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1969

Aufklärung mit "Bravo" Ein Doktor Sommernachtstraum


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Der Knigge für Verliebte: Die "Reise ins Wunderland der Liebe" wurde Anfang der Sechziger eingeführt und war der Vorläufer zu Dr. Sommer.

Krumme Penisse, Fellatioprobleme oder Verhütung per Mondscheinmethode: Bei Dr. Sommer in der "Bravo" konnte Deutschlands Nachwuchs ab 1969 alles über eine geheimnisvolle Sache namens Sex erfahren. einestages-Kolumnist Philipp Kohlhöfer erinnert sich an seinen Erstkontakt mit dem Aufklärungsorgan - dessen Besitz irgendwie auf coole Art gefährlich war.


Das Thema Jugendgewalt ist in letzter Zeit ja ziemlich en vogue. Das hat, wie wir alle wissen, unterschiedliche Ursachen. Zum Beispiel die Vernachlässigung durch die Eltern. Aber wann hat das alles angefangen? Mit der "Bravo"! Meiner Meinung nach war die Erlaubnis zum Kauf des Jugendmagazins die abgeschwächte Vorform dessen, was heute der Wurf eines Kleinkindes aus einem Hochhaus-Fenster in einem sozialen Brennpunkt irgendeiner x-beliebigen deutschen Großstadt ist. Soll heißen: Ein Zeichen von Vernachlässigung durch die Eltern.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich glaube nicht ernsthaft, dass auch nur ein renommierter Medienwissenschafter meine Meinung teilt. Doch ein oder zwei Gedanken ist diese These trotzdem wert. Schließlich hat mein persönlicher "Bravo"-Erstkontakt tiefe Spuren bei mir hinterlassen. Das einzige, was mir aus dem Sommer 1982 in Erinnerung geblieben ist (natürlich neben dem fiesen Sprung von Toni Schumacher ins Gesicht von Patrick Battiston während des WM- Halbfinales zwischen Deutschland und Frankreich), ist nämlich folgendes Bild: ein nacktes Teenagerpärchen unter der Dusche.

Legaler Zugang zu nackten Menschen

Veröffentlicht wurde das einprägsame Foto dieser Szene in eben jenem Jugendmagazin; als Anschauungsmaterial zu den Erklärungen der Herren Dr. Jochen Sommer und Dr. Alexander Korff. Die beiden - beziehungsweise der eine, denn bei dem Duo Sommer/Korff handelte es sich in Wirklichkeit um den Arzt und Religionslehrer Martin Goldstein aus Kaarst bei Düsseldorf - drückten das Thema Sexualität in mein Leben, bevor ich überhaupt wusste, was das sein soll. Und die "Bravo" sorgte mit ihrer Sex-Rubrik für etwas, dass noch keinem Kind zuvor beschieden war: Sie ermöglichte legalen Zugang zu Abbildungen nackter Menschen.

Das ließ die popkulturelle Komponente der "Bravo" natürlich komplett verblassen. Wer kaufte schon ein Heft wegen der Berichte über Nena oder Geier Sturzflug, wenn er auch von krummen Penissen, Fellatioproblemen von Mädchen namens Gabi und Verhütung mithilfe spezieller Mondscheinmethoden lesen konnte. Den Playboy liest ja auch keiner wegen der guten Geschichten.

Zudem hatte der Besitz eines solchen Heftes auch noch eine soziale Komponente: Jeder Besitzer konnte sicher sein, dass ihn innerhalb weniger Minuten mindestens zehn Mitschüler eingekreist hatten, die alle nur auf besagte Seiten sehen wollten. Das Magazin "Bravo" zu besitzen, war, wie Jahre später ein Pornovideo auszuleihen: verrucht, dreckig und auf eine coole Art gefährlich. Schon zehn Jahre zuvor landeten zwei Ausgaben der "Bravo" wegen eines Berichts zum Thema Selbstbefriedigung auf dem Index. In der Begründung für das Verbot beriefen sich die Sittenwächter auf Forschungen, denen zufolge Onanie zu "depressiver Stimmung" und "paranoiden Reaktionen" führen könne.

Kämpfe am Kiosk

Der Zugang zu "Bravo" war in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, allerdings schwierig. 1982 war ich neun Jahre alt. In der Nähe meiner Schule gab es nur einen Kiosk. Und dort hatte man als Neunjähriger wenig zu lachen, da auch die Schüler des Gymnasiums dort einkauften. Es wurde gerempelt und gedrängelt, das Geld musste vorher abgezählt werden - sonst warf die rabiate Verkäuferin Doris ihre jungen Kunden wieder aus dem Laden. Und wenn man doch mal drankam und das Geld abgezählt hatte, galt es schnell zu sein, weil von hinten schon wieder neue Schüler versuchten, den Platz einzunehmen, den man selber gerade hatte. Das führte dazu, dass man sich nicht lange mit der Bestellung einer Zeitschrift aufhalten konnte, sondern bestenfalls "einen Mohnstrudel" hervorpressen konnte bevor man wieder aus dem Laden gedrängelt wurde.

Abgesehen von der Schwierigkeit sich als Kind in einem Verkaufsraum voller 16-jähriger Teenager durchzusetzen, war auch der "Bravo"-Kauf an sich nicht besonders angesagt. Wer wollte sich schon als ahnungsloser Depp in sexuellen Angelegenheiten zu erkennen geben? Die vorherrschende Meinung war, dass man ohnehin alles schon wusste. Ähnlich wie bei Drogen war der Erwerb also strafbar, während der Besitz irgendwie klar ging. Niemand in meinem Alter kaufte "Bravo".

Goethe vs. Genitalien

Nicht einmal nachmittags, wenn sich die Gelegenheit geboten hätte, kaufte einer das Heft. Einerseits hatte man mit neun Jahren andere Sachen im Kopf, wichtigere als Sex (ich für meinen Teil lieferte mir Holzschwertduelle im Wald oder ritt auf Schafen. Letzteres gab ich allerdings bald auf, da man dabei manchmal gebissen wurde). Andererseits wirkte der Erwerb einer "Bravo" in einer kleinen Gemeinde stigmatisierend. Es war der Verkäuferin im Supermarkt natürlich klar, weswegen man das Heft kaufte, und man wusste, dass die Verkäuferin die Mutter kennt oder zumindest eine Arbeitskollegin hat, deren beste Freundin die Mutter kennt. Und außerdem ging die Theorie um, dass Frauen auf dem Land nichts anderes zu tun haben, als den lieben langen Tag über ihre Kinder zu reden, was natürlich Blödsinn ist. Jedenfalls: Meine Eltern und die Eltern meiner engsten Freunde fanden, das "Bravo" aufgrund des geringen intellektuellen Nährwertes nicht in Kinderhände gehört. In unserem Wohnzimmer standen die gesammelten Werke Dostojewskis und recht viel Literatur von Schiller und Goethe. Das Lieblingsbuch meines Vaters war zu dieser Zeit Tolstois "Anna Karenina".

Ich hatte damals überhaupt nur einen einzigen Klassenkameraden, der regelmäßig im Besitz einer "Bravo" war. Damals wankte sein Ansehen zwischen dem eines Psychopathen und dem von Jesus, weil er - erstens - Mitschülern seinen Bleistift in den Arm rammte oder mit Sitzgelegenheiten um sich warf, aber - zweitens - die wöchentliche Dr.-Sommer-Connection hatte. Heißt: Außer einmal in der Woche hatte der Junge kaum Freunde. Doch an diesem einen Tag in der Woche umgab ihn sogar ein Hauch von Lässigkeit. Alle anderen, die sich um ihn herumdrängten und nach neuen Geschichten von Dr. Sommer japsten, nicht.

Doch die Sache hatte einen Haken: Der Mitschüler unterzog alle Interessierten einer strengen Prüfung. Sie mussten zu ihm nach Hause kommen und mit ihm spielen, was bei den gelegentlichen Tobsuchtsanfällen nicht immer angenehm war. Gespielt habe ich natürlich trotzdem mit ihm. Aber heute frage ich mich: Wie konnte ein Neunjähriger überhaupt an ein solches Heft gelangen? Lag es daran, dass er keine sozialen Kontakte hatte? Daran, dass seine Eltern sich nicht genug um ihn sorgten? Waren es vielleicht erste Anzeichen der zerfallenden sozialen Bindungen, selbst in einem idyllischen Dorf wie dem unseren? Werfen die Eltern, die ihre Kinder früher haben "Bravo" lesen lassen, diese heute vom Balkon? Wenn ich an meinen alten Klassenkameraden zurückdenke, sprechen alle Indizien dafür. Wissen kann man das natürlich nicht, es ist nur eine These.

Hatte das Kind wirklich "Titten" gesagt?

Aber welche Funktion erfüllt das Magazin "Bravo" denn dann heute noch, im Zeitalter der Verwahrlosung? Ist Dr. Sommer den süßen Kleinen noch ein Begriff? Um das herauszufinden, beschloss ich nach Berlin zu fahren, in eine Stadt voller armer, kleiner, vernachlässigter Kinder. Ich stieg am Bahnhof Zoo in die U- Bahn, fuhr bis tief in den Osten und wieder zurück und sprach kleine Kinder an. Ich kam mir dabei vor, wie ein Päderast und vermutlich dachten das auch alle Mitreisenden. Im Nachhinein bin ich ernsthaft froh, dass mich niemand von den Kids erstochen oder vor eine Bahn geworfen hat.

Irgendwann stieg eine Horde Kinder ein; ich schätze, sie waren so etwa acht Jahre alt. Ich rutschte nahe an die Gruppe heran. Die Kinder unterhielten sich über Klingeltöne und "World of Warcraft", kurz über die Schule und lange über Kinofilme, überhaupt niemand unterhielt sich über Schafe oder Holzschwertkampf im Wald, aber vielleicht ist das in Berlin auch zuviel verlangt. Im Laufe der Fahrt spaltete sich die Gruppe in Jungs und Mädchen auf. Die Unterhaltung der kleinen Kerle neben mir wurde im Flüsterton fortgesetzt, während die Mädchengruppe mehrmals lauthals lachte. An einem Stopp stieg eine blonde Frau aus, worauf plötzlich einer aus der Jungsgruppe sagte: "Hast du die Titten der Blonden gesehen?". Hatte das Kind wirklich "Titten" gesagt? Hatte es wirklich verstanden, was es da gesagt hat? Darf man das Wort überhaupt zitieren, oder ist das schon sexistisch? Kannte es das Wort von zuhause?

Erziehungsmethoden sind heutzutage ja recht unterschiedlich, und es liegt mir fern, ein Urteil zu einer Situation abzugeben, die ich nicht kenne. Ich kannte das Wort "Titten" bestimmt nicht, ich bin mir gar nicht sicher, ob es das 1982 schon gab. "Hör mal" sagte ich, "du kennst nicht zufällig das Magazin "Bravo"?" und "Hast du 'Titten' da gehört?". Außerdem: "Bist du gewalttätig und vernachlässigt und ist vielleicht die "Bravo" daran schuld?" Der Junge sah mich für einen Moment völlig entgeistert an, dann fing er sich, beschimpfte mich mit einem Wort, das ich nicht zitieren möchte, und sagte, dass ihm "Bravo" scheißegal sei.

Die Pille danach als Verhütungsmittel

So war zumindest der Beweis erbracht, dass das 1956 gegründete Heft einiges an Relevanz verloren hat. Lag die Auflage bis Mitte der Neunziger noch bei etwa anderthalb Millionen Exemplaren, so hat sie sich heute bei knapp über 450.000 eingependelt. Und was das Dr.-Sommer-Team betrifft: In den Achtzigern erreichten 5000 Briefe pro Woche die Redaktion, heute sind es noch knapp 400.

Bei aller Irrelevanz besteht heute vielleicht trotzdem mehr Bedarf an "Bravo", und speziell Dr. Sommer, als je zuvor. Denn noch immer glauben ganze Heere von Teenagern zum Beispiel, "Aufpassen" sei ein wirksamer Schutz vor ungewollter Schwangerschaft. Und jeder vierte Jugendliche hält das Notfallpräparat "Pille danach" für ein Verhütungsmittel. Woher ich das weiß?

Habe ich in der "Bravo" gelesen.


Debatte

insgesamt 4 Beiträge zur Debatte
Marc Meyer am 31. Januar 2008, 12:52
Genau so wie berichtet, habe ich es auch erlebt. Jahrgang 69. Der einzige legale Grund (1981) mehr wie zwei zusammenhängende Ausgaben der Bravo sein Eigen zu nennen, war das...

Marthe Kollmann am 31. Januar 2008, 10:46
Wann werden Deutschlands Journalisten eigentlich merken, daß es siebzehn Jahre nach der Einheit noch ganze Generationen gibt, die nicht dieselben Sozialisationserfahrungen wie...


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