Über einestages

1990

Geisel im Golfkrieg "Die können uns nicht einfach an die Wand stellen"


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Zuversichtlich durch den Sturm: Ihr Land ist besetzt, sie sind geflohen. Kuwaitische Soldaten fahren am 13. November 1990 auf einem russischen Schützenpanzer durch einen Sandsturm in der Wüste des Nachbarlandes Saudi-Arabien. Auch wenn sie ihre Waffen wie nach einem siegreichen Gefecht in die Luft strecken - bis die irakischen Besatzer ihre Heimat wieder freigeben, dauert es noch drei Monate.

Kampfjets am Himmel, Schusswechsel auf offener Straße: Hautnah erlebte Carl-Otto Klermund 1990 den irakischen Einmarsch in Kuwait. In den Irak verschleppt diente der deutsche Manager als menschlicher Schutzschild für Saddams Waffenfabriken. Auf einestages erinnert er sich an die dramatischen Wochen.


An diesem Morgen wurde ich gegen 4 Uhr geweckt - ein Kollege rief an: "Bei mir an der Gulf Road fahren irakische Panzer." Wenig später donnerten Kampfjets im Tiefflug über das Wohngebiet in Kuwait-Stadt, ihnen folgten Transporthubschrauber. Aus der Ferne hörte ich Geschütze, irgendwo mussten Granaten eingeschlagen sein. Der Lärm schien von weiter herzukommen, vermutlich vom Stadtrand. Ich versuchte, meine Familie in Deutschland anzurufen, aber eine Verbindung ins Ausland war nicht möglich. Etwas Bedrohliches war im Gange.

Das Leben in Kuwait war bis dahin sehr angenehm. In der konfliktreichen Nahostregion galt das Emirat als stabiler, wohlhabender Staat. 1988 war ich als Vertriebsleiter für Siemens nach Kuwait-Stadt gekommen und fühlte mich hier wohl. In der Stadt gab es eine große deutsche Gemeinschaft aus Geschäftsleuten, Lehrern und Mitarbeitern deutscher Unternehmen, die oft gemeinsam feierten oder Wüstenpicknicks veranstalteten. Als Ausländer ließ es sich gut leben in Kuwait. Bis zu jenem 2. August 1990.

Die Presse hatte in letzter Zeit viel von Grenzstreitigkeiten zwischen Kuwait und Irak berichtet. Allerdings hatte sich der kuwaitische Kronprinz am Tag zuvor mit Vertretern der irakischen Regierung im saudi-arabischen Dschidda getroffen. Nach der Konferenz war verlautet, dass die Krise nun beigelegt sei. Beruhigt war ich ins Bett gegangen und wie viele andere der Meinung: Da passiert jetzt nichts mehr. Und nun das.

Turnschuh-Soldaten

Als der Geschützlärm zunahm, wuchs meine Unruhe. Ich rief in unserem Kuwaiter Büro an. Ein Wachmann sagte mir, dass sich irakische Truppen durch das Industriegebiet bewegten, sie hätten das Postamt und die Polizeistation besetzt. Mein Kollege und ich beschlossen, dennoch ins Büro zu fahren. Möglicherweise könnte man von dort noch ins Ausland telefonieren. Außerdem wollten wir Pässe und Wertsachen aus dem Firmen-Safe holen.

Auf dem Weg dorthin herrschte Chaos: Rauchsäulen standen über der Stadt, am Straßenrand lagen ausgebrannte kuwaitische Polizeifahrzeuge und zerschossene Panzer. Überall war irakisches Militär unterwegs - von kuwaitischen Truppen keine Spur.

Die irakischen Soldaten - ich schätzte die meisten auf 40 bis 50 Jahre - waren schlecht ausgerüstet. Ich musste an meine Bundeswehrzeit denken, an Gefechtshelm, Stiefel, Kampfanzug. Aber diese Iraker? Sie trugen Turnschuhe und T-Shirts und hatten Mützen statt Helme auf dem Kopf - sie sahen nicht aus wie eine Invasionsarmee. Sie machten einen hilflosen Eindruck.

Später erfuhren wir, dass viele der irakischen Soldaten offenbar gar nicht wussten, dass sie in Kuwait waren. Um sie zu motivieren, sei ihnen erzählt worden, sie marschierten in Israel ein.

"Die Lufthansa holt euch raus"

Auch im Büro waren die Telefonleitungen tot. Mein Kollege und ich nahmen Dokumente und Bargeld aus dem Tresor. Bevor wir gingen, verrammelten wir die Türen mit Möbeln, in der Hoffnung, dass so niemand in unserer Abwesenheit die Räume betreten würde. Vergeblich, wie sich später zeigte.

Auf der Rückfahrt zur Wohnung wurde es brenzlig. Auf der Fifth Ring Road, einer der Hauptverkehrsadern in Kuwait-Stadt, bemerkten wir ein knatterndes Geräusch. Ich dachte zunächst, ein Reifen wäre geplatzt. Tatsächlich aber waren wir in einen Schusswechsel geraten. Nach diesem Erlebnis beschlossen wir, gemeinsam in einem Haus zu bleiben und dieses nicht mehr zu verlassen.

Ich hatte Angst. Wie konnte man sich schützen? Was ist, wenn nun auch noch Luftangriffe folgten? Bunker oder Keller gab es nicht. Mein zweiter Gedanke: Wie kommen wir hier weg? Die Grenze zu Saudi-Arabien war schwer passierbar, zumal für Ausländer ohne Visum. Einige, so hatten wir gehört, sollen es dennoch geschafft haben, mit Hilfe von Beduinen die Wüste zu durchqueren. Die Deutsche Botschaft in Kuwait-Stadt aber wies uns per Telefon an: "Bleibt in euren Häusern, wartet bis das Chaos vorbei ist und irgendwann kommt die Lufthansa oder Luftwaffe und holt euch raus."

Mit etwa einem Dutzend in der Stadt verbliebenen Kollegen zogen wir gemeinsam in ein Haus, wo wir über Wochen ausharrten. Ein indischer Mitarbeiter versorgte uns mit Essen - wir Europäer sollten uns auf der Straße besser nicht mehr zeigen, erfuhren wir über die Deutsche Welle. Immer wieder waren Schießereien zu hören. Jede Nacht teilten wir eine Wache ein, die im Garten auf verdächtige Geräusche und Personen achtete.

Barfuss bei Elitetruppen

Am Morgen des 12. September klingelte es an der Tür: Es waren Soldaten der Republikanischen Garde, irakische Elitetruppen. Auf der Suche nach kuwaitischen Widerstandskämpfern hatten sie das Wohngebiet durchkämmt. Nun hatten sie uns entdeckt.

Keiner von ihnen sprach Englisch. Der Trupp durchsuchte das ganze Haus - und zog nach ein paar Minuten wieder ab. Wir waren erleichtert, die Sache schien überstanden. Doch es war nur die Vorhut. Eine Viertelstunde später kamen erneut Soldaten, schossen mit ihren Kalaschnikows in die Decke und wollten wohl damit zeigen, wer Herr im Hause war. Wir mussten raus, barfuss standen wir auf der Straße.

Auf Jeeps ging es nun quer durch die Stadt: Zur alten Irakischen Botschaft, dann zu verschiedenen Kommandostützpunkten, wo man uns aber offenbar nicht wollte. Die Iraker schienen nicht genau zu wissen wohin mit uns. Schließlich hielten wir an einer besetzten kuwaitischen Polizeistation, und ein irakischer Offizier hielt eine propagandistische Rede: Der Irak hätte den Krieg nicht gewollt, alles sei die Schuld der Amerikaner. Was die Iraker nun von uns Deutschen wollten und warum wir hier waren, sagte er nicht.

Unter Bewachung wurden wir in ein Kuwaiter Hotel gebracht und nach zwei Nächten mit einem Reisebus in den Irak gefahren. Wir kamen nach Bagdad, in das Hotel Mansour Melia. Für uns eine Art goldener Käfig: Die Zimmer waren bequem, es gab gutes Essen. Am Morgen trafen wir auf Ausländer, die in Bagdad lebten und zum Tennisspielen auf die Hotelanlage kamen. Besuch bekamen wir auch von Mitarbeitern der Deutschen Botschaft im Irak. Von ihnen erfuhren wir, was uns erwartete: Wir wären nicht die ersten Ausländer, die auf militärische Einrichtungen im Irak verteilt würden - als "menschliche Schutzschilde" gegen mögliche Luftangriffe.

Kalter Hammel im Munitionslager

Nach zwei Tagen wurden wir von Militärs abgeholt. Ein deutscher Kollege und ein Franzose fuhren mit mir in eine Munitionsfabrik in die Wüste. Dort wurden wir in den Baracken der Bauarbeiter untergebracht. Neben unseren Bewachern gab es dort auch stets einen Dolmetscher, oft waren es Lehrer. Zwischen ihnen und uns entstand eine beinahe vertrauliche Beziehung. Einer der Dolmetscher entschuldigte sich sogar für die Situation, in die uns sein Land gebracht hatte.

Die irakischen Militärs hatten so etwas wohl geahnt: Etwa alle zwei Wochen wurden wir deshalb an einen anderen Standort verlegt, die Geiselgruppen immer wieder gemischt. So kam ich auch noch in ein Forschungszentrum für biologisch-chemische Kampfstoffe und ein Munitionslager.

Die Verpflegung war wenig abwechslungsreich: Immer wieder gab es Hammel, zähen, kalten Hammel, dazu zerkochtes Okra-Gemüse. Während dieser Zeit nahm ich erheblich ab. Belastender aber war diese Ungewissheit. Außer einem kleinen Weltempfänger hatten wir keine Informationsquelle. Die Iraker zwangen uns, jeden Tag die englischen Nachrichten des Bagdader Fernsehens zu gucken, eine reine Propagandasendung. Ein Engländer rastete dabei eines Abends aus. Er schrie: "Ich höre mir diesen Mist nicht mehr an" - und kam in Einzelhaft.

Jubel in der Chartermaschine

Die Iraker erlaubten uns schließlich, Briefe nach Hause zu schicken. Ich versuchte, mich auf diese Weise mental fit zu halten, manchmal schrieb ich Tage lang. Da wir uns auch sportlich betätigen wollten, steckten wir innerhalb unseres eingezäunten Geländes mäanderartig einen Laufparcours ab, dort joggten wir über Stunden.

Ich dachte, wenn es keinen Krieg gibt, kommen wir hier wieder raus. Wir waren Geiseln eines Staates - das ist immer noch etwas anderes, als von irgendeinem Terroristen im Gebirge verschleppt zu werden. Ich war in dem Glauben, da sei noch etwas wie Struktur und Ordnung, die können uns nicht einfach an die Wand stellen und erschießen.

Im Radio hatten wir gehört, dass sich Altkanzler Willy Brandt für die Geiseln im Irak einsetzte - und waren umso deprimierter, als wir dann nicht zu den Freigelassenen gehörten. Wir bekamen auch mit, dass die Uno ihre Ultimaten verschärfte. Wie würde der Irak reagieren?

Am 22. November brachte man uns nach Bagdad. Der Irak gab offenbar nach. Mit zwölf anderen Deutschen wurde ich am Tag darauf zum verdunkelten, menschenleeren Bagdader Flughafen gefahren. Dort wartete eine Schweizer Chartermaschine auf uns. Wir konnten nicht glauben, dass wir frei waren. Erst als der Pilot nach einer halben Stunde Flugzeit sagte, dass wir den irakischen Luftraum verlassen hätten, brach im Flugzeug Jubel aus. Da wussten wir: Jetzt ist es vorbei.

Rechtzeitig, wie sich zeigte. Am 17. Januar leiteten die Alliierten mit heftigen Bombenangriffen auf den Irak die "Operation Wüstensturm" und damit die Befreiung Kuwaits ein.

Aufgezeichnet von Eike Frenzel.



In Deutschland gab es zahlreiche Proteste gegen den Golfkrieg. Waren Sie dabei und haben Sie auch demonstriert? einestages sucht Ihre Bilder und Geschichten.


Debatte

insgesamt 2 Beiträge zur Debatte
Martin Klein am 1. August 2011, 17:59
Ich hab den Einmarsch in Kuwait als Konsul an der österreichischen botschaft in Bagdad erlebt. Als unser Bundespräsident Waldheim damals die Österreicher abholen...

Michael Schnickers am 4. August 2010, 01:09
Sehr interessanter Artikel.
Damals hingen Plakate in den Straßen, auf denen ein gütig scheinender Diktator Saddam Hussein einem verängstigten Jungen die Wange...


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