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1958

Stil-Kunde

Kojak, sein Schnuller und ich


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Der Wurm drin: Amerikanische Hersteller bieten seit den neunziger Jahren Würmer, Maden, Larven, Heuschrecken oder auch Skorpione in Zuckerlutschern an. Über das Internet sind sie überall erhältlich.

Leck mich doch! Vor 50 Jahren steckte ein spanischer Zuckerbäcker Holzstäbchen in seine Bonbons: Der Lolli war geboren. Hans Michael Kloth versüßten Dauerlutscher die Kindheit im Freibad. Heute kommen sie als Lifestyle-Lollies daher - in denen manchmal der Wurm steckt.


Ich erinnere mich noch genau an das Freibad, in dem ich die Sommernachmittage meiner Schulzeit verbrachte. Reiterspiele im hellblau blitzenden Wasser, Arschbomben vom Drei-Meter-Brett, zu fünft auf einmal die Betonrutsche runter - bis der Bademeister drohte. Danach ausgestreckt auf dem grünen Gras der endlosen Liegewiese oder, besser noch, patschnass auf den brüllend heißen Betonplatten rund um das Becken, dass es dampfte. Kreischende Mädchen in Bikinis, denen man, wenn man sich traute, die Schleifen der Oberteile aufzog. Mackerhafte Jungs, mit denen man im Labyrinth der Badetücher bolzte und Sepp-Maier-Paraden imitierte.

Und dann natürlich der Kiosk. Dort schlug das Herz des Planeten Freibad. Hier konnte man abhängen und anbandeln, durch Großeinkäufe von Süßem zu 5 oder 10 Pfennigen Überlegenheit in Sachen Taschengeldsatz suggerieren. Es roch nach Pommes und verschütteter Cola. Wespen umschwirrten zu Dutzenden die Drahtgeflecht-Papierkörbe voller Papier von Langnese-Eis. Wer in der Schlange stand und vor ihren Stacheln floh, hatte Pech - zurück ans Ende der Reihe mit anderthalb Dutzend pitschnasser, gänsehäutiger Pennäler in ihren Adidas-Badehosen mit aufgenähten Frei-, Fahrten- oder gar Jugendschwimmerabzeichen.

War ich dann dran, kaufte ich meist Lollis. Wenn die anderen längst ihr Eis auf hatten und nach dem nächsten Kick jipperten, schob ich den Stil meines Dauerlutschers noch lange lässig von einem Mundwinkel in den anderen, so wie ich es bei Telly Savalas in "Kojak" gesehen hatte. Der Lolli hing mir fast so cool wie eine echte Fluppe von den Lippen, zudem schmeckte er besser, das hatte ich schon herausgefunden. Mit Lollis, erkannte ich bald, ließ sich auch die Interessiertheit jener rätselhaften Wesen bestimmen, die die anderen Umkleidekabinen benutzten: Ein Mädchen, das einen geschenkten Lolli annahm, konnte man ins Kino einladen. Wenn sie sich überwand, deinen angelutschten Lolli zu kosten, war das praktisch die Verheißung eines Kusses.

Der Burgunder meiner jungen Jahre

Mädchen weckten langsam mein Interesse, schon, aber Süßes irgendwie noch mehr. Die schokoladeumhüllten Lollis mit den Salmis drinnen mochte ich am liebsten, doch sie eigneten sich nicht so richtig für heiße Tage. Schokoschlieren im Gesicht waren superpeinlich und garantierten soziale Stigmatisierung mindestens für den Nachmittag. Die kleinen, roten Kirschlollis mit dem grünen Stil, die tatsächlich fast wie Kirschen aussahen, waren auch lecker. Sie waren vor allem billig, das hatte den enormen Vorteil, dass welche bunkern konnte. Hatte man gedankenverloren einen zerkaut anstatt zu lutschen, war Nachschub parat. Außerdem konnte man sich als multipler Lollibesitzer anschnorren lassen und soziale Kontakte knüpfen, siehe oben.

Ziemlich gut waren auch die klassischen runden, fast pingpongball großen Lutscher im gelb-roten Einwickelpapier. Manche davon schmeckten irgendwie nach Sahne, und wenn man sie schnell und mit genügend Spucke vorne zwischen den Lippen drehte, verbreitete sich ihr wohliges Aroma ganz langsam noch in den hintersten Winkeln des Rachenraumes. Dieser Lolli war der Burgunder meiner jungen Jahre. Man durfte nur nicht beim Lutschen den Pappstil zu sehr aufweichte, das gab sonst einen echten Gänsehaut-Geschmack. Korken in der Flasche, sozusagen.

Natürlich gab es auch richtige Abtörner. Die Lollis mit einer Kaugummikugel innen drin waren schwer umstritten unter uns Kennern. Zuckerwerk in Trillerpfeifenform übte als Neuigkeit sehr kurzzeitig einen gewissen Reiz aus, dann war klar: nur für Babys, also alle in niedrigeren Klassenstufen als wir selbst. Schon weil sie nicht richtig pfiffen. Richtig fies waren die flunderflachen, fünfmarkstückgroßen Dinger in braun (Cola), rot (undefinierbar), gelb (undefinierbar) und grün (angeblich Waldmeister), die in endlos langen, perforierten Klarsichtfolienstreifen verpackt daherkamen, und die meine Mutter uns gelegentlich aus dem Großmarkt mitbrachte. Sie schmeckten künstlich, splitterten leicht und waren innerhalb weniger Minuten weggelutscht.

Die Gabel der Primaten

Angeblich, das habe ich gerade zufällig in einer großen Boulevardzeitung gelesen, ist der Lolli dieser Tage 50 Jahre alt geworden. Ein Spanier soll es gewesen sein, stand da, der Anfang 1958 in Barcelona seine Riesen-Bonbons aus kandiertem Zucker mit einem Holzstäbchen versah. Dass homo sapiens klebrige Naschereien erst vor einem halben Jahrhundert mit einem kleinen Handgriff handhabbar gemacht haben soll - seltsam. Ich hatte Lollis immer eher für das Überbleibsel früher Existenzformen des Menschen gehalten, vom Stil zu lutschen schien mir letztlich als die archaische Vorform des Essens mit Messer und Gabel sei. Stochern nicht selbst Primaten mit Ästen in Termitenhügeln herum, um sie dann genüsslich abzuschlecken?


Sie mochten Lollis nicht so gern? Dann haben Sie vielleicht hosentaschenweise Groschen in Kaugummiautomaten versenkt, um an die Schlüsselanhänger zu kommen? Oder erinnern Sie sich noch an Eiscremesorten, die es nicht mehr gibt? Oder was für einen Unsinn Sie mit Brausepulver angestellt haben? Erzählen Sie Ihre kleinen Alltagsgeschichten von damals - auf einestages!
Der Lolli als solcher hat, jetzt wo ich wegen dieser blöden Zeitungsmeldung darüber nachdenke, meine Jugend mehr geprägt, als mir klar war. Überall taucht er irgendwie auf, nicht nur als Kinderdroge in meinem frühen Summer of Love im Freibad. Wenn ich nach den Hausaufgaben endlich fernsehen durfte, drehte ab 18.05 Uhr der lutscherköpfige Kojak schwer sinnierend seinen Schnuller im Mund. Spätabends im Bett, wenn ich im Lichtkegel der Taschenlampe heimlich meine "Lucky Luke"-Hefte zerfledderte, hatten die Dalton-Brüder nicht nur zuverlässig Ketten an den Füssen, sondern auch einen Lolli im Mund - zumindest Averell. Und auf den frühen Klassenfeten tönte aus dem Deckellautsprecher eines billigen Kofferplattenspieler immer irgendwann der unsterbliche Doo-Wop-Song der "Chordettes": "I call him Lollipop, lollipop, oh lolli lolli lolli lollipop..." - pure Verheißung.

Und was für eine Verheißung war auch die bonbonbunte Lutscher-Landschaft, durch die Charlie Bucket und seine Gefährten in Roald Dahls Klassiker "Charlie und die Schokoladenfabrik" vom verrückten Fabrikbesitzer Willi Wonka geführt wurden - wagenradgroße Lollis wuchsen in der Erstverfilmung mit Gene Wilder von 1971 aus dem offenbar fruchtbaren Boden. Überhaupt seltsam, dass Feuilletonisten gern über die kulturelle Bedeutung der Zigarette schwadronieren, aber nicht die des Lollis. Dabei muss man doch nur an die Szene in Howard Hawks "To Have or Have Not" denken, dem Film, an dessen Set sich Lauren Bacall und Humphrey Bogart lieben lernten: Bogart starrt voller Neid auf den abgenagten Lollistil seines Gegenübers, während der Blick der betörenden Bacall an der breiten Brust des Seemanns Harry Morgan (Bogart) klebt. Wie hätte diese Szene mit einer Fluppe funktionieren sollen?

Shock and Awe im Süßwarenregal

Inzwischen hat der Lolli seine Unschuld verloren. Wenn man heute Stars auf dem roten Teppich mit einem kleinen weißen Stil im Mund sieht, ahnt man die Inszenierung - und wen manche Prominenten den Lutscher tatsächlich noch verpackt an die Lippen führen, wie ich es mal bei Jenny Elvers gesehen habe, wird der Werbetrick zur Gewissheit. Selbst bei Sportlern schleicht sich Misstrauen ein - ist da nicht etwas ganz anderes drin, als bei mir am Kiosk draufsteht, fragte ich mich, als ich Marco Pantani während der Tour de France an einem Lolli saugen sah.

Auch den Lolli als Werbeträger gab es so früher nicht. Im Fanshop auf Schalke gibt es den S-04-Lolli in blau-weiß und selbst den Heiligen Vater kann man als Zuckerschnute vernaschen, als handele es sich um eine Hostie. Bei der Hamburg-Wahl 2001 ließen die Politiker diese fiesen Billigteile, die meine Mutter manchmal mitbrachte, unters Volk streuen, darauf stand: "Lolli lutschen dauert fünf Minuten, wählen gehen zwei Minuten. Geh' kurz wählen!". Die runden Regenbogen-Lollis mit ihrem Parteikürzel, die die Sozialdemokraten zur Bundestagswahl 2005 verschenkten, schmeckten dagegen wenigstens.

Überhaupt werden die schlichten, aber so süßen Träume meiner strohblond-sommersprossigen Kindheit längst umgebranded zum hippen Lifestyle-Accessoire für Erwachsene, die nachts Sonnenbrillen tragen. Was sollen die Hersteller auch tun: Kinder gibt es immer weniger, und die paar wenigen bekommen Bio-Bananen statt Chupa Chups. Thirtysomethings dagegen hauen gerne Geld raus, betrinken sich, nehmen Drogen und haben ungeschützten Sex - da verkürzt ein schneller Schuss Zucker das Leben auch nicht mehr zusätzlich. So gibt es jetzt Tequila-Lutscher mit Fleischeinlage: ein armer Wurm oder eine Heuschrecke schimmert da tatsächlich durch die klebrige Masse und fordert den Lollifan zur Mutprobe heraus - Shock and Awe im Süßwarenregal.

Ab und an kaufe ich mir heute noch einen Lolli. Auf meinem Wochenmarkt gibt es bei Bonbon-Pingel nach wie vor all die klassischen Lutscher - Salmi und so, teils handgemacht, richtig Old School. Meine achtjährige Tochter sucht sich in der von Süßigkeiten überbordenden Auslage meist etwas anderes aus. Sie findet Lollis "nicht schlecht". Aber in ihren Augen haben sie einen Nachteil, auf den wir niemals gekommen wären an jenen endlosen Sommernachmittagen, als wir im Freibad unsere Lutscher unendlich langsam im Mund kreisen ließen, um den Sahnegeschmack über die Zunge zu verteilen: "Das dauert immer so lange."


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