mit Wolfgang: Traktoren ersetzen Pferde bei der Heuernte. Die Aufnahme entstand 1958 auf einem Bauernhof in Schwickershausen.

Wetzen, Dengeln, Rechen: Nach dem Krieg war die Heu-Ernte noch eine kraftraubende Angelegenheit, die oft von Hand erledigt werden musste. Ferdinand Philipp Keuter war als Kind dabei - und erlebte, wie es dabei fast zu einer Katastrophe gekommen wäre.


Im Sommer 1946 stand das Gras auf den Wiesen in voller Blüte. Meine Großmutter, die mir vorkam wie eine Wahrsagerin, weil sie anhand genauer Beobachtungen ihrer Umwelt das Wetter vorhersagen konnte, hatte schon mähen lassen - und so lag ich in einem Heuhaufen auf der Wiese und sah zu, wie die Sommerwolken über den Himmel zogen. Dass das duftige Bett, auf dem ich lag, viel Arbeit gemacht hatte und noch machen würde, ahnte ich höchstens. Ich hatte die Quälereien, die das Heumachen mit sich brachte, noch nicht am eigenen Leib erfahren müssen.

Noch bis weit in die vierziger Jahre war die Heuernte für viele Bauernfamilien eine äußerst anstrengende Arbeit. Zwar gab es die ersten von Pferden gezogenen Mähmaschinen, aber nur die wohlhabenden Grundbesitzer konnten sie sich leisten. Die meisten Wieseneigentümer im Dorf Wennigloh, in dem meine Großmutter lebte, mussten nach dem Krieg ihr Gras mit der Sense mähen und mit der Harke von Hand wenden. Viele Arbeitskräfte wurden dafür benötigt, so dass die Familien des Dorfes einander häufig aushalfen.

Während der Heuernte war der kleine Ort erfüllt von der Musik des Dengelns. Denn die Schnitter brachten nur dann gute Ergebnisse, wenn die Sensen scharf warfen. Jeder Bauer hatte auf seinem Hof einen Dengelstock, meist aus Holz, in dem ein Dengeleisen befestigt war. Die Sense wurde beim Dengeln mit der Schneide auf das schmale Dengeleisen gelegt und mit dem ebenfalls abgerundeten Dengelhammer dünn ausgezogen. Je dünner das Sensenblatt, desto besser schnitt es. Das Dengeln war eine Kunst für sich. Außerdem musste während des Mähens die Sense öfters gewetzt werden. Dazu hat jeder Mäher einen Wetzstein dabei, der während des Mähens in einem mit Wasser gefüllten Kuhhorn am Gürtel getragen wurde, damit er stets feucht blieb.

Der Arbeitstag begann für gewöhnlich schon im Morgengrauen. Gegen zehn Uhr erwarten die hungrigen Schnitter die guten Geister aus der Bauernküche. Dick mit Wurst belegte Schnitten und heißer Muckefuck aus der Blechkanne waren zu dieser Zeit das Größte. Nach der Stärkung ging es wieder an die Arbeit. Das Gemähte wurde wieder auseinandergezogen und von Hand mit Heugabeln zum Trocknen ausgebreitet. Um den Tau in der Nacht abzuwehren, kam der Schnitt bis in die Frühe wieder auf lange Reihen. An den nächsten zwei bis drei Tagen war es die Arbeit der Frauen und Kinder, das Heu zu wenden. Bei schlechtem Wetter musste das mehrmals täglich erledigt werden. Sobald das Gras ausreichend getrocknet war, wurde es zusammengerecht und dann auf einen Leiterwagen verladen und in die Scheune gebracht.

Bei einem der Bauern war es schließlich soweit. Das Heu war trocken und reif für den Transport in die Scheune. Er ging mit seinen zwei Pferden, die den Leiterwagen zogen, durchs Dorf zur Wiese. Auf dem Wagen saßen einige Dorfkinder, die sich den Spaß nicht nehmen ließen, ihre Beine durch die Leitersprossen baumeln zu lassen. Währenddessen rechten einige Frauen das Heu in langen Reihen zusammen. Die Rechen hatte der Bauer im Winter selber hergestellt. Zwischen den einzelnen Heureihen fuhr er den Erntewagen hindurch. So konnte das Heu von zwei Seiten aus mit der langstieligen dreizinkigen Heugabel hinauf gereicht werden. Wer das Hochgabeln übernahm, musste sehr kräftig sein. Die Frauen unternahmen es lieber, die ganze Wiese noch einmal nachzuharken, damit auch ja nichts verloren ging.

Das Laden war eine komplizierte Angelegenheit. Zuerst wurde der Wagen bis zur Leiterhöhe gefüllt. Erst dann begann der eigentliche Ladevorgang, bei dem das Heu bis zu fünf Meter hoch aufgeschichtet wurde. Gesichert wurde die Ladung mit einem langen Holzstamm, der obenauf festgezurrt wurde. Dann ging es an die Heimfahrt. Ein beschwerlicher Transport, wegen des holprigen Feldwegs, der steil bergauf ging und mit großen Steinen übersät war.

Die zwei Pferde des Bauern gaben ihr Bestes, aber bald kamen sie aus dem Tritt. Ihre Hufe fanden keinen Halt mehr am Hang. Die Funken stieben auf dem Schotter und der Wagen rutschte zurück. Die Feststellbremse für die hinteren Räder versagt, die Feldarbeiter eilten von den nahegelegenen Wiesen herbei, weil sie das drohende Unheil erahnten. Sie schrien und schwitzen, aber der Wagen rutschte noch immer.

Niemand durfte sich mehr hinter dem Wagen aufhalten. Es war viel zu gefährlich. Des Bauern einzige Sorge galt nur noch seinen Pferden. In der Not griff er einen armdicken Ast vom Wegrand und warf ihn in die Speichen eines Hinterrads. Der Strahlreif erzeugte noch einen letzten großen Funkenregen.
Dann wurde der Wagen langsamer und kam schließlich zum Stehen. Rösser und Menschen waren schweißgebadet. Alle atmeten auf. Mit zwei zusätzlichen Pferden eines anderen Bauern ging es später vierspännig zum Dorf und schließlich in die Scheune. Ernte und Tiere waren gerettet.

Hinterher stand fest, dass der Leiterwagen für die Strecke viel zu schwer beladen war. Wie meist im Leben hatten es die Anderen natürlich von Anfang an gewusst.


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