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1948-2008

60 Jahre Augsburger Puppenkiste Viertel vor Zwölf in Lummerland


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Die Stars: Leicht abgeschabt, aber immer noch beliebt, die berühmtesten Marionetten aus der Augsburger Puppenkiste, Lukas der Lokomotivführer, Urmel und Jim Knopf (v.l.) präsentierten sich am 11.03.2004 in Frankfurt/Main ihrem Publikum. Der Anlass war die Vorstellung einer DVD-Serie mit ausgewählten Folgen des Marionettentheaters.

Jim Knopf, Lukas der Lokomotivführer und Urmel aus dem Eis waren Ikonen von Generationen. Nun ist die Augsburger Puppenkiste 60 - und die Kinder von heute sehen lieber "Yuh-Gi-Oh" oder "Die Simpsons". Verschwinden die hölzernen Puppen bald für immer in der Kiste? Von Peter Luley


Als die Lokomotivführer Lukas und Jim Knopf auf ihrer Reise zum Magnetberg der Meeresprinzessin Sursulapitschi begegnen, werden sie mit einem anderen Zeitverständnis konfrontiert: 200 Jahre zählen in der Unterwasserwelt der Nixe gerade mal ein Fingerschnippen. Da knipsen die beiden rasch das Meeresleuchten an und machen sich ansonsten lieber davon. Nach den märchenhaften Maßstäben dieser Episode aus "Jim Knopf und die Wilde 13" wäre der 60. Geburtstag, den die Augsburger Puppenkiste gerade feiert, nicht der Rede wert. In der realen Medienwelt ist er es.

Schließlich verströmt das Bewegen von Holzfiguren an Fäden wie wenige andere Kunstformen das Aroma von Nostalgie und Anachronismus. Dass die Augsburger Puppenkiste zur bekanntesten deutschen Spielstätte dieses Genres avancierte und bis heute ein vitales Programm aus jüngeren und älteren Klassikern wie "Die kleine Hexe" und "Dornröschen" sowie Erwachsenen-Kabarett präsentieren kann, liegt denn auch nicht zuletzt an der jahrzehntelangen erfolgreichen Kooperation mit einem anderen, moderneren Medium: dem Fernsehen.

Live aus dem Bunker

Natürlich hatte Gründer Walter Oehmichen (1901-77), der das Marionettentheater nach Kriegsende zusammen mit seiner Frau Rose und den beiden Töchtern Hannelore und Ulla im ehemaligen Heilig-Geist-Spital in der Augsburger Altstadt aufbaute, bei der Namensgebung keineswegs die Flimmerkiste im Sinn. Als er das Haus am 26. Februar 1948 mit dem "Gestiefelten Kater" eröffnete, verfolgte er die Vision eines "Unterwegstheaters", einer mobilen Bühne, die leicht auf- und abgebaut werden konnte.

Doch schon am 21. Januar 1953, nur vier Wochen nach der Premiere der "Tagesschau", ging mit "Peter und der Wolf" die erste Fernsehübertragung über die Bühne - und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Mangels Aufnahmetechnik wurde live aus dem Bunker an der Hamburger Feldstraße gesendet, in dem der damals einzige deutsche TV-Sender, der Nordwestdeutsche Rundfunk, seinen Sitz hatte. Es waren diese - in der Folge vor allem mit dem Hessischen Rundfunk realisierten - Fernsehstücke, die die Bühne bundesweit bekannt machten - und einige ihrer "Stars an Fäden" zu Ikonen von Generationen.

Vor allem die Adaption des Michael-Ende-Kinderbuchs "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" (1961/62) und das "Urmel aus dem Eis" (1969) nach Max Kruse mehrten den Ruhm der Puppenbühne. Inzwischen wurden die TV-Stücke im zum Studio umgebauten Foyer des Theaters realisiert - meist unter Leitung des Autors und Regisseurs Manfred Jenning und mit veritablem Spielfilm-Aufwand: Gerade mal drei bis vier Sendeminuten pro Tag schafften die Aufnahmeteams aus Dekorateuren, Toningenieuren, Beleuchtern und Kameraleuten. Das Haus entwickelte sich zu einer wahren Kinderbuchkanonisierungsmaschine: Es folgten die Erdmännchen-Saga "Kleiner König Kalle Wirsch" (1970) nach Tilde Michels und die Erlebnisse des von Paul Maar erdachten frechen Fabelwesens Sams (1977/80). Wegen der speziellen TV-Produktionsbedingungen waren diese Stücke allerdings stets von den Bühneninszenierungen abgekoppelt und nicht "live" in Augsburg zu sehen.

Mit Emma über ein Meer aus Plastikfolie

Charakteristisch für den Puppenkisten-Stil war dabei zum einen die liebevolle, heimelig-kreative Inszenierung - in dem Meer aus blauer Plastikfolie, über das Lukas und Jim mit ihren Allzweck-Dampfloks Emma und Molly fuhren, konnte definitiv niemand ertrinken. Zum anderen gehört der Verzicht auf plakative Pädagogik zu den Verdiensten der Macher. Abgesehen von den ein wenig bildungsbeflissenen "Museumsratten", deren Expeditionen gelegentlich in Abfrageunterricht ausarteten, rangierte Fantasie vor dem erhobenen Zeigefinger.

Dem jungen Zielpublikum wurde ganz selbstverständlich fortschrittliches Denken vermittelt: Bei den Abenteuern von Jim und Lukas konnte es schon mal vorkommen, dass Schwarze, Indianer, Eskimos und Chinesen in geselliger Runde beisammen saßen - wenn man so will, eine frühe Multikulti-Vision. Neugier wurde gefördert, wenn die Helden en passant physikalische Phänomene wie den Magnetismus erklärten oder gar das "Perpetumobil" erfanden; und irgendwie führten einem die reiselustigen Lokführer auch die Notwendigkeit vor Augen, das übersichtlich-beschauliche eigene Umfeld hin und wieder zu verlassen, wenn man nicht so jämmerlich versauern wollte wie die Insel-Bewohner Herr Ärmel und Frau Waas.

Königs-Figuren wie Lummerland-Monarch Alfons, der Viertelvorzwölfte, waren meist so trottelige Gestalten, dass Autoritätsgläubigkeit gar nicht erst in Frage kam. Hübsch auch die Allegorie vom Scheinriesen Tur Tur, der immer kleiner wurde, je näher der Betrachter rückte. Und auch das freche grüne Sams trieb seinen Wahl-Papa Herrn Taschenbier ja nicht nur zur Verzweiflung, sondern auch zur Zivilcourage an, vor allem gegenüber seiner Vermieterin Frau Rotkohl.

Mit Monty Spinnerratz gegen Lara Croft

Natürlich haben all die Puppen, die im Lauf der Jahre in der berühmten goldbraunen Kiste ihr Unwesen trieben (über 5000 hat der heutige Intendant Klaus Marschall im Fundus), längst mächtige Konkurrenz bekommen: Heute buhlen schließlich auch die Teletubbies, Lara Croft, Playstations und durchgestylte Hollywood-Abenteuer um die Gunst der kleinen und ganz kleinen Zuschauer - die Zeiten der goldigen HR-Lokomotive dagegen sind vorbei. Im Bestreben, mit den Zeitläuften Schritt zu halten, wagte die Augsburger Puppenkiste 1997 mit "Die Story von Monty Spinnerratz" sogar selbst den Sprung auf die Kinoleinwand. Und man suchte und fand neue Kooperations-Partner: So geht seit 2005/2006 Schlaubär Ralphi für den bayerischen Bildungskanal BR alpha auf Erkundungstour.

Die Breitenwirkung von einst ist damit nicht mehr zu erzielen. Doch noch immer findet die liebevolle Kunst am Faden ihr Publikum, beschäftigt die Augsburger Institution 40 Angestellte - darunter 15 Puppenspieler, die die aus Lindenholz geschnitzten Figuren von der Brücke herab mittels sogenannter Spielkreuze durch die Kulissen dirigieren. Dass es gelingt, diesen kleinen Mythos am Leben zu erhalten und dabei die richtige Mischung aus Marketing und Innovation zu finden - das ist den Betreibern zum 60. Geburtstag zu wünschen.


Debatte

insgesamt 5 Beiträge zur Debatte
Frauke Feilbach am 4. März 2008, 13:35
Fans wie Herr Kruse dürfen sich jetzt freuen: Ab 5. April feiert der KIKA das Jubiläum. Ab 6 Uhr mit "Der kleine dicke Ritter". Um 8.25 Uhr folgt "Urmel...

Jan-P Kruse am 26. Februar 2008, 11:31
Leider findet die Puppenkiste so gar nicht mehr statt im Fernsehen, z.B. auf KiKa. Das finde ich sehr schade, der genauer Grund ist mir nicht bekannt. Ich würde mir...


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