| Das letzte Gefecht: 2003 stand Bernd Wulffen (r.) dem kubanischen Staatschef Fidel Castro zum letzten Mal gegenüber. Als deutscher Botschafter sollte er den Comandante in Havanna überreden, wegen des angespannten deutsch-amerikanischen Verhältnisses auf seinen Berlinbesuch zu verzichten. Viel Überzeugungsarbeit brauchte es nicht. Castro verstand und sagte ab. |
Fidel Castro nimmt Abschied von der Macht. Bernd Wulffen lernte Kubas Diktator ganz aus der Nähe kennen, als Botschafter in Havanna. Fast wäre der Diplomat dem Charme des Máximo Lider erlegen - wären da nicht die Dissidenten gewesen und Castros Wunsch, die Berlinale zu besuchen.
Das erste Mal bin ich Fidel Castro Anfang 2001 begegnet. Das war bei einer Veranstaltung in einem großen Sportstadion in Havanna. Castro zeichnete verdiente Sportler des letzten Jahrhunderts aus und jedes Mal, wenn er einen Athleten beglückwünschte und nach kubanischer Sitte umarmte, flammte Applaus auf. Ich war beeindruckt von der Spontanität der jungen Menschen und davon, dass sie Fidel Castro verehrten wie einen Vater.
Castro hat ein unglaubliches Charisma. Er schaut seinen Gesprächspartner direkt an, baut Distanz ab, fasst sie auch mal am Arm bei dem Versuch, sie von seinen Gedanken zu überzeugen. Das habe ich mehrfach erlebt. Mit seiner sympathischen Art kann er einen schon gefangen nehmen. Er weiß sehr gut, mit Leuten umzugehen. Diese Ausstrahlung ist selten, man muss sich ihr beinahe mit Gewalt entziehen.
Der Revolutionär sammelt Wein
Castro mischte sich immer wieder unters Volk, das habe ich oft auf seinen Reisen durch das Land erlebt. Sobald er aus dem Wagen stieg, riefen die Leute: "Fidel! Fidel!" Er hat mit ihnen gesprochen, Hände geschüttelt und Kinder gestreichelt. Fast immer war er zu einem Witz oder einer launigen Bemerkung aufgelegt.
Als der damalige deutsche Wirtschaftminister Werner Müller im Juni 2001 Kuba besuchte, verteilte Castro am Ende ein paar Geschenke und überreichte jeder Dame aus der Delegation eine Rose. Eine deutsche Dolmetscherin fiel ihm dabei besonders auf. Er wurde noch großzügiger und schenkte jedem Delegationsteilnehmer eine kleine Zigarrenkiste. Eine versah er mit besonderer Widmung und schrieb: "Der Frau ..., der Hübschen und Geheimnisvollen." Solche Scherze machte er gerne. Wir wollten auf unseren Zigarrenkisten dann natürlich auch so eine Unterschrift - die gab er auch, allerdings ohne Verslein.
Zigarren sind auf Kuba ein typisches Gastgeschenk, selbst geraucht hat Castro sie später aber nicht mehr. Das hatten ihm die Ärzte in den achziger Jahren verboten. Auch Rum habe ich ihn nie trinken sehen. Das lag ihm wohl nicht. Er bevorzugte spanischen Rotwein. Als ich einmal bei einem Empfang beim Abendessen neben ihm saß, meinte er: "Sie haben ja keinen Rotwein in Deutschland, sie haben ja nur Weißwein."
Ich antwortete ihm: "Nein, Herr Präsident, wir haben auch sehr guten Rotwein in Deutschland und eine ganze Reihe von Anbaugebieten. Ich werde mir erlauben, Ihnen eine Flasche deutschen Rotweins zu schicken." "Ach nein", sagt er, "schicken Sie mir bitte zwei. Die eine werde ich trinken und die andere kommt in meine Sammlung." Die Weinsammlung war sein Hobby.
Vom Schlag getroffen
Bei Empfängen im Staatsratsgebäude habe ich Castro dann öfter getroffen und ihn auch zu mir in die Botschafter-Residenz eingeladen. Einmal war eine Delegation aus Hessen zu Besuch, es sollte um die Themen Biotechnologie und Verkehrsinfrastruktur gehen. Es war ein ganz merkwürdiger Abend. Es fing an zu regnen, was ungewöhnlich war im Februar und ich hatte mich mit den Besuchern aus Deutschland ins Innere der Residenz zurückgezogen.
Plötzlich wurden Stimmen laut. Jemand rief "El Comandante!" und eine Hausdame der Botschaft kam aufgeregt hereingelaufen und rief, wir müssten herauskommen. Da stieg Castro schon aus seinem Wagen in der khakifarbenen Uniform, die er fast immer trug. Ich habe ihn die Treppen hinauf begleitet. Die Hessen waren wie vom Schlag getroffen. Die wussten gar nicht, was los war.
Castro begrüßte die Delegationsmitglieder und schaute sich wie ein freundlicher Gast um, besonders in meiner Bibliothek. Er ist ein großer Büchernarr. Dann ging es zur Sache und wir haben uns über aktuelle weltpolitische Fragen und besonders über das Bundesland Hessen unterhalten, das ja im Mittelpunkt des Abends stehen sollte.
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