Leck mich doch! Vor 50 Jahren steckte ein spanischer Zuckerbäcker Holzstäbchen in seine Bonbons: Der Lolli war geboren. Hans Michael Kloth versüßten Dauerlutscher die Kindheit im Freibad. Heute kommen sie als Lifestyle-Lollies daher - in denen manchmal der Wurm steckt.
Ich erinnere mich noch genau an das Freibad, in dem ich die Sommernachmittage meiner Schulzeit verbrachte. Reiterspiele im hellblau blitzenden Wasser, Arschbomben vom Drei-Meter-Brett, zu fünft auf einmal die Betonrutsche runter - bis der Bademeister drohte. Danach ausgestreckt auf dem grünen Gras der endlosen Liegewiese oder, besser noch, patschnass auf den brüllend heißen Betonplatten rund um das Becken, dass es dampfte. Kreischende Mädchen in Bikinis, denen man, wenn man sich traute, die Schleifen der Oberteile aufzog. Mackerhafte Jungs, mit denen man im Labyrinth der Badetücher bolzte und Sepp-Maier-Paraden imitierte.
Und dann natürlich der Kiosk. Dort schlug das Herz des Planeten Freibad. Hier konnte man abhängen und anbandeln, durch Großeinkäufe von Süßem zu 5 oder 10 Pfennigen Überlegenheit in Sachen Taschengeldsatz suggerieren. Es roch nach Pommes und verschütteter Cola. Wespen umschwirrten zu Dutzenden die Drahtgeflecht-Papierkörbe voller Papier von Langnese-Eis. Wer in der Schlange stand und vor ihren Stacheln floh, hatte Pech - zurück ans Ende der Reihe mit anderthalb Dutzend pitschnasser, gänsehäutiger Pennäler in ihren Adidas-Badehosen mit aufgenähten Frei-, Fahrten- oder gar Jugendschwimmerabzeichen.
War ich dann dran, kaufte ich meist Lollis. Wenn die anderen längst ihr Eis auf hatten und nach dem nächsten Kick jipperten, schob ich den Stil meines Dauerlutschers noch lange lässig von einem Mundwinkel in den anderen, so wie ich es bei Telly Savalas in "Kojak" gesehen hatte. Der Lolli hing mir fast so cool wie eine echte Fluppe von den Lippen, zudem schmeckte er besser, das hatte ich schon herausgefunden. Mit Lollis, erkannte ich bald, ließ sich auch die Interessiertheit jener rätselhaften Wesen bestimmen, die die anderen Umkleidekabinen benutzten: Ein Mädchen, das einen geschenkten Lolli annahm, konnte man ins Kino einladen. Wenn sie sich überwand, deinen angelutschten Lolli zu kosten, war das praktisch die Verheißung eines Kusses.
Der Burgunder meiner jungen Jahre
Mädchen weckten langsam mein Interesse, schon, aber Süßes irgendwie noch mehr. Die schokoladeumhüllten Lollis mit den Salmis drinnen mochte ich am liebsten, doch sie eigneten sich nicht so richtig für heiße Tage. Schokoschlieren im Gesicht waren superpeinlich und garantierten soziale Stigmatisierung mindestens für den Nachmittag. Die kleinen, roten Kirschlollis mit dem grünen Stil, die tatsächlich fast wie Kirschen aussahen, waren auch lecker. Sie waren vor allem billig, das hatte den enormen Vorteil, dass welche bunkern konnte. Hatte man gedankenverloren einen zerkaut anstatt zu lutschen, war Nachschub parat. Außerdem konnte man sich als multipler Lollibesitzer anschnorren lassen und soziale Kontakte knüpfen, siehe oben.
Ziemlich gut waren auch die klassischen runden, fast pingpongball großen Lutscher im gelb-roten Einwickelpapier. Manche davon schmeckten irgendwie nach Sahne, und wenn man sie schnell und mit genügend Spucke vorne zwischen den Lippen drehte, verbreitete sich ihr wohliges Aroma ganz langsam noch in den hintersten Winkeln des Rachenraumes. Dieser Lolli war der Burgunder meiner jungen Jahre. Man durfte nur nicht beim Lutschen den Pappstil zu sehr aufweichte, das gab sonst einen echten Gänsehaut-Geschmack. Korken in der Flasche, sozusagen.
Natürlich gab es auch richtige Abtörner. Die Lollis mit einer Kaugummikugel innen drin waren schwer umstritten unter uns Kennern. Zuckerwerk in Trillerpfeifenform übte als Neuigkeit sehr kurzzeitig einen gewissen Reiz aus, dann war klar: nur für Babys, also alle in niedrigeren Klassenstufen als wir selbst. Schon weil sie nicht richtig pfiffen. Richtig fies waren die flunderflachen, fünfmarkstückgroßen Dinger in braun (Cola), rot (undefinierbar), gelb (undefinierbar) und grün (angeblich Waldmeister), die in endlos langen, perforierten Klarsichtfolienstreifen verpackt daherkamen, und die meine Mutter uns gelegentlich aus dem Großmarkt mitbrachte. Sie schmeckten künstlich, splitterten leicht und waren innerhalb weniger Minuten weggelutscht.
Die Gabel der Primaten
Angeblich, das habe ich gerade zufällig in einer großen Boulevardzeitung gelesen, ist der Lolli dieser Tage 50 Jahre alt geworden. Ein Spanier soll es gewesen sein, stand da, der Anfang 1958 in Barcelona seine Riesen-Bonbons aus kandiertem Zucker mit einem Holzstäbchen versah. Dass homo sapiens klebrige Naschereien erst vor einem halben Jahrhundert mit einem kleinen Handgriff handhabbar gemacht haben soll - seltsam. Ich hatte Lollis immer eher für das Überbleibsel früher Existenzformen des Menschen gehalten, vom Stil zu lutschen schien mir letztlich als die archaische Vorform des Essens mit Messer und Gabel sei. Stochern nicht selbst Primaten mit Ästen in Termitenhügeln herum, um sie dann genüsslich abzuschlecken?